Von Michael Schwelien

Ost-Berlin, im Juni

Anzumerken ist ihr nicht, daß sie eine Woche hinter sich hat, die historisch zu nennen nun wirklich nicht zu hochgegriffen ist. Die Feierstunde der beiden deutschen Parlamente am 17. Juni im Schauspielhaus am Ostberliner Platz der Akademie; die Verabschiedung des Staatsvertrages am Donnerstag vergangener Woche; die Erklärung zur Garantie der polnischen Westgrenze. Rückbesinnung auf die düstersten Stunden der Unfreiheit, Wiederherstellung des Rechts, Anerkennung der Kriegsschuld und der daraus gezogenen Nachkriegsgrenze – das hat die Volkskammer zeitgleich mit dem Bundestag in den fünf Tagen vom 17. Juni bis zum 21. Juni geleistet.

Doch grau fängt der 22. Juni an, für Ursula Vollbrecht, für die meisten Abgeordneten des Parlaments, das sich selber zur Aufgabe gemacht hat, so bald wie möglich überflüssig zu werden. Die Sozialdemokratin, Mutter zweier erwachsener Söhne, hat die kurze Nacht im „Haus 2“ des ehemaligen Ledigenwohnheims des Staatssicherheitsdienstes in der Ostberliner Ruschestraße verbracht. „Abgeordnetenhotel“ heißt der zum Stasikomplex an der Normannenstraße zählende Plattenbau. Aber Hotel: Das ist eher euphemistisch. Schwere Stahltore riegeln die Zufahrt ab. Ein Schließer weist jeweils zwei Abgeordneten eine Apartementzelle zu. Frau Albrecht fürchtet sich vor ihm, nicht nur, weil sie seinerzeit verhaftet worden ist, als sie gegen den Bau der Mauer protestierte. Die Zimmer sind kärglich mit zwei Sesseln, Cocktailtisch, Pritsche und Fernseher bestückt, die Korridore niedrig, von Neonröhren nur spärlich erhellt. Am Vorabend war es keinem der Volksvertreter in den Sinn gekommen, die Ereignisse ausgelassen zu genießen. Beim Bier führten sie in der Kantine die Fraktionssitzungen fort. Ursula Vollbrecht hatte sich noch Akten mit ins Bett genommen, darunter die Tagesordnung und bundesdeutsche Sozialgesetze.

Das Abgeordnetenleben in der Hauptstadt der DDR ist weit trostloser als jenes im Dauerprovisorium Bonn, aber es unterscheidet sich kaum von der Realität der normalen DDR-Bürger. Ursula Vollbrecht bleibt keine Zeit für das Frühstück in der Stasikantine – die Warteschlange ist zu lang. Dort, wo sie in den Palast der Republik hineingeht, hängt ein Transparent: „Ihr seid ein Volk.“ Vermutlich haben es Studenten aufgehängt, die doch irgendwie mit dem alten Regime sympathisieren. Am Eingang für die Abgeordneten zeigt sie ihren Parlamentarierausweis vor, „pflichtbewußt“, wie sie selber sagt, und „immer noch ein bißchen beunruhigt“. Es wirkt wirklich wenig selbstbewußt, wenn die Gewählten sich vor jenen Herren mit Kreppsohlen und changierenden Anzügen legitimieren, die schon früher hier Posten bezogen haben und die ein Abgeordneter unverblümt, aber doch nicht deutlich hörbar „die alten Visagen“ nennt.

Aber drinnen? Fühlen sich die Volksvertreter im schallschluckenden, orange ausgelegten Plenarsaal souveräner? Alle klagen über den Zeitdruck, die Schwierigkeiten mit den zumeist auf Bonner Vorlagen basierenden Gesetzestexten, Schwierigkeiten, die bis hin zur Sprache gehen. „Was – bitte – ist ein Haushaltungs-, pardon, ein Haushaltsvorstand?“ fragt eine Parlamentarierin über den bis dato in der DDR unbekannten Begriff. Kritiker wie der Rostocker Pfarrer Joachim Gauck, Mandatsträger des Bündnis 90, bemängeln die „Eilfertigkeit“ und das „Erfüllungsgehilfenwesen“, die auch dieses erste frei gewählte Parlament der DDR ergriffen hätten. Diese beiden „deutschen Tugenden“, die eine Zierde seien, wenn es etwa gälte, eine Katastrophenhilfe zu organisieren, schlügen hier, in der Volkskammer, in Untugenden um. Der Stil sei verfallen seit jenem „schönen Morgen“, jenem ersten Sitzungstag, da er das „Haus der Abgeordneten“, das frühere ZK-Gebäude gegenüber dem Palast der Republik, betrat und zu sich selber sagte: „Da gehörst du jetzt rein, da, wo bisher jene saßen, die dich auf ihre Internierungslisten gesetzt haben.“

Nach der „richtigen Revolution“ wollte man sich eine „richtige Grundordnung“ geben, sagt Gauck: „unser Parlament“ aufbauen, „unsere Verfassung“ schreiben, „unsere“, auch wenn sie nur „ein Surrogat“ sein sollte. Dieses grundsätzliche Ziel werde nun von der Mehrheit als „uneigentlich“ angesehen. Die Koalitionsmehrheit sei zu schnell dabei, zu „eilfertig“ eben, den Bonner Zeitplan zu erfüllen. Man habe in der DDR immer auf die „Retter von außen“ gesetzt: erst Gorbatschow, dann der Runde Tisch, Willy Brandt, jetzt Kohl. Doch auch Gauck weiß wohl, daß die „Mehrheit der Abgeordneten die Bevölkerungsmehrheit repräsentiert“. Und er, der als Aktivist in der Bürgerbewegung jenen Mut zeigte, den die Wähler später nicht honorierten, zweifelt nicht etwa grundsätzlich am Demokratieverständnis seiner Kollegen. Er bemängelt allein die Geschwindigkeit, mit der Gesetze verabschiedet werden. Sie zeuge von „wenig Selbstvertrauen“, auch von „Fremdbestimmtheit“.