Von Hans-Joachim Müller

Danae verspürt ein leichtes Prickeln auf ihrer schönen Haut. Gleich werden die himmlischen Geldstücke auf ihren nackten Leib prasseln, was sie mangels Vergleichsgefühl doch in etwas zartbittere Genußstimmung hebt. Daß Zeus, der alte Liebestolle, die liebliche Tochter des Königs Akrisios ausgerechnet in Gestalt einer olympischen Münzausschüttung heimsuchen würde, versetzt selbst die Amorette in ratloses Staunen, die an solche Narreteien ja eigentlich gewöhnt sein sollte.

Für den zufälligen Augenzeugen der göttlichen Anmache, für den Maler Tizian, ein vorzüglicher Anlaß, wieder einmal sein Bestes zu geben. Keiner vor ihm wohl hat das Malerlied der Frauenschönheit so verführerisch gesungen. Seine Danae wird er also noch einige Male wiederholen und dabei diverse Sonderwünsche berücksichtigen müssen. Für einen sparsameren Auftraggeber zum Beispiel hat er eine Dienstmagd auf die Bettstatt gesetzt, die den jähen Goldregen in ihrer Schürze aufzufangen sucht. Und über eine andere Variante gibt zumindest ein Tizian-Brief aus dem Jahr 1554 gefällige Auskunft: „Da die Danae, die ich Eurer Majestät früher schon geschickt habe, ganz von vorne dargestellt war, wollte ich Euch jetzt auf dem zweiten Bild eine Abwechslung bieten, weshalb ich die Frau von der entgegengesetzten Seite gezeigt habe, damit das Zimmer, für das die Bilder bestimmt sind, noch angenehmer anzuschauen ist.“

Es war eine unvergleichliche Künstlerkarriere gewesen, die im Pestjahr 1576 zu Ende ging. Wie alt Tizian geworden war, ist bis heute umstritten. Zum hundertjährigen Maler-Methusalem, als den ihn das 19. Jahrhundert ehrfürchtig feierte, macht ihn heute kaum noch einer. Eine große Ausstellung in Venedig mit rund 80 Arbeiten aus einem Werk, das um die 500 Nummern zählt, setzt jetzt 1490 als Geburtsjahr an und gewinnt so wenigstens ein rundes Jubiläum. „Biblisch“ muß das Alter des Malers allemal gewesen sein. Die beiden Selbstportraits (aus Madrid und Berlin) erscheinen rein erfüllt vom Ausdruck skeptisch-weiser Lebensbilanz, die trotz päpstlichen Segens und kaiserlicher Gunst die Summe stolzer Unabhängigkeit ziehen darf.

Nach dem frühen Tod Giorgiones offizieller Maler der venezianischen Republik, knüpft Tizian rasch Geschäftsbeziehungen mit den Höfen in Mantua, Ferrara und Urbino, bis er schließlich in ganz Europa seine zahlungskräftige und einflußreiche Klientel hat. Der Papst hätte ihn gerne in Rom bei sich. Und Kaiser Karl V. bestellt vom Krönungsjahr 1530 an zu allen möglichen repräsentativen Gelegenheiten ein neues Herrscherbildnis. Zum Augsburger Reichstag lädt er Tizian an seinen Hof und soll ihn ganz eng in seine gnädigliche Obhut genommen haben, um sich nur ja mit ihm auch unkompliziert treffen zu können. Während der Abwesenheit vom heimatlichen Atelier Ca’ Tiziano sorgt dann der großmäulige Propagandist Pietro Aretino für den flüssigen Fortgang der Geschäfte, indem er über eine Reihe möglicher Maler-Konkurrenten derart boshaft schmeichelnde Briefe in Umlauf bringt, daß gar kein Zweifel aufkommen kann, wer in Wahrheit die künstlerische Nummer eins in Venedig war und ist und bleibt.

Es war schon ein besonders effizientes Unternehmen, die Kunstproduktions- und Kunstvertriebsgesellschaft Tizian mit ungefährdeten Absatzmärkten über etliche Jahrzehnte hin. Um so stupender die Leistung des Malers, angesichts voller Auftragsbücher niemals zum Discounter geworden zu sein und noch in die Dutzendware seine eminente malerische Begabung investiert zu haben. Die „büßende Magdalena“ zum Beispiel, ein offensichtlich äußerst beliebtes Sujet (mindestens sechs Fassungen sind im Werk nachweisbar), zählte bestimmt nicht zu den malerischen Herzensangelegenheiten Tizians, aber sie hat dann doch – ob mit wallend ihre sündige Blöße verdeckendem Haupthaar oder mit halbgeöffneter Bluse oder mit erbarmungswürdig geröteten Augen – ganz eigenwillige, schwerlich an der theatralischen Konvention meßbare Auftritte.

Das bleibt schon Tizians Geheimnis, wie er es geschafft hat, seinen Malweg immer wieder mit den Weltläufen zu kreuzen und ihm doch eine ganz eigene Richtung zu geben. Die mancherlei Orden und Ehrenzeichen haben ihn jedenfalls nicht korrumpieren können. Er beharrte auf seiner künstlerischen Autonomie, und das ist vielleicht gerade so staunenswert wie die ungebrochene Wertschätzung, die sein Werk durch alle Jahrhunderte begleitet hat.