Die kurze, wechselvolle Geschichte der Ostmark geht jetzt zu Ende

Von Joachim Nawrocki

Straßenfest in der Potsdamer Fußgängerzone am vergangenen Wochenende. Rock- und Countrybands spielen unter dem Signum einer westdeutschen Versicherung. In der früheren Klement-Gottwald-Straße, die seit einigen Monaten wieder Brandenburger Straße heißt, wie zuvor schon über drei Jahrhunderte lang, werden an zahllosen Marktständen italienische, chinesische und türkische Gerichte angeboten, westdeutsches Bier, Pfälzer Wein, Süßigkeiten, Jeans, Kunsthandwerk, antiquarische Bücher. Die Verkäufer kommen von überall her: DDR, West-Berlin, Westdeutschland. Die Potsdamer Kaufhäuser werben mit Preisstürzen. „Jetzt zugreifen“ steht an einem Schaufenster. Die Währungs- und Wirtschaftsunion hat hier schon stattgefunden. Westmark wird je nach Belieben in Zahlung genommen: 1 : 1 oder 1,5 : 1 oder auch 1 : 2. Und, welch Wunder, die Cafés sind auch abends noch geöffnet. Bisher wurden um 18.00 Uhr die Stühle auf die Tische gestellt.

Die Marktwirtschaft hält Einzug in der DDR. Die Ostmark verschwindet aus dem Wirtschaftskreislauf. Zur Jahreswende liefen in der DDR 17,1 Milliarden Ostmark in bar um, Ende Mai betrug der Bargeldumlauf noch 12,3 Milliarden, jetzt hat jeder DDR-Bürger nur noch das bis Ultimo Nötige in der Tasche. „Das wird jeden Tag weniger“, sagt Bernd Schröter von der Staatsbank der DDR. Die Noten und die größeren Geldstücke verlieren ihre Gültigkeit, in Ausnahmefällen können sie aber noch bis zum 30. November eingelöst werden. Die Münzen bis zu fünfzig Pfennig bleiben einstweilen gültig (und zwar theoretisch auch in der Bundesrepublik), namentlich weil die Münzautomaten in der DDR nicht so schnell umgestellt werden können (siehe auch unten).

Das ist nun das Ende einer Währung, deren Geschichte am 24. Juli 1948 begann. Übrig bleiben etwa 200 Tonnen Altpapier, grob geschätzt, und ebenso viele Tonnen Alu-Chips, wie die Leichtmetallmünzen in der DDR genannt werden. Nur die Sonderprägungen und Gedenkmünzen steigen rapide im Wert. Die erste ausgegebene Gedenkmünze für Karl Friedrich Schinkel von 1966, Auflage 50 000 Stück, kostete im vorigen Jahr noch 160 D-Mark und wird jetzt für 1200 bis 1400 D-Mark verkauft. Eine sehr seltene Motivprobe für die Clara-Zetkin-Gedenkmünze von 1982 liegt schon bei 18 000 D-Mark.

Die Historie dieser sozialistischen Währung spiegelt eindrucksvoll die Geschichte des Staates, dessen Zahlungsmittel sie war: Es gab Kurswechsel und Namensänderungen, ihr Wert wurde von der offiziellen Propaganda maßlos überschätzt und geradezu verklärt, und das Ende dieses Staates sowie das Ende seiner Währung bedingen sich gegenseitig. Mit der Einführung der Deutschen Mark gibt die DDR ihre wirtschafts- und finanzpolitische Souveränität auf; die geldpolitische Verantwortung wird von der Deutschen Bundesbank übernommen. Das riesige alte Staatsbankgebäude in der Ostberliner Charlottenstraße wirkt fast schon wie das Mausoleum einer Währung, die von den DDR-Bürgern nicht zu Unrecht als „Spielgeld“ oder „Spaßmark“ bezeichnet wurde.

Es begann mit der „Klebemark“. Nachdem sich die vier Alliierten auf eine gemeinsame Währungsreform nicht einigen konnten, weil die Sowjets eine Kontrolle des Geldumlaufs ablehnten, wurde Mitte Juni 1948 in den Westzonen die D-Mark eingeführt, die schnell zu einer der härtesten Währungen der Welt aufstieg. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) mußte überrascht nachziehen und erließ am 23. Juni den SMAD-Befehl Nr. 111/1948 über die Währungsreform in ihrer Zone. Weil es aber kein neues Geld gab, wurden alte Rentenmark- und Reichsmarknoten mit kleinen Kupons mit Wertaufdruck beklebt; vier Tage lang pappten Bankangestellte die Wertmarken auf die alten Scheine. Jeder Bürger erhielt zunächst 70 neue Mark, Spareinlagen bis 1000 Mark wurden 5:1, höhere Beträge 10 : 1 abgewertet.