Von Wladimir Kulistikow

MOSKAU – Winstoh Smith. der Held von Orwells „1984“, betrachtete den unförmigen Körper einer Proles-Frau and dachte bei sich, sie oder eine ihrer Töchter oder Enkelinnen werde eines Tages jene Generation gebären, die die eiserne Tyrannei der Partei vernichten „wurde, Ali ich „1984 im Jahre 1984 heimlich las – das Buch war damals in der Sowjetunion noch verboten nahm ich die Passage wörtlich and setzte meine Hoffnung auf die Urenkelinnen

Heute in den Schicksalstagen der Gorbatschow-Ära erscheint sie mir dagegen als vielsagende Allegorie. Denn die unförmige Kreatur, die die Zerstörung der kommunistischen Diktatur hervorbrachte, entstammt nicht der Masse der unterdrückten Proles, sondern es ist die herrschende Partei selbst. Die Mörder sind die fähigsten, bestausgebildeten, zivilisierte sten Fühler, die die Partei je hatte. Sie wollten ihrer alten Mutter auch keineswegs den Todesstoß versetzen und lieben sie noch, während sie es tun.

Wie kam es zu der Aushöhlung der Diktatur der kommunistischen Partei in meinem Land? Die Wissenschaftler sehen die Ursache in der Wirtschaftskrise, in nationalistischem Aufbegehren, im Unmut der Bevölkerung. Aber diese rationalen Analysen können nicht erklären, warum die Demontage der Einparteienherrschaft ausgerechnet vom Führungszirkel der Partei selbst ausging, ohne sichtbaren äußeren Druck. Was die Mitglieder dieses Führungszirkels antrieb, war eine Einstellung, die sie kaschiert hatten, solange sie noch auf der Leiter der Macht nach oben geklettert waren: Sie wollten die Macht, aber sie wollten sie auf menschliche Weise ausüben.

Welch merkwürdige Einstellung für die Oberbefehlshaber einer Armee, die seit über 70 Jahren einen Bürgerkrieg gegen die menschliche Natur führt! Der Kommunismus russischer Prägung bedeutete von Anfang an die Anbetung nackter Macht – Macht um jeden Preis und mit allen Mitteln. Die moralischen Kriterien, die Gorbatschow und seine Anhänger in die sowjetische Politik eingeführt haben, sind deshalb eine tödliche Ketzerei, die das Überleben der grauen Kirche, der kommunistischen Partei, und ihrer gottlosen Religion in Frage stellt. Ein wichtiges Rad im eisernen, stalinistischen Uhrwerk der sowjetischen Elite-Auswahl zerbrach, als Parteiführer mit natürlichen, menschlichen Vorstellungen die Wandelhallen des Kreml betraten.

Die heutige Führungsgeneration der KPdSU – ob konservativ, fortschrittlich oder gemäßigt – ist die erste, die nicht im Blutsee des großen Terrors getauft wurde. Gewiß, auch sie beteiligte sich bei ihrem Aufstieg zur Macht an der moralischen Erniedrigung ihrer Rivalen, an rituellen Hexenverfolgungen und ähnlichem. Aber sie tötete nicht selbst und befahl nicht das Töten anderer. Ihre Mitglieder sind nicht die Menschenverächter aus Stalins schöner, neuer Welt; sie sind lediglich menschlich, und nichts Menschliches ist ihnen fremd. Sie wollen nicht die rücksichtslose Macht, sie fühlen sich in unmenschlichen Parteistrukturen unwohl. Aber sie sind dennoch darin aufgewachsen und können ohne sie nicht leben. Die Folge: Sie versuchten, die Partei menschlicher zu machen – und leiteten damit ihr Ende ein.

Während die Reformer sich noch bemühen, die KPdSU am Leben zu erhalten, geht es den einfachen Parteimitgliedern ums eigene Überleben. Gedanken an den Nürnberger Gerichtshof und die Entnazifizierung in Deutschland verfolgen sie. Die Schlangen derer, die die Partei verlassen wollen, sind inzwischen länger als die Ansammlungen vor den leergefegten Geschäften oder den Visa-Schaltern westlicher Konsulate. Die Fabrikarbeiter werfen ihre Parteiausweise einfach weg. Die Intellektuellen versuchen, ihren Austritt zur Polit-Show zu machen – sie beschreiben, bereden und – wie jüngst ein junger Künstler – besingen ihn gar.