Würden Sie bitte Ihren Sonnenschirm näher ans Wasser stellen? An diesem Strand vergraben seltene Schildkröten nachts ihre Eier, und die könnten durch die Schirme zerstört werden.“ Die drei jungen Frauen laufen von Badelaken zu Badelaken und fordern die Touristen zum Platzwechsel auf. Die beiden Schweizerinnen und die Engländerin sind Teilnehmerinnen eines Camps der Sea Turtle Protection Society auf der griechischen Insel Zakynthos und patrouillieren täglich am Strand. Ein ziemlich hoffnungsloses Projekt: Der mehrere Kilometer lange Strand ist von Touristen belagert. Viele zeigen sich zwar einsichtig, äußern Verständnis für den Naturschutz im allgemeinen und den Schutz von Schildkrötennestern im besonderen. Am nächsten Tag rammen sie ihren Schirm aber wieder an derselben Stelle in den Sand.

Zakynthos, die grünste und sonnenreichste Insel im Ionischen Meer, zieht jährlich viele tausend Touristen an – hauptsächlich Engländer und Deutsche, die einen Pauschalurlaub gebucht haben. Erst vor etwa zehn Jahren stellten Biologen fest, daß achtzig Prozent der im Mittelmeer lebenden Karettschildkröten (Caretta caretta) in die Bucht von Laganas auf Zakynthos kommen, um im Sand ihre Gelege zu vergraben. Nach etwa sechzig Tagen schlüpfen dann nachts die nur fünf Zentimeter großen Jungen, orientieren sich an der schimmernden Oberfläche des Meeres und finden so ihren Weg ins Wasser.

Seit dieser Entdeckung schwelt zwischen mehreren Gruppen von Schildkrötenschützern, einheimischen Landbesitzern und der griechischen Regierung ein Konflikt, bei dem es schon zu Handgreiflichkeiten gekommen ist; eine Auseinandersetzung zwischen Tourismus und Naturschutz, die durch Untätigkeit und Unfähigkeit der Behörden eskaliert.

Die Meeresschildkröten, die mehr als hundert Jahre alt werden, haben ein einzigartiges Ortsgedächtnis. Auch wenn sie im Laufe ihres Lebens das halbe Mittelmeer durchqueren und beispielsweise vor der algerischen Küste auftauchen: Zur Fortpflanzung kehren sie immer wieder in die Bucht zurück, in der sie einmal aus dem Ei geschlüpft sind. Einen „Ersatzstrand“ würden sie niemals akzeptieren. Wenn einer der von den Schildkröten bevorzugten Strände zubetoniert wird oder eine laute Diskothek die Tiere vertreibt, ist das Überleben der ganzen Art gefährdet.

Die Society, wie sich die Naturschützer nennen, kümmert sich seit 1983 um die Schildkröten. Zunächst einmal galt es herauszufinden, wo die wichtigsten Schildkröten-Strände liegen, wie viele der weiblichen Tiere sich dort in den Nächten zwischen Juni und September aus dem Meer schleppen, um ihre Nester zu bauen. Noch heute zählen die Mitarbeiter der Society an den Stränden von Laganas jeden Morgen die Spuren im Sand und registrieren die Nester. Sofort nach der Entdeckung des nächtlichen Nestbaus forderte der Verein von der griechischen Regierung Schutzmaßnahmen.

Daraufhin wurden die Schildkröten unter Naturschutz gestellt, der Bootsverkehr in der Bucht von Laganas eingeschränkt, und seit 1984 sind alle Bauarbeiten an den Schildkröten-Stränden verboten. Die regierungsamtliche Rigorosität ärgerte die einheimischen Landbesitzer: Während die Hoteliers in dem schon bebauten Teil der Bucht durch den Tourismus reich wurden, saßen ihre Nachbarn auf „geschützten“ Grundstücken und mußten zusehen, wie der Boom an ihnen vorbeiging. Forderungen nach Entschädigung verhallten in Athen ungehört.

Währenddessen geriet die Society zwischen die Fronten: Die Einheimischen sahen in den meist aus Athen stammenden Naturschützern Eindringlinge, die sich in ihre Angelegenheiten einmischten. „Wir leben seit Jahrhunderten hier mit den Schildkröten zusammen“, lautet ihre Argumentation, „und wir werden das Problem auch alleine lösen.“ Zelte der Naturschützer wurden aufgeschlitzt, Informationsstände zerstört. Die Society stand auf Zakynthos plötzlich im Verdacht, der verlängerte Arm der Regierung zu sein. Weil ihre Arbeit aus EG-Mitteln gefördert wurde, warfen die Einheimischen den Naturschützern vor, mit dem Schutz der Schildkröten nur Geld verdienen zu wollen.