Tun wir mal so, als würde, was ja auch wahrscheinlich ist, das künftige gesamtdeutsche Parlament noch eine ganze Weile in Bonn bleiben. Dann möchten wir jetzt zum Beispiel nicht Bücker heißen. Denn Dr. Joseph Bücker, der Direktor beim Deutschen Bundestag, sozusagen sein Generalsekretär, muß schon jetzt für die Zeit nach dem Tag X vorsorgen – nicht für die feierliche Konstituierung der neuen deutschen Volksvertretung, die gewiß im Berliner Reichstag stattfinden wird, sondern für die Monate, vielleicht Jahre danach. Und da muß er mit so vielen Unbekannten hantieren, daß es schier zum Verzweifeln ist.

Das hübsche Provisorium des Bonner Wasserwerks ist für die vermutlich 662 künftigen Abgeordneten natürlich endgültig zu klein. Da nützen auch wiederholte „Begehungen“ nichts, Augenschein durch Lokalinspektion, bei der im Geiste die Stuhlreihen noch enger aneinandergerückt oder der Bundesratsbank und der ohnehin ziemlich gestauchten Besuchertribüne noch ein paar Plätze abgezwackt werden. Für Arbeitssitzungen ohne vollständige Präsenz mag das Übergangsgehäuse ja reichen. Was aber bei „großen“ Sitzungen mit vollem Haus?

Hoffnungen auf das neue Plenum sind eitel. Das wird bis 1992 auf sich warten lassen, selbst wenn man Dampf machen und ein paar Monate herausschinden würde. Doch Dampf? Dazu müßte, so wird das Bundesbauministerium zitiert, „zunächst ein Prüfungsantrag in Auftrag gegeben werden. Wenn das Ergebnis vorliegt, können wir sagen, ob man mit Tempo etwas machen kann“. So ist das bei den Baubürokraten.

Also greifen die Gedanken weiter aus – etwa zur Bonner Beethovenhalle: ein passender, aber kein idealer Ort, oder zum neuen Hotel und Kongreßzentrum „Maritim“, innen ein Protzbau aus Marmor und Kristall, viel wilhelminischer noch als im alten Berlin. Doch selbst wenn das Parlament sich dieses Milieu zumutete – könnte der Parlamentsbetrieb Hotelgästen zugemutet werden? Es sei denn, man mietete gleich den ganzen Klotz.

Darin steckt der nächste Teil von Bückers Nachtgedanken. Die 144 zusätzlichen Abgeordneten, mit denen der Bundeswahlleiter bisher rechnet, brauchen auch noch anderen Raum, für sich und ihre Mitarbeiter. Und wie die bisherigen Fraktionen weiteres Personal samt Platz benötigen werden, so erst recht neue Gruppierungen im künftigen Bundestag, ebenso dessen Verwaltung. Was aber aus dem Erweiterungsbau hinter dem „Langen Eugen“ wird, steht in den Sternen – jedenfalls so lange, bis das Thema „Bonn oder Berlin“, ein Nachtmahr für sich, ausgestanden ist.

Also bleiben auch hier fürs erste nur Übergangslösungen. Das Parlament, sowieso noch immer über viele Dependancen verteilt, muß sich per Anmietung noch weiter verstreuen. Nur: Einmieten für wie lange? Schließlich geht es um Steuergelder, die jetzt schon nach einer Menge Millionen zählen. Und überhaupt: Soll, kann, darf man eigentlich schon mieten?

Vielleicht kann Joseph Bücker, was wir ihm wünschen, gelegentlich im Rheinauenpark in unmittelbarer Nachbarschaft des Bundestagsviertels spazierengehen. Und sicherlich hat er jetzt häufiger auch in Berlin zu tun. Aber beides kann ihn nicht fröhlicher stimmen. Ergeht er sich im Park, erblickt er gleich gegenüber ein kahles Gelände. Dort sollte das neue Diplomatenviertel entstehen. Doch nun ist da nur, von Karnickeln umsprungen, die syrische Botschaft zu sehen. Alle anderen Interessenten haben ihre Pläne auf die lange Bank geschoben – Brasilien, Griechenland, Indien, Schweden und Singapur. Und fliegt der Bundestagsdirektor nach Berlin, erlebt er auch an den Bonner Flughafenschaltern wüstes Gedränge. Schon denken die Airlines über einen Shuttle-Verkehr nach, in kurzen Abständen mit einem festen Takt. So ist die Lage.