Von Ulrike Meyer

Oben, auf dem trutzigen Turm des Rigaer Schlosses, weht Lettlands rotweiße Fahne; daneben, in brüderlicher Eintracht, die kleineren Fahnen der baltischen Nachbarn. Unten, in den Gassen der alten Hansestadt, lockt die sommerwarme Sonne die Menschen auf die Straße. „Der Begeisterung für Lettlands Unabhängigkeit kann man sich in Riga gar nicht entziehen: Sie ist auf Schritt und Tritt gegenwärtig“, hatte ein Freund gesagt, der hier vor einem halben Jahr zu Gast war. Doch inzwischen ist der Alltag wieder eingekehrt.

Die Bänke, die zahlreich die Parks und Plätze säumen, sind besetzt: Mädchen, vertieft in ihre Bücher, flirtende Paare, Frauen mit prallvollen Einkaufstaschen, Männer beim Dominospiel. Ein Gitarrist singt lettische Weisen, seine Melodien wehen leise herüber. Riga, Lettlands Haupt- und Hafenstadt am Ufer der Düna, sonnt sich in südländischer Lebenskunst, obwohl Schwedens Gotland gleich nebenan liegt. Daß Lettland am 4. Mai Litauens Beispiel folgte und seine Loslösung von der Sowjetunion verkündete, bestimmt noch immer die meisten Gespräche. Doch in den Zukunftsglauben mischt sich Skepsis. Inzwischen ist den Balten klar, daß sie auf tatkräftige Unterstützung aus dem Westen nicht bauen können. „Die Euphorie ist abgeklungen. Wir wissen jetzt, daß wir noch einen langen und steinigen Weg vor uns haben“, sagt Ilze, eine junge Lettin.

Im Hintergrund lärmen Baumaschinen. Schon seit Jahren wird Rigas Altstadt nach Kräften restauriert. Viele der historischen Häuserzeilen, die enge Gassen bilden und sich um kopfsteingepflasterte Plätze gruppieren, strahlen schon in frischen Farben; Autos haben allenfalls mit Sondergenehmigung Zufahrt. Eine Kulisse, wie für einen Kostümfilm geschaffen: Ein Großteil der Häuser stammt aus dem 17. und 18. Jahrhundert, das betagteste ist 500 Jahre alt. Dicht an dicht drängen sie sich auf dem engen Raum, den die Stadtmauer vorgab; barock geschwungene oder in nüchternen Treppen aufsteigende Giebel lehnen sich an steile Ziegeldächer. Die Kirchen, deren Türme das Häusermeer überragen, wecken norddeutsche Assoziationen: Sie sind meist aus rotem Backstein. Gleich mehrere von ihnen stammen aus dem 13. Jahrhundert, auch wenn sie später umgebaut wurden. Das Schloß, das sich am Ufer der Düna wie eine Festung verschanzt hat, ist königsgelb gestrichen; es stammt von 1330. Polnische Spezialisten, europaweit bekannt für ihr Können, putzen Riga – mit eigenem Baumaterial, das besser ist als das russische – zur nostalgischen Idylle heraus. Ganze Straßen haben sie abgesperrt, damit es zügig vorangeht. Denn sobald sie ihre Verträge erfüllt haben, werden sie ihre Arbeit einstellen. Neue Aufträge übernehmen sie in Riga nicht mehr; das Opernhaus mit seinem klassizistischen Säulenvorbau zu restaurieren, haben sie bereits abgelehnt. Für seinen Weg in die Zukunft braucht Polen harte Valuta. Da haben die Letten mit ihren russischen Rubeln keine Chance mehr: Das Auseinanderbrechen des Ostblocks, von dem sie selbst profitieren möchten, bringt ihnen erst mal nur Probleme.

Die Große Gilde inmitten der Altstadt, wo Kaufleute schon vor fast 700 Jahren das Schicksal der Hansestadt bestimmten und heute Konzerte zu hören sind, ist noch in polnischen Baugerüsten gefangen. Der Leitspruch am Eingang, 1753 in Stein gehauen, ermahnt zu protestantischer Genügsamkeit: „Verjagt den Eigennutz und seinen Sohn, den Neid. Verbannt Üppigkeit und Pracht aus Euren Mauern“, steht dort auf deutsch geschrieben. Denn seit der Bremer Domherr Albert und seine Kreuzritter das livländische Fischerdorf an der Ostseemündung der Düna eroberten, seit sie 1201 Riga als Hafen und Handelsplatz gründeten und damit hanseatischen Kaufleuten ein Tor zum Osten öffneten, hatten die Deutschen hier das Sagen. Obwohl Lettland später zum schwedischen König-, danach zum russischen Zarenreich gehörte: Die Oberschicht und die Amtssprache blieben deutsch. Rigas Gesetzgebung hanseatisch.

Als das Land 1920 unabhängig wurde und die Letten ihr politisches Geschick erstmals in eigene Hände nehmen konnten, wurden die deutschen Großgrundbesitzer zwar enteignet, doch die deutschen Kaufleute behielten die wirtschaftliche Macht. Erst 1939, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, verließen sie das Land: Dafür, daß Stalin die Besetzung Polens duldete, hatte ihm Hitler das unabhängige kleine Lettland versprochen; die Baltendeutschen wurden „heim ins Reich“ gerufen.

Ein Kanal, von der Düna abgezweigt, macht die Altstadt zur Insel, wie ein natürlicher Fluß schlängelt er sich durch die Grünanlagen, die anstelle von Rigas ehemaligen Stadtwällen den historischen Kern umgürten. Dort, wo 1856 die wachsende Stadt ihre Mauern durchbrach, wo repräsentative Gründerzeitbauten die mittelalterliche Altstadt ablösen, liegt Lettlands neuer Wallfahrtsort. Auf einer vierzig Meter hohen Stele hebt eine kupfergrüne Dame drei Sterne der Sonne entgegen. Das goldene Trio, das Rigas Freiheitsstatue in Händen hält, symbolisiert die lettischen Regionen Kurland, Livland und Lettgalen. 1934, zu Zeiten von Lettlands kurzer Unabhängigkeit, wurde das Denkmal errichtet. Es trägt die Inschrift „Für Freiheit und Vaterland“.