Von Manuela Reichart

Ein Mann besucht seine Frau, 25 Jahre war er mit ihr verheiratet, seit acht Jahren lebt man getrennt. Er findet, sie sei alt geworden, er hingegen habe sich den jugendlichen Charme erhalten: „Weißt du, es gibt da einen bestimmten Geruch, den Frauen annehmen, ... wenn sie wissen, daß man sie nicht mehr will. Schal.“ Er meint das gar nicht besonders böse, in seinen Sätzen klingt nur der Ton vergangener Zeiten an: „Früher hatten sie einander bittere und verletzende Dinge gesagt und dabei so getan, als sagten sie sie leicht amüsiert, unbeteiligt oder gar liebenswürdig. Jetzt war dieser Ton, der früher geheuchelt war, eingesickert, tief durch all ihre bitteren Gefühle eingedrungen, und der Groll, der zwar im Grunde noch unverändert war, kam ihnen schal, sinnlos und förmlich vor.“

Alice Munro erzählt eine Ehegeschichte, indem sie nur rückblickend, kurz und impressionistisch von der Zeit dieser Ehe spricht. Wir lernen die beiden Protagonisten vielmehr im Nach-Ehe-Stadum kennen: den Mann, der nicht altern kann, der gierig den Abenteuern nachjagt, der nicht erträgt, daß man seine Versäumnisse, seine Gewohnheiten kennt – ein Mann, unfähig zur Liebe. Und die Frau, die allein auf dem Lande lebt, sich nicht mehr um ihre sexuelle Attraktivität kimmern mag, die wehmütig und klug geworden ist an der Seite des Mannes, mit dem sie altern wollte, ohne den sie auch gelernt hat, ausgefüllt zu leben – eine Frau, nur mit Erinnerungen an de Liebe. Eine Geschichte voller Vergänglichkeit und Unausweichlichkeit. Eine Liebesgeschichte. Denn Liebe hat nicht allein mit aufgeregtem Herzklopfen, mit romantischen Gefühlen oder erotischen Verwicklungen zu tun. Liebe ist in den neuen Geschichten der kanadischen Autorin vielmehr das wichtigste Band zwischen den Menschen, das, das den Sinn des Lebens ausmacht. Liebe bedeutet Verantwortung und Pflicht ebenso wie Hoffnung und Sehnsucht. Liebe ist der Grund für die Verstrickungen, die Erinnerungen, die unauflösbaren Bindungen, die Familien zusammenhalten, auch wenn die einzelnen sich längst schon voneinander entfernt haben.

In der schönsten Geschichte erzählt Alice Munro von den Sehnsüchten und wehmütigen Rückblicken einer selbständigen, allein lebenden Frau, die erfahren hat, daß der Aufbruch, das „Es-besser-Machen-als-die-Alten“ ihr kein besseres Leben beschert hat. Sie schildert ihre Herkunft, einen armen Farmerhaushalt, das Verhältnis zur religiösen Mutter und den größten Liebesbeweis zweier Menschen: wie der Vater es guthieß, daß die Mutter dreitausend Dollar verbrannte.

Diese Geschichten sind voller Überraschungen, stets schlagen Personen Lebenswege, Richtungen ein, mit denen man nicht rechnet, die trotzdem unausweichlich scheinen. Da berichtet eine Frau von einer harmonischen Reise mit Mann und Töchtern, aber man weiß – Vergangenheit und Zukunft sind schon Teil des Geschehens –, daß weder die Ehe noch das Einvernehmen von Dauer sein werden. Die Liebe wird vergehen, die Verantwortung für den anderen, für die gemeinsamen Kinder sich auflösen. Und so erzählen diese Liebesgeschichten nicht nur von dem dauerhaften Band zwischen den Menschen, sondern auch vom Zerreißen, von den Brüchen, den traurigen Erinnerungen an Liebesversprechen und -hoffnungen, von der Stärke, die zur Schwäche wird. Allerdings kommen in der Beschreibung des Liebesungenügens niemals laute Töne der Verzweiflung oder Anklage vor, es kann weder Schuldige noch Unschuldige in der Liebe geben. Vielmehr sind diese schönen und lebensklugen Erzählungen durchdrungen vom Ton der Wehmut über das Verlorene und das nicht oder nicht mehr Erreichte.

  • Alice Munro:

Der Mond über der Eisbahn

Liebesgeschichten; aus dem Amerikanischen von Helga Huisgen; Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 1989; 391 S., 44,– DM