Von Margrit Gerste

Roseta erzählt voller Zorn; wenn Noma antwortet, scheint es, als tauche sie auf aus einem tiefen dunklen Meer der Abwesenheit, in das sie sogleich schweigend wieder versinkt, ihr Blick wandert ins Nirgends. Sie sitzt aufrecht am Boden, ein grünes, schmutziges Tuch bedeckt ihren Unterkörper, das Baby an ihrer Brust ist eingeschlafen, ein kleines Mädchen im blauen, abgerissenen Kleid steht dicht an ihrer Seite und lächelt freundlich.

Roseta und Noma sind vor ein paar Stunden im Flüchtlingslager Ndamera angekommen. Es liegt im Süden des Staates Malawi. Die beiden jungen Frauen sind Freundinnen, Nachbarinnen aus einem Dorf der Provinz Tete in Mosambik. Ein Dolmetscher übersetzt: Sie seien von Renamo-Rebellen gekidnappt worden, um für sie zu arbeiten. Sie mußten kochen und schwere Lasten über große Entfernungen tragen. „Manchmal sind wir tagelang gelaufen, haben geschleppt und nichts zu essen bekommen, nicht einmal für die Kinder“, sagt Roseta. Sie hat Striemen auf dem Rücken, die von Schlägen zeugen. Frauen, sagt sie, die sich weigerten, „mißbraucht“ zu werden, wurden verprügelt, sie habe sich gewehrt... Ihr sei es schließlich gelungen zu fliehen, doch ihr Mann, der das Kind auf den Schultern trug, habe nicht schnell genug weglaufen können. Auch Noma hat ihren Mann auf der Flucht verloren.

Ndamera liegt ganz nahe bei Marka, dem südlichsten Grenzübergang: ein rostiger Schlagbaum, hinter dem die einstige Hauptstraße in die mosambikanische Hafenstadt Beira längst zum Buschpfad verkommen ist; einem Jeep, der auf eine Mine fuhr, nähern sich zwei Soldaten, es herrscht unheimliche Stille. Roseta, Noma und die Kinder sind durch die tiefen grünen Sümpfe geflohen, durch hohes Schilf und blau spiegelndes Wasser, über das ein paar Fischer ihre Boote staken. Ein gefahrenvoller Weg. In den gelben Plastikzelten Ndameras wurden sie von malawischen Beamten registriert, die Helfer der „Médecins sans Frontieres“ haben sie untersucht und die Kinder geimpft. Aus dampfenden Bohnen- und Maisbreitöpfen bekamen sie ihr erstes warmes Essen nach langer Zeit. Wie lange? „Viele, viele Tage“, sagt Roseta. Sie kann nicht zählen, nicht lesen, nicht schreiben, sie kommt aus einem Land, das durch vierzehn Jahre Krieg der Resistencia Nacional Mocambicana (Renamo) gegen die regierende Frente de Libertação de Moçambique (Frelimo) so zerstört, so entvölkert worden ist wie vielleicht kein anderes in Afrika.

Die Wirtschaft liegt brach. Fast alle Straßen und Eisenbahnlinien: kaputt oder durch Anschläge bedroht. Die ländliche Gesellschaft Mosambiks: zerstört, nur noch vier Prozent des so fruchtbaren Landes werden bebaut. Zambesia, die einst ertragreichste Provinz, wurde von der Hälfte seiner Bewohner verlassen. Nach Angaben der Regierung hat die Renamo (8000, 25 000 Mann stark?) 700 Kliniken und ländliche Gesundheitszentren und über 2000 Schulen zerstört, Lehrer und medizinische Helfer getötet oder gekidnappt.

Die Kindersterblichkeit ist mittlerweile wohl die höchste in der Welt. Über 600 000 Menschen starben schon in diesem Krieg, 100 000 Zivilisten soll die Renamo ermordet haben, „durch Erschießen, mit dem Messer, der Axt, dem Bajonett, durch Totprügeln, Ersticken, Verhungernlassen, Ertränken, willkürliches Abknallen von Zivilisten während der Kampfhandlungen“, zählt ein Bericht des US-Außenministeriums von 1988 auf. Über zwei Millionen Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben, sind Flüchtlinge oder Geiseln der Renamo im eigenen Land; über sechs Millionen hungern, sie überleben mit Hilfe unzähliger internationaler Organisationen – „die einzige Wachstumsbranche im Land“, wie ein amerikanischer Reporter bitter vermerkt. Über eine Million Menschen sind in benachbarte Länder geflohen – nach Malawi, Zambia, Zimbabwe, Tansania.

Die Renamo wird offenbar immer noch von Südafrika unterstützt; sie wurde von Rhodesiern gegründet, nachdem die Frelimo 1975 die Unabhängigkeit von Portugals Herrschaft erkämpft hatte und eine sozialistische Regierung installierte. Was will die Renamo politisch? Niemand weiß es. Ihr Terror paßt einzig in das Konzept Südafrikas, seine Frontstaaten zu „destabilisieren“; die Bevölkerung, die mit dem „Monster“, wie einer ihrer Gründer, der Rhodesier Ken Flower, sie selbst nannte, in Berührung kommt, kann sich nur eines von ihr erhoffen – am Leben zu bleiben.