Das Sparbuch konnte seine Stellung als „Lieblingskind der Bundesbürger“ 1989 gerade noch behaupten: 694 Milliarden Mark hatten die Bundesbürger Ende des Jahres in dieser problemlosen und sicheren Geldanlageform investiert, mithin ein Viertel ihres gesamten Vermögens. Zufrieden sind die Institute damit freilich keineswegs, lag doch dieser Betrag ein Jahr zuvor noch bei 715 Milliarden Mark. Setzt sich der Trend zu anderen Anlageformen fort, könnte das Sparbuch seine bisherige Vorrangstellung gegenüber dem Versicherungssparen – bisher 21,1 Prozent Marktanteil – in diesem Jahr erstmals verlieren.

Verwunderlich ist es nicht, wenn sich Bundesbürger zunehmend vom Sparbuch abwenden. Mit einer Verzinsung zwischen den immer noch üblichen 2,5 Prozent für Einlagen mit gesetzlicher Kündigungsfrist und maximal sechs Prozent bei vierjähriger Laufzeit, kann das deutsche Sparbuch mit anderen Anlageformen, etwa festverzinslichen Wertpapieren, nur schlecht konkurrieren. Und trotz massiver Forderungen fanden sich bisher erst wenige Institute dazu bereit, ihren Sparern mehr als diese Mini-Zinsen zu bieten. Hierbei spielte auch die Konkurrenz im Kreditgewerbe eine wichtige Rolle: Sobald die Spitzeninstitute die Konditionen anheben, müssen notgedrungen auch alle anderen Banken und Sparkassen nachziehen – und daran ist den Instituten angesichts des bisher immer noch recht hohen Spareinlagenbestands kaum gelegen.

Jeder Sparer hat es freilich selbst in der Hand, welche Konditionen er für sein Geld bekommt. Die meisten Institute zeigen sich bereits ab einem Sparbetrag von 10 000 Mark verhandlungsbereit und bezahlen schon für das Sparkonto mit gesetzlicher Kündigungsfrist einen Zins, der bis an die Konditionen für Festgeld heranreicht. Zumindest auf Nachfrage haben zudem die meisten Institute Sonder-Sparformen parat, die ebenfalls auf dem Sparkonto mit gesetzlicher Kündigungsfrist basieren und bei denen zum Beispiel jährlich steigende Zinsen die Langfrist-Anlage attraktiv machen sollen. Die Westfalenbank – eine Tochter der Bayerischen Hypotheken- und Wechselbank – bietet beispielsweise auch eine Koppelung an Geldmarktzinsen – hier an den Fibor-Satz (Fibor = Frankfurt Interbank Offered Rate = Zinssatz für Drei-Monats-Gelder unter Banken) – mit einem aktuellen Ertrag von fast 7,5 Prozent für ein schlichtes Sparkonto. Kleines Manko: Die Mindestsumme beträgt 30 000 Mark.

Auch bei anderen Anlageformen sind viele Kreditinstitute kulant: Während etwa das oftmals für den Nachwuchs eröffnete Sparkonto mit vierjähriger Kündigungsfrist maximal sechs Prozent Guthabenzins bringt, zahlen die meisten Institute heute für einen Sparbrief mit gleicher Laufzeit zwischen 6,5 und 8,5 Prozent Zins. Ohnehin sind es gerade jetzt die „hauseigenen Anlageformen“, auf die Banken und Sparkassen verstärkte Hoffnungen setzen und die durchaus auch für den Anleger Vorteile bringen können.

So wurde bereits vor einigen Jahren die Laufzeitpalette für Sparbriefe – bei Sparkassen Sparkassenbriefe genannt – von vier bis sechs Jahren auf bis zu zehn Jahre erweitert. Je nach individuellen steuerlichen Voraussetzungen kann der Anleger dabei zwischen zwei bis drei Varianten wählen: Beim normalverzinslichen Sparbrief werden die Zinsen jährlich ausgezahlt und sind daher auch jährlich zu versteuern. Bei der abgezinsten Variante wurde der Nominalwert um die anfallenden Zinsen gemindert, so daß ein Sparbrief über 1000 Mark dann beispielsweise nur 650 Mark kostet. Der Zinsertrag ist dann erst im Jahr der Fälligkeit steuerpflichtig. Gleiches gilt für den aufgezinsten Sparbrief, bei dem die Zinsen zusammen mit dem angelegten Kapital bei Fälligkeit ausbezahlt werden. Neben Sparbriefen haben die Institute inzwischen auch kurzfristige Anlageformen parat, die etwa als „Sparkassenobligationen“ angeboten werden und zwischen zwölf Monaten und drei Jahren laufen.

Während aber Sparbriefe während der Laufzeit meist weder verkauft noch zurückgegeben werden können, besteht diese Möglichkeit bei einer anderen Anlageform, die gerade in den letzten beiden Jahren populär geworden ist: Inhaber-Schuldverschreibungen. Sie werden inzwischen von nahezu jedem Kreditinstitut zu marktüblichen Anleihekonditionen ausgegeben und oft als Alternative zu Bundeswertpapieren propagiert. Im Gegensatz zu Sparbriefen werden die Schuldverschreibungen jedoch meist an der Börse eingeführt und können daher grundsätzlich auch während der Laufzeit ge- und verkauft werden. Dabei gelten die üblichen Spesen, jedoch ist der Ersterwerb meist kostenfrei möglich. Der Grund für die verstärkte Emissionstätigkeit: Dem abwanderungsverdächtigen Kunden sollen hauseigene Anlageformen präsentiert werden, wenn auch die Schuldverschreibungen für das Institut weniger renditeträchtig sind als etwa Spareinlagen oder Festgelder.

Dennoch unterscheidet sich diese Anleiheart – die auch im Rahmen eines Tafelgeschäfts erworben werden kann – ganz erheblich von klassischen „festverzinslichen Wertpapieren“, etwa Bundesanleihen: Während Staatspapiere meist in einem Volumen von mehreren Milliarden Mark aufgelegt werden, bringen es die Schuldverschreibungen der Kreditinstitute oft nur auf dreißig bis dreihundert Millionen Mark. Einige Mini-Emissionen werden gar schon ab einer Million Mark aufgelegt. Verwunderlich ist es denn auch keineswegs, wenn der Handelbarkeit an der Börse recht enge Grenzen gesetzt sind: Insgesamt werden heute an der Börse rund 16 000 verschiedene Anleihen und Pfandbriefe gehandelt, 10 000 Titel wurden von Banken und Sparkassen aufgelegt. Auf diese 10 000 Titel entfällt aber weniger als ein Prozent des gesamten Börsenhandels. Deshalb ist es unwahrscheinlich, daß sich im Falle eines vorzeitigen Verkaufswunsches gerade für das eigene Papier der entsprechende Kaufpartner findet. Die emittierenden Banken und Sparkassen kaufen die Papiere deshalb oft selbst zurück. Sie praktizieren mithin eine Marktpflege, zu der sie jedoch keineswegs verpflichtet sind. Fälle, in denen solche Papiere nur sechs Prozent und mehr unter ihrem Wert verkauft werden konnten, sind inzwischen auch an der deutschen Börse schon vorgekommen und haben Anleger verärgert – und dem Käufer ein schnelles Schnäppchen beschert. Angesichts des jetzigen Zinsniveaus sind gerade deutsche Anleihen durchaus attraktiv, im Hinblick auf die manchmal problematischen Zweitmarktverhältnisse warnen Experten jedoch vor dem Kauf von Mini-Emissionen. Solidus