in schlechtes Konzert. Was ist ein schlechtes Konzert? Wenn die Stücke nicht wie auf der Platte klingen? Wenn der Sänger anders singt und offensichtlich nicht in bester Verfassung ist? Wenn die Begleitmusiker nur mäßiger Durchschnitt sind? Wenn das Kribbeln im Magen ausbleibt?

Hoch über dem Kopf klatschende Hände: Bob Dylan betritt die Bühne, schnallt sich die Gitarre über sein schwarzes Jackett, die Krempe der weißen Ballonmütze nach oben gedreht, und springt in die stampfenden Rhythmen von „Most Likely You Go Your Way And III Go Mine“. Schauerlich falsch und vernuschelt; die Gruppe kann sich nicht entscheiden, ob sie nun einen Break einschieben, ein Solo spielen oder das Lied vielleicht doch schon mal lieber beenden soll. Dylan schwankt zwischen Mikrophon, Mundharmonika und Gitarre, nur die Texte bewahren ihn vor dem Sturz.

Was haben wir eigentlich erwartet? Sicher nicht das einförmig donnernde Begleittrio Smith, Garnier und Parker, sicher nicht den gleichgültigen Gestus mancher Stücke, die falschen Mundharmonika-Soli, die brüchige, dumpfe Stimme, mit der Melodien in den Keller gestoßen werden. Wir wollten unsere alten Träume plattenfrisch aufgewärmt bekommen, die Songs seiner neuen Platte – gut durchwachsen mit den alten Hymnen –, wir wollen einen aggressiven Dylan, der so jung geblieben ist, wie wir es schon lange nicht mehr sind. Wir sind enttäuscht.

Er versteckt sich nicht hinter aufgeblasenen Gummipuppen wie die Rolling Stones, verschwindet nicht hinter Videoprojektionen wie David Bowie, er steht gebeugt aufrecht mit dem Stolz eines Südstaatenveterans, der sicher ist, daß Gewinnen und Verlieren dasselbe sind. „There’s no success like failure“, ob sie dir zujubeln oder dich auspfeifen – es ist nur eine Frage der Zeit.

Er hat uns noch nie gegeben, was wir erwarteten. Mitte der sechziger Jahre schockierte er sein Publikum mit einer Rockband, dann mit seiner Country-music, von den Coverversionen wechselte er zu den Big-Band-Arrangements, um danach in einer religiösen Phase zu versinken, aus der er sich Song um Song wieder löste. „The never ending tour“ nennt er sein gegenwärtiges Projekt, eine Tour ohne Anfang und Ende, er ist unterwegs, mit Pausen, und spielt, wenn er Lust hat. Manchmal sind die Konzerte streng strukturiert, manchmal ähneln sie Probenterminen. Er verändert das Programm, mischt im Songstapel „Hattie Carroll“ mit „Political World“, „Desolation Row“ mit „I Believe In You“, hebt den Stapel ab und findet sogar „Blowin’ In The Wind“. Er schämt sich nicht, er muß nichts mehr beweisen. Er sagt: „Und wenn das Publikum noch da ist, dann bin ich auch noch da. Wenn nicht, dann spiele ich eben in der Eckkneipe.“

Das Problem Bob Dylan ist unser eigenes Problem. Das Konzert wird besser. Ein akustischer Teil, in dem die Band die Gitarre Dylans mit warmen, akustischen Klängen unterlegt. „It’s Allright Ma, I’m Only Bleeding“ – eine Gänsehaut am Kopf, Frösteln. Vielleicht hat man früher nur gefühlt, worum es in den Liedern geht, jetzt versteht man sie. Immer wieder reißt es bei bestimmten Textzeilen den Leuten unvermittelt die Arme hoch, sie stöhnen jubelnd auf. Das Konzert wird nicht besser, nur die Songs wechseln, die Stimme Dylans gewinnt ihre alte Schärfe zurück und verliert sie wieder. Zwei Zeitebenen überschneiden sich: die innere Zeit Bob Dylans und seiner Lieder und die äußere – unsere – Zeit. Sie laufen parallel, brechen auseinander und kreuzen sich. An den Schnittstellen wird er zum Protestsänger, zum Verkünder religiöser Wahrheiten, zum surrealen Analytiker, dann entfernen wir uns wieder, er wird uns fremd. Song um Song – ein Wechselbad der individuellen Geschichte des Publikums.

„Something is happening bete bat you don’t know what it is, do you Mr. Jones?“ Seine Musik schwingt irgendwo zwischen Kopf und Herz. Textzeilen, ein Refrain, Endwörter sitzen wie eingefräst im Kopf und warten darauf, abgerufen zu werden. Zeilen, die man nie bewußt für sich übersetzt hat, die als Sinnklang eingefroren und nur von der Stimme Dylans wiederbelebt werden können. Er ist an vielem schuld: an der Unzahl unsäglich belangloser Singer/Songwriter, die ihren Weltschmerz mit Poesie verwechseln, am Ruin der Stimmkultur von Generationen, denen Elvis Presley als Schnulzensänger erscheint, aber es ist die einzige Stimme, die diese Texte singen kann. Er sagt: „Meine Stimme ist sehr einengend. Aber sie reicht aus. Sie ist ideal für meine Lieder. Für meine Art von Liedern.“