Von Annelies Furtmayr-Schuh

Ich spüre etwas in mir drin, was ich jetzt sagen möchte und was mir immer wieder entfällt.“ So schildert ein 75jähriger Alzheimer-Patient seinen Zustand. Bewußt erlebt dieser Mann den grausamen Verfall seines Denkvermögens. Die Mediziner nennen dieses schleichende, sich acht bis fünfzehn Jahre hinziehende Leiden Alzheimer-Krankheit – in den westlichen Industrienationen die vierthäufigste Todesursache. Obwohl sie weit mehr Menschen trifft als Aids – 300 000 Alzheimer-Opfer gegenüber rund 3500 Aids-Kranken in der Bundesrepublik Deutschland –, kennen viele diese Geißel höchstens als Schlagwort. Dabei tragen mehr als zehn Prozent der Bevölkerung den „Keim“ für dieses Leiden bereits in ihrem Denkorgan.

Erstmals seit der Entdeckung des Demenzleidens vor rund neunzig Jahren durch den bayerischen Psychiater Alois Alzheimer kommen die Forscher der Krankheitsursache näher. Eine „Flickschusterei“ der langlebigen Nervenzellen des Gehirns scheint dem Leiden vorauszugehen. Daraus ergeben sich Aussichten auf eine ursächliche Behandlung. Möglicherweise gelingt es in Zukunft, die Entstehung der Alzheimer-Krankheit, die mit der Zerstörung der Nervenzellkontakte, der Synapsen, ihren Anfang nimmt, zu bremsen oder ganz zu verhindern.

„Wir finden bereits dreißig Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit Anzeichen im Gehirn, daß eine Art Kabelbrand im menschlichen ‚Computer‘ stattgefunden hat“, erklärt der Molekularbiologe und Alzheimer-Forscher Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg. Er hat für seine grundlegenden Arbeiten zusammen mit dem australischen Neuropathologen Colin L. Masters einen der höchstdotierten Wissenschaftspreise erhalten, den Potamkin-Preis der Amerikanischen Akademie für Neurologie. Erstmals ging diese Ehre an Forscher außerhalb der Vereinigten Staaten. Den beiden war es gelungen, die für die Alzheimer-Krankheit charakteristischen „Asche“-Ablagerungen in ihre Bestandteile zu zerlegen und damit das Geheimnis dieser rätselhaften Krankheit erstmals zu lüften („Tödliche Steinchen im Hirn“, ZEIT, Nr.24/87).

Mehrere tausend Gehirne von Verstorbenen aller Altersstufen sind bereits zur Untersuchung von Australien nach Heidelberg in Beyreuthers Labor geschickt worden. Er fahndet mit hochspezifischen immunologischen Reagenzien nach den frühesten Anzeichen für die Alzheimer-Krankheit – dem Amyloid-A4-Protein. Dieses Eiweiß ist Bestandteil der „Aschereste“, die den vorausgegangenen „Kabelbrand“ anzeigen. Der „Brand“ führt dazu, daß das Amyloid-A4-Protein aus einem sehr viel größeren Eiweißmolekül freigesetzt wird. Dieses große Vorläuferprotein kommt überall im Körper vor (im Gehirn jedoch zehnmal häufiger), und zwar immer dort, wo Reparaturen stattfinden – etwa Wunden verschlossen werden.

Amyloid-„Asche“ entdeckte der Heidelberger Forscher bereits bei jedem fünften der 50- bis 60jährigen. In der Altersgruppe der 81- bis 90jährigen, in der bereits jeder fünfte an der Alzheimer-Krankheit leidet, weisen achtzig Prozent Amyloid-Ablagerungen im Denkorgan auf. Allerdings waren zwanzig Prozent der Hochbetagten frei von jeglichen Amyloid-Rückständen. Das deutet darauf hin, daß nicht natürliches Altern die Ablagerung verursacht, sondern ein krankhafter Prozeß. „Alter begünstigt zweifellos die Alzheimer-Krankheit, aber es ist nicht die Ursache“, meint Beyreuther. „Nach unserer Auffassung führen Verschleißprozesse in den Membranen der Nervenzellen zur Amyloidablagerung.“

Auf diese Spur kam der Forscher durch das Studium von Down-Patienten („Mongoloiden“). Diese Menschen erliegen, wenn sie lange genug leben, ausnahmslos der Alzheimer-Krankheit. Dieser geht eine dreißigjährige „Inkubationszeit“ voraus. So fanden die Forscher bei allen ab dem dreißigsten Lebensjahr verstorbenen Down-Kranken „Aschereste“ im Gehirn. Und mit sechzig Jahren litt jeder an der Alzheimer-Krankheit. Die Bedingungen, die zur Amyloidablagerung führen, treten bei Down-Patienten, die viel rascher altern als Gesunde, offenbar früher ein.