Von Heinz-Günter Kemmer

Was Baedekers DDR-Reiseführer („aktualisierte Auflage“, 1990) beschreibt, ist von der Wirklichkeit weit entfernt. Denn da ist unter dem Stichwort „Wirtschaft“, Unterabteilung „Bezirk Cottbus“, von der Absicht die Rede, „in Verbindung mit der Wiederaufforstung der übrigen ausgekohlten Flächen dazu beizutragen, eine ästhetisch schöne und für die Erholung nutzbare Bergbaufolgelandschaft zu schaffen“.

Doch davon kann derzeit keine Rede sein. Der Braunkohlenbergbau hat weite Teile der DDR in eine Mondlandschaft verwandelt. Denn als die SED-Regierung Anfang der achtziger Jahre auf den zweiten Preisschub beim Mineralöl mit einer Steigerung der Braunkohlenförderung antwortete, wurde die Rekultivierung der „devastierten“ Flächen vernachlässigt. Sie stand dem Ziel, die Produktion von damals rund 260 auf 330 Millionen Tonnen heraufzusetzen, im Wege.

Hielten sich bis dahin „Devastierung“ – das ist offizieller DDR-Sprachgebrauch – und Rekultivierung mit je 3000 Hektar jährlich noch die Waage, so blieb die Restaurierung der Erdoberfläche seitdem zurück – mehrere 10 000 Hektar Industriewüste zeugen davon.

Aber nicht nur das hat den Braunkohlenbergbau in Verruf gebracht. Vielmehr ist der Zusammenhang zwischen Nutzung der Braunkohle und Umweltzerstörung für jedermann sicht- und spürbar. Dunkelbraune Rauchschwaden quellen aus den Kaminen der Kraftwerke. Einzelöfen mit Brikettfeuerung aus Braunkohle sind die bedeutendsten Wärmequellen der privaten Haushalte. Vor diesem Hintergrund muß nicht mit Protest rechnen, wer den Rückzug der Braunkohle propagiert. Nicht einmal die Verantwortlichen des Braunkohlenbergbaus zucken zusammen, wenn von einem drastischen Förderrückgang und von Grubenstillegungen die Rede ist. Rund 310 Millionen Tonnen sind 1989 aus dem Tagebau herausgeholt worden (das Planziel von 330 Millionen Tonnen wurde nie erreicht), mit höchstens 190 Millionen Tonnen rechnen Bergbauexperten für die Jahrtausendwende. Und als vorläufiges Endziel werden 140 Millionen Tonnen genannt.

Wenn das erreicht ist, hat das bisherige Braunkohlenkombinat Bitterfeld ausgedient. Die hier geförderte Kohle hat einen mehr als dreimal so hohen Schwefelgehalt wie die der Lausitz, der Bergbau bewegt sich dazu in einem relativ dichtbesiedelten Gebiet. Und die in diesem Raum konzentrierte chemische Industrie kann nach der deutsch-deutschen Vereinigung auf billigere Rohstoffe als die Braunkohle zurückgreifen, weil sie dann nicht mehr in einem System mit Devisenknappheit arbeitet.

Überleben wird nur das bisherige Braunkohlenkombinat Senftenberg, das inzwischen zur Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) mutierte. Hier wurden bisher schon zwei Drittel der DDR-Braunkohle gefördert, freilich nicht nur für die Stromerzeugung. Gut die Hälfte der Förderung geht nämlich an das Gaskombinat Schwarze Pumpe, das „größte Braunkohlenveredelungskombinat der Welt“. Dort werden aus der Kohle Stadtgas, Briketts und Koks gemacht. Erzeugnisse also, die entweder unwirtschaftlich sind wie Gas und Koks oder ökologisch unerwünscht wie Briketts.