Aus dem Leben des Großmuftis: Werber für die Waffen-SS, Kriegstreiber gegen Israel, Note an Bonn

Von Klaus von Münchhausen

Wegen ihrer Abstammung vom Propheten zählen die Husseini zu den vornehmsten Familien Arabiens. Im türkischen Kaiserreich stellten sie die politische Elite in Palästina: als Delegierte im Ottomanischen Parlament, als Distriktgouverneure, Bürgermeister oder Inhaber religiöser Ämter.

Amin besuchte als Kind die örtliche Muslimische Elementarschule (Kuttub), die arabische Geschichte, Literatur, Sprache und Theologie unterrichtete; später lernte er an einer öffentlichen Schule Türkisch und Französisch. Amin fiel durch sein ungewöhnliches Außeres auf: rotliches Haar, blaue Augen und eine feine Haut, dabei von kleinem Wuchs. 1912 schickte man ihn zusammen mit seinem Vetter Ya’kub nach Kairo auf die Al-Ashar-Universität, das über tausend Jahre alte Zentrum für arabische und islamische Studien. Er hörte auch bei Rashid Rida. einem radikalen Verkunder des großarabischen Nationalismus.

Im Sommer 1913 trat Amin mit seiner Mutter die Pilgerreise nach Mekka an, den Hadsch; seither trägt er den Ehrentitel „Al Hajj“. Danach begab er sich an die Militärakademie in Istanbul. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er als türkischer Artillerieoffizier der 46. Division am Schwarzen Meer.

Nach Kriegsende tauchte Amin in Damaskus auf, wo sich das Zentrum des Panarabismus entwickelte. Er agitierte – entgegen der eher judenfreundlichen Politik des Haschemiten-Königs Feisal – heftig gegen die zionistische Siedlungspolitik im britischen Mandatsgebiet Palästina. Als die wahabitischen Saudis im Machtkampf der Familien um das Kalifat und den Einfluß auf der Arabischen Halbinsel über die Haschemiten die Oberhand gewannen, ging Amin zu ihnen uber, da sie gegen die Zionisten außerordentlich feindselig waren.

Im April 1920 hielt Hadsch Amin el Husseini in Jerusalem eine flammende Rede an die arabische Bevölkerung vom Balkon des Hauses der Nadi el Arabi, einer patriotischen Organisation. Ein Aufruhr entstand, etliche Juden wurden ermordet. Hadsch Amin tauchte unter; ein britisches Militärgericht verurteilte ihn in Abwesenheit zu fünfzehn Jahren Gefängnis. Wenige Monate später wurde er vom britischen Hohen Kommissar begnadigt. Seine Karriere begann.

Amins Großvater Mustafa wie auch sein Vater Tahir waren die Muftis in Jerusalem; es folgte sein Bruder Kamil, der 1921 starb. Unter britischer Aufsicht hatten die Ulemas (die geistlichen Richter) drei Kandidaten vorzuschlagen, von denen die Regierung einen zum Mufti ernannte. Hadsch Amin errang nur Platz vier. Seine Familie machte jedoch mit den Briten so viel Druck, daß die drei Kandidaten zu seinen Gunsten verzichteten.

Der britische Oberkommissar Herbert Samuels wollte es, seiner jüdischen Herkunft wegen, besonders diplomatisch anstellen und stattete den radikalen Hadsch Amin mit dem bis dahin nicht üblichen Titel eines Großmuftis aus. Seine Hoffnung, nach dieser Geste werde sich Amin künftig mäßigen, trog jedoch. Amin wurde noch machtiger, denn die britische Mandatsmacht ließ einen „Obersten Muslimischen Rat“ in Palästina einrichten. Hadsch Amin erhielt den Vorsitz und damit auch die Kontrolle über die Finanzen und die Personalien aller religiösen Einrichtungen.

Bei neuerlichen blutigen Angriffen gegen Juden in Palästina 1923 und 1926 hatte der Großmufti wieder seine Hand im Spiel, doch wurde er von britischen Kolonialbeamten gedeckt. Sein Ansehen unter den Palästinensern wuchs. Im Dezember 1931 saß er bereits der ersten Allgemeinen Islamischen Konferenz in Jerusalem vor. Er gründete die Palästinensische Arabische Partei und begann, öffentlich den Verkauf des Landes an Juden zu kritisieren, ein merkwürdiges Verhalten, da doch seine Familie enorm an diesem Geschäft verdiente. Aber wer konnte das wissen? Obwohl die judischen Landkäufe legal seien, so war seine unverhüllte Drohung, werde man sich den Boden eines Tages zurückholen.

Im April 1936 etablierten sechs arabisch-palästinensische Parteiführer ein Hohes Komitee (Arab Higher Committee); Vorsitz: Hadsch Amin. Ihr Ziel war klar: durch Unruhen die Aufhebung der Balfour-Deklaration von 1917, der britischen Garantie für eine jüdische Heimstätte in Palästina, zu erreichen und die Engländer zu schwachen, wenn nicht zu vertreiben. Die palästinensische feudale Elite wollte wie in den Tagen des Osmanischen Reiches die Macht in Palästina allein ausüben.

Pogrome in Palästina

Es begann mit der Ermordung einiger Juden; darauf folgten Vergeltungsakte; dann kam der arabische Generalstreik; die Geschäfte waren geschlossen, in den Hafen ruhte die Arbeit. Das britische Militär und die Polizei standen geraume Zeit mit dem Rücken zur Wand; Züge und Eisenbahnbrücken wurden in die Luft gesprengt; Banden aus Syrien und dem Irak griffen an.

Hand- und Maschinenfeuerwaffen, Munition, Tausende Kilogramm Sprengpulver und Zundmaterial sowie eine runde Million Reichsmark Handgeld waren die heimliche deutsche Unterstützung für dieses vom Großmufti inszenierte Pogrom an den Juden Palästinas. Dafür waren seine Freunde und er sogar bereit, die Auswanderung deutscher Juden nach Palästina ohne Protest hinzunehmen.

Aus Malta und Ägypten kamen britische Verstärkungen; arabische Fuhrer mußten in ein „Konzentrationslager“. Mit 20 000 Soldaten und dem Kriegsrecht konnten die Briten die Revolte endlich niederwerfen. Das Fazit: Tote auf beiden Seiten, abgeholzte Zitrusplantagen; der Schaden ging in die Millionen Pfund.

Im Terrorismus-Report der Mandatsregierung heißt es: „Hadsch Amin leitet die Operationen, und es scheint, daß, während es ihm erlaubt ist, da zu verweilen, wo er gegenwärtig ist, die Unruhen in Palästina weitergehen werden.“ Aber nicht einmal die in seinem Büro gefundenen Waffen und Bomben veranlaßten die Briten, gegen ihn vorzugehen. Vielmehr erschien der Großmufti im April 1937 mit einer Delegation in London und versprach, das „Volk ruhig zu halten“.

Erst als im September neue Rebellionen ausbrachen und L.Y. Andrews, der oberste britische Beamte in Galiläa, ermordet wurde, gab England die Politik der Nichteinmischung auf. Die Mitglieder des Arabischen Hohen Komitees wurden auf die Seychellen deportiert; des Muftis Cousin und Stellvertreter Jamal el Husseini flüchtete nach Syrien; der Großmufti selber ging mit seiner sudanesischen Leibwache in Jerusalem in die unantastbaren Räume der Omar-Moschee. Später flüchtete er nach Gaza und von dort per Schiff in die französischen Mandatsgebiete Libanon und Syrien.

Er wurde als Kämpfer gegen England und die Juden im Volk nicht vergessen. Mit Geld und Agitation inszenierte er von Damaskus aus noch manchen blutigen Zwischenfall. Seine Familie war zahlreich, und etliche Männer seines Stammes gingen für ihre Taten ins Gefängnis der Mandatsmacht. Sogenannte Kollaborateure, die zu den Juden oder Engländern allzu freundlich oder den Aufständischen nicht genügend zu Diensten waren, wurden des öfteren exemplarisch hingerichtet: „So behandeln wir die Verräter an der nationalen Sache“, stand auf Zetteln, die ermordeten Arabern angeheftet waren, denen man das Herz aus dem Leib geschnitten, die Zunge durch die Kehle gezogen hatte.

Im Herbst 1938 machte der britische Kolonialminister MacDonald Arabern und Juden ein neues Angebot: Die jüdische Einwanderung sollte reduziert, nach einigen Jahren ganz eingestellt werden; innerhalb von zehn Jahren wollte man einen arabisch-palästinensischen Staat gründen. Das Hohe Komitee und Amin el Husseini schlugen das Angebot im Frühjahr 1939 aus. Vorerst konnten die Juden aufatmen; die erste Chance für die Araber Palästinas, nach der Auflösung des Osmanischen Reiches einen souveränen Staat aufbauen zu können, war von ihren eigenen Führern verspielt worden.

Der Mufti aber hegte größere Pläne für sich, als nur noch Chef eines Wüstenstreifens am Mittelmeer mit Fellachen, Juden und Zitrusplantagen zu werden: Hadsch Amin strebte eine Koalition mit Hitler-Deutschland an, um seine großarabischen Herrschaftsansprüche zu verwirklichen. Seit 1933 hielt er Kontakt zu deutschen Dienststellen. Des Großmuftis Nachricht über seine Flucht nach Damaskus traf zu spät in Berlin ein, so daß die Erkundungsfahrt des SS-Funktionärs Adolf Eichmann im Herbst 1937 nach Jerusalem vergebens war; freilich hat ihn dort die britische Mandatspolizei kurzerhand nach Kairo abgeschoben.

Die Begeisterung der politischen Führer des Iraks, Syriens, Libanons, Palästinas und Ägyptens für Hitler-Deutschland übertrug sich auf das Volk: „Im Gegensatz zu diesem Engländerhaß ist die prodeutsche Haltung so ausgeprägt, ... daß eine Fahrt mit dem Hakenkreuzwimpel teilweise einem Triumphzug gleicht“, liest man im Konsulatsbericht vom 24. August 1938.

Eine Botschaft Weizsäckers

Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, im Oktober 1939, ging der Großmufti nach Bagdad und sammelte dort die antibritischen Kräfte Arabiens um sich. Anfangs war dies schwierig: Der Irak, ehedem britisches Mandat, war mit England verbündet, und Premier Nuri Pascha as-Said hatte die Beziehungen zu Deutschland abgebrochen. Reichlich mit italienisch-deutschem Geld ausgestattet, machte sich Hadsch Amin daran, das Militär auf seine Seite zu ziehen. Vier Obristen, das „Golden Square“ genannt, waren ihm zu Diensten, und am 31. März 1940 wurde General Raschid Ali al Kailani Ministerpräsident.

Mit seinem politischen Weggefährten Hadsch Amin verfolgte Kailani das Ziel, Palästina den Engländern und den Libanon sowie Syrien den Franzosen zu entreißen. Die Achsenmächte Deutschland und Italien sollten das arabische Recht auf Selbstbestimmung anerkennen und den Arabern erlauben, mit „den jüdischen Elementen“ so umzugehen, wie sie es für richtig hielten. Als Gegenleistung sollten Iraks Bodenschätze, vor allem das Erdöl, vorrangig an die Achsenmächte gehen. Die Kosten für den Aufstand gegen die Briten im arabischen Raum könne man aufteilen.

Das faschistische Italien verhielt sich abwartend und blieb wegen eigener imperialer Gelüste für die Araber unberechenbar. Darum setzte der Großmufti nun ganz auf Deutschland, mit dem sanften, aber deutlichen Hinweis, die Sowjetregierung sei über die arabischen Unabhängigkeitswünsche informiert, und lieber würde der Irak eine arabische Sowjetrepublik werden, als unter italienischer Herrschaft zu stehen.

Am 11. März 1941 gab daraufhin der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Freiherr von Weizsäcker, dem Privatsekreträr des Muftis in Berlin die erwünschte Solidaritätsadresse, so daß die arabischen Rundfunksender die Botschaft ausstrahlen konnten: „Deutsche und Araber haben in den Engländern und Juden gemeinsame Feinde und sind in dem Kampf gegen diese verbunden.“

Sabotageakte und Spionageunternehmen wurden vereinbart, Aufstandsbewegungen sollten sich aber vorerst auf Palästina und Transjordanien beschränken. Kriegsmaterial – so der deutsche Gesandte Ettel in Bagdad im März 1941 – wolle das Deutsche Reich gerne liefern, zu vereinbaren sei nur die sichere Übergabe. Admiral Canaris plante den Ausbau eines großen Meldedienstes und entwarf die Logistik für paramilitärische Aktionen.

Nachdem die deutsche Wehrmacht im April Jugoslawien und Griechenland überrannt hatte, ließ der britische Kriegspremier Winston Churchill britische und indische Truppen im irakischen Ölhafen Basra an Land gehen, um die Ölquellen im Nahen Osten vor dem Zugriff der Deutschen zu sichern. Am 1. April 1941 hatte sich der einige Monate vorher aus dem Amt entlassene Kailani mit des Muftis Hilfe wieder an die Macht geputscht. Er befahl nun der irakischen Armee, den großen britischen Nahost-Luftstützpunkt Habaniya zu belagern.

Dringend forderte die neue irakische Regierung deutsche Hilfe, aber es kamen keine Fallschirmjäger – noch mußte erst Kreta erobert werden –, sondern lediglich sechs Bomber und drei Kampfflugzeuge, von denen alle bis auf ein Flugzeug verlorengingen. Der Irak stand allein.

Ein englischer „Anglia“-Kleinwagen wurde am 20. Mai 1941 auf dem Weg nach Bagdad von einem deutschen Jager im Tieffliegerangriff zerschossen. Getötet wurden David Raziel und ein britischer Major, nur der dritte Mann, Ya’akov Merridor, überlebte. Raziel war Irgun-Kommandant und hatte mit seinem Kameraden Merridor den Auftrag, den Großmufti zu entführen oder zu töten. Die Irgun Zvai Leumi, eine jüdische Militärorganisation, hatte für die Zeit des Krieges auf Angriffe gegen die Mandatsmacht verzichtet, so daß Palästinas Juden mit den Briten gegen die deutsch-arabische Allianz kämpften.

Vergebens wartete der Großmufti auf die Deutschen. Nach einigen Wochen brach der Aufstand in sich zusammen. Bevor britische Truppen Bagdad besetzten, wurden dort in einem zweitägigen Pogrom Hunderte von Juden ermordet, Tausende verletzt und ihre Wohnhäuser zerstört. Kailani und Husseini flohen am 23. Mai aus der irakischen Hauptstadt und erreichten zwei Tage später Teheran, wo sie in der japanischen Botschaft Zuflucht fanden.

Des Großmuftis Traum, mit deutscher Hilfe Herrscher eines nordarabischen Reiches zu werden, scheiterte weniger an britischer Stärke als an der Unentschlossenheit der deutschen Nahoststrategen. Hitlers berühmte Weisung Nr. 30 vom 23. Mai 1941 – „Die arabische Freiheitsbewegung ist im Mittleren Orient unser natürlicher Bundesgenosse gegen England ... Ich habe mich daher entschlossen, die Entwicklung ... durch Unterstützung des Irak vorwärts zu treiben.“ – hatte nur noch propagandistischen Wert, ließ aber hoffen.

Als britische und sowjetische Truppen im Spätsommer 1941 den Iran besetzten, bot der britische General Wavell 25 000 Pfund für den Kopf des Großmuftis, egal ob tot oder lebendig. Aber glattrasiert und in einfachen Kleidern fuhr der Mufti im Taxi in die von Sowjetsoldaten besetzte Region, um in die Türkei zu gelangen. Britische Polizisten ließen ihn passieren, ein Geheimdienstmann kam mit den Russen in einen Zuständigkeitsstreit, der Großmufti entwischte. Am 24. Oktober 1941 landete Hadsch Amins Flugzeug auf einem süditalienischen Flughafen.

Nach einem Freundschaftstreffen mit dem Duce, der ihm künftige Unterstützung zusicherte, machte sich der Großmufti Anfang November 1941 auf nach Berlin. Die Wochenschau berichtete über den Empfang mit grandiosen Bildern und begeisterten Worten; seine Residenz war das Schloß Bellevue. Nach freundlichen Begegnungen mit Hitler und Himmler besuchte der Großmufti den Leiter des Judenreferates im Reichssicherheitshauptamt. Eichmann hielt ihm einen ausführlichen Vortrag über die „Lösung der europäischen Judenfrage“.

In den letzten Kriegsjahren verhandelten Eichmanns Beauftragte mehrmals mit dem Ausland über die Auswanderung etlicher zehntausend Juden nach Palästina. Doch der Großmufti hat immer wieder erfolgreich interveniert. Als Eichmann 1942 tausend jüdische Kinder aus Polen für eine beabsichtigte Auswanderung nach Theresienstadt bringen wollte, in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Roten Kreuz, protestierte der Großmufti bei Himmler „mit der Begründung, daß diese jüdischen Kinder in einigen Jahren ja erwachsen wären und eine Stärkung des jüdischen Elementes in Palästina bildeten“. Auf sein Drängen bei Hitler und Außenminister von Ribbentrop erließ Himmler ein Verbot, daß kein Jude mehr aus den deutsch beherrschten Gebieten nach Palä- – stina oder auch anderswohin auswandern dürfe.

Kindermord – „eine gute Tat“

In den Aufzeichnungen des Legationsrates Melchers vom Auswärtigen Amt zur jüdischen Auswanderung heißt es: „Der Mufti ist mit Protesteingaben hiergegen überall vorstellig geworden, im Ministerbüro, im Vorzimmer des Staatssekretärs und in den Abteilungen, zum Beispiel Inland, Presse, Rundfunk und bei der SS... Der Mufti war ein ausgemachter Feind der Juden und machte keinen Hehl daraus, daß er sie am liebsten alle umgebracht sähe...“

Am 28. April 1942 – wenige Monate nach der Wannsee-Konferenz – schrieb Ribbentrop persönlich einen Brief an Seine Eminenz, den Großmufti von Palästina, worin er jegliche Unterstützung für den Freiheitskampf der Araber zusagte, ausdrücklich auch bei „der Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina“. Diese deutsch-arabischen Vereinbarungen über Kriegsziele und Judenvernichtung sind die nahöstliche Analogie zur Wannsee-Konferenz 1942.

Der Großmufti besichtigte verschiedene Konzentrationslager, so Sachsenhausen und die Vernichtungslager Majdanek und Auschwitz. Hierbei ging ihm, so Simon Wiesenthal, SS-Hauptsturmführer Brunner zur Hand. Nach dem Krieg wiederum half der Großmufti Brunner, alias Georg Fischer, im Nahen Osten unterzukommen.

Sein Einfluß reichte aus, 4000 jüdische Kinder aus Bulgarien mit ihren 500 Begleitern nach Auschwitz zu schicken. Dem bulgarischen Außenminister hatte er am 6. Mai 1943 geschrieben, „daß es sehr angebracht und zweckmäßig wäre, die Juden an der Auswanderung aus Ihrem Land zu verhindern, und sie dorthin zu schicken, wo sie unter starker Kontrolle stehen, z.B. nach Polen. Damit entgeht man ihrer Gefahr und vollbringt eine gute dankbare Tat dem arabischen Volke gegenüber...“

Nach grober Übersicht hat Hadsch Amin bis zu 100 000 slowakische, rumänische, bulgarische und insbesondere ungarische Juden, die vielleicht noch nach Palästina, Schweden, der Türkei und auch Südamerika hätten auswandern können, direkt an der Flucht vor den Gaskammern gehindert. Auch jüdische Kinder aus Frankreich und Belgien waren dabei. Die wahre Zahl muß viel höher sein. Nur in einer einzigen Verhandlungsrunde zwischen dem 14. und 23. Juli 1944 ist von 40 000 Personen zuzüglich 1000 Kindern unter zehn Jahren die Rede, deren Auswanderungsverbot letztlich mit „Rücksicht auf die arabische Sache“ begründet wurde.

Gelang dann doch die Flucht und wurde sie bekannt, blieb auch das Auswärtige Amt gelassen: „Man wird der Juden aber wieder habhaft werden, wenn man Palästina hat.“ Darauf bereitete sich der Großmufti auch vor. Sein Neffe Musa Abdallah el Husseini wurde 1944 Eichmanns Büro in Budapest attachiert, um sich für die Zeit in Palästina nach dem „Endsieg“ vorzubereiten.

Der Mufti bekam vom Auswärtigen Amt 75 000 Reichsmark monatlich für seinen privaten Unterhalt. Daneben unterhielt er aus derselben Kasse Büros und Residenzen in der Goethestraße in Berlin-Zehlendorf, im Hotel Adlon und im früheren jüdischen Institut in der Klopstockstraße. Er hatte auch Häuser in Zittau und Zaue.

150 000 Reichsmark monatlich erhielt Hadsch Amin zusätzlich, um in Paris arabische Studenten zu unterstützen. Walter Schellenberg, Chef des Auslandsnachrichtendienstes des Reichssicherheitshauptamtes, erwähnte im Nürnberger Verhör die Geldgier des Großmuftis: „Er war ein Schlitzohr, er hat viel Geld gebraucht... Er wird das alles mit rausgenommen haben, ich glaube, daß er einen ausgezeichneten Transitverkehr nach der Schweiz hatte ... von mir hat er einen halben Zentner Gold (von der Reichsbank) und 50 000 Dollar bekommen ...“

Im März 1943 ließ Hitler aus der muselmanischen Bevölkerung in Kroatien eine Division der Waffen-SS aufstellen. Mit einem Sonderflugzeug der SS flog der Großmufti unter großer Geheimhaltung zum Balkan, um bei der Bevölkerung von Bosnien und der Herzegowina Rekruten zu werben. Zum Divisionskommandeur war Generalleutnant Artur Phleps ausersehen. Als Befehlshaber der Waffen-SS-Division „Prinz Eugen“ hatte er sich mit den in seinen Einheiten kämpfenden muslimischen Freiwilligen schon einen besonderen Ruf erworben. Im Protokoll des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses vom 6. August 1946 heißt es: „Wo immer sie hinkam – durch Serbien, durch Bosnien und Herzegowina überall hat sie Brandstätten und Verwüstungen, Leichen unschuldiger Männer, Frauen und Kinder, die in den Häusern verbrannt wurden, zurückgelassen.“

Im Herbst 1943 stand die neue Division unter dem Namen „SS-Freiwilligen-bosnisch-herzegowi- nische-Gebirgs-Division“ oder auch einfacher als 13. SS-Division. Am 15. Mai 1944 erhielt sie für ihre erfolgreichen Einsätze in Frankreich und Jugoslawien einen neuen Ehrentitel von Hitler: „Waffen-Gebirgs-Division-SS Handschar“. Das türkische Krummschwert heißt Handschar.

Himmler persönlich machte sich stark für den Einsatz von Regiments-Mullahs, die für diesen Zweck besonders ausgebildet wurden. Der Großmufti kümmerte sich nicht nur um die religiöse Betreuung, sondern machte immer wieder Inspektionsreisen und besuchte die von ihm angeworbenen muslimischen SS-Männer. Jugoslawische und deutsche Historiker behaupten, daß die „Handschar“-Division – Hauptaufgabe: Partisanenbekämpfung – auch verantwortlich sei für die Ermordung einer großen Zahl von katholischen Opfern, die in der Nähe des Todeslagers Jasenovac in einem Massengrab gefunden wurden.

Der Großmufti mobilisierte für seinen „Heiligen Krieg“ auch muslimische Freiwillige in den von deutschen Armeen besetzten Teilen des Kaukasus. Sie dienten dann in der Wlassow-Armee, wurden mit Fallschirm hinter den sowjetischen Linien abgesetzt oder kämpften später auch am Atlantikwall. Unter Major Duganginsky gab es eine „Aserbeidschanische Legion“ in der SS.

Vor den dauernden Bombenangriffen auf Berlin floh der Großmufti nach Linz in ein Hotel. Wie Simon Wiesenthal 1947 berichtete, war die für die Zimmerflucht des Großmuftis zuständige Putzfrau eine aus dem Konzentrationslager Lemberg geflohene Jüdin, die mit gefälschten Papieren eingeschmuggelt wurde, um ihn zu observieren. In den letzten Wochen des Krieges hielt sich der Großmufti im Kurhotel in Bad Gastein auf; ein Flugzeug für seine Flucht hatte er bereits organisiert. Am 4. April 1945 war er noch in Berlin, um sich 50 000 Reichsmark Salär abzuholen.

Im Mai 1945 landete sein Flugzeug in Bern, die Schweizer Behörden lieferten ihn bei Lindau den französischen Besatzungstruppen aus. Er wurde in Louvecienne bei Paris mit Chauffeur, Sekretär und Leibgarde in einer Villa unter Arrest gesetzt. Da er zu diesem Zeitpunkt – im Nahen Osten standen sich britische und französische Truppen kampfbereit gegenüber – noch nicht auf der alliierten Kriegsverbrecherliste stand, sah ihn die französische Regierung nur als Feind Englands an und lieferte ihn nicht nach London aus.

Die jugoslawische Regierung brachte im Juli 1945 den Großmufti auf die Uno-Liste der Kriegsverbrecher. Ihm wurden Kollaboration mit den Nazis, Ermordung Tausender Serben und Kroaten und die Aufstellung von SS-Divisionen vorgeworfen.

Azzam Bey, Generalsekretär der Arabischen Liga, bat den jugoslawischen Staatschef, Marschall Tito, die Auslieferung nicht zu verlangen; die ägyptische Regierung schloß sich dem an. Jugoslawien hat auch keinen Antrag gestellt, lediglich ein Abwesenheitsurteil wurde gefällt. Wollte Tito Rücksicht gegen die eigene muslimische Bevölkerung walten lassen, die er nicht gegen sich aufbringen mochte, oder war es eine Freundschaftsgeste an die arabischen Staaten? Hadsch Amin wußte, daß ihm nichts mehr passieren würde.

Am 29. Mai 1946 verließ der Großmufti mit einem syrischen Paß und dem dazugehörigen Namen des Rechtsanwaltes Morouf Doualibi die französische Hauptstadt in einer Linienmaschine der Trans World Airlines Richtung Kairo. Eine konsequente Verfolgung des ohnehin von den Briten steckbrieflich gesuchten Großmuftis und seine Verurteilung als Kriegsverbrecher hätte unübersehbaren Protest aus der islamisch-arabischen Welt bedeutet und die französische Mandatspolitik in Nahost in größte Schwierigkeiten gebracht. Von König Ibn Saud bei der Flucht unterstützt, erhielt er nun vom ägyptischen König Faruk Asyl. Wieder mußte er seinen roten Bart neu wachsen lassen.

In Palästina bekämpften sich wieder Araber und Juden mit Bomben und Gewehren und bei passender Gelegenheit auch die britische Mandatsmacht. Der Großmufti, immer noch Vorsitzender des Hohen Komitees, ließ sich in den Gesprächen mit der Mandatsregierung durch Jamal el Husseini vertreten – der hatte auch Land seiner Familie im Distrikt Jerusalem an jüdische Siedler verkauft. Am 26. August 1946 erklärte er den Briten, Hadsch Amin sei ein nationalistischer Führer mit einer klaren Politik; er habe der britischen Regierung weniger Probleme bereitet als Gandhi. Schließlich seien die Juden der Grund für den Bruch zwischen Hadsch Amin und Großbritannien. Das Komitee sei nur dann zu Verhandlungen über die Zukunft Palästinas bereit, wenn der Mufti zur geplanten Konferenz nach London eingeladen werde.

Die Londoner Palästina-Konferenz am runden Tisch erbrachte nichts Neues. Der Fall kam nun, im Frühjahr 1947, vor die Vollversammlung der Vereinten Nationen. Die Delegation des Hohen Komitees bekam allerdings schon bei der Einreise in New York Probleme. Rasem Khahidi erhielt kein Visum wegen „seiner Aktivitäten in Nazi-Deutschland“. Gegen Wasef Kamal und Emil Ghouri wurde ebenfalls wegen Nazi-Verbindungen protestiert. Der Großmufti selber zog es vor, in Kairo zu bleiben. Da den Delegierten der Vollversammlung die Nazikollaboration und die Kriegsverbrechen des Großmuftis dokumentarisch bekanntgemacht worden waren, hatte sein Komitee einen schweren Stand.

Delegationsleiter Jamal el Husseini flüchtete sich in Drohungen: „Bei einer aufgezwungenen Teilung Palästinas stürzen Sie das Land in ein Blutbad ... Die vorgeschlagene Grenzlinie, wo immer sie festgelegt ist, wird nichts weiter sein als eine Linie von Feuer und Blut.“ Wegen der Kompromißlosigkeit des Großmuftis wurde der UN-Beschluß vom 29. November 1947, Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat aufzuteilen, von den Regierungen der Arabischen Liga nicht anerkannt, sondern die Kriegsdrohung wahrgemacht.

Schon vor dem Teilungsbeschluß war Hadsch Amin nach Beirut geflogen, um mit der Arabischen Liga und dem Hohen Komitee über das militärische Vorgehen zu beraten. Anfang Dezember 1947 brach ein Generalstreik in Palästina aus; den Angriffen arabischer Heckenschützen fielen bis Jahresende 205 Juden zum Opfer.

Die im Lande verstreut lebenden 600 000 Juden Palästinas, zum großen Teil den Vernichtungslagern Europas entronnen, sahen sich vor einem Kampf auf Leben und Tod. Denn die britische Regierung hatte erklärt, den Teilungsbeschluß nicht unterstützen zu können und die Mandatstätigkeit durch den Auszug der Besatzungstruppen aus dem Lande am 15. Mai 1948 zu beenden. Am 14. Mai 1948 wurde der Staat Israel proklamiert und binnen weniger Stunden von der Sowjetunion und von Amerika anerkannt.

„Dies wird ein Ausrottungskrieg und ein gewaltiges Massaker, über das man einmal sprechen wird wie über die mongolischen Massaker und die Kreuzzüge“, erklärte der Generalsekretär der Arabischen Liga am 15. Mai 1948. „Die Beseitigung des jüdischen Staates“ sei das Ziel des Kampfes, verkündete Achmed Shukairy, der Sprecher des Großmuftis. An diesem Tag begannen die Armeen von Transjordanien, Syrien, Libanon, Ägypten und Irak ihre Invasion nach Palästina.

Der erste Nahostkrieg war noch gar nicht entschieden, da entzweiten sich bereits der Großmufti und König Abdallah von Transjordanien. Als Abdallah in Geheimverhandlungen der jüdischen Emissärin Golda Meir ankündigte, er wolle die „Westbank“, das westliche Jordanufer, annektieren, hatte er dies damit begründet, daß er seinen alten Feind Hadsch Amin nicht zu groß werden lassen wolle. Dieser aber rief im September 1948 im Gaza mit ägyptischer Unterstützung einen „Demokratischen Arabischen Staat Palästina“ aus (so wie die PLO 1988 einen Staat Palästina ausrufen wird). Seine aus Verwandten und Freunden aus dem Hohen Komitee rekrutierte Regierung wurde vom Irak, von Syrien, Ägypten und dem Libanon anerkannt.

Doch alsbald merkten die Araber, daß Israel militärisch nicht zu bezwingen war. Die palästinensische Elite war in etliche politische Lager zersplittert, und der Gaza mißriet zum Aushängeschild ägyptischer Ansprüche. Als die Zahl der palästinensischen Flüchtlinge, die im Gaza Unterkunft suchten, auf über 200 000 anschwoll, ließ Hadsch Amin im Sommer 1949 seinen Staat und seine Regierung unauffällig einschlafen und verlegte seine Residenzen wieder nach Kairo und Beirut: Der Gaza stand nun mit seinen Flüchtlingslagern unter ägyptischer Militärverwaltung.

Hadsch Amin verlor im Krieg einen seiner getreuesten Kämpfer und Militärführer: Sein Vetter Abd el Kadr el Husseini fiel in Castel an der Straße nach Jerusalem in einem Gefecht. An seiner Seite hatte der junge „Yassir Arafat“ gekämpft, ein Neffe des Großmuftis; nach Kriegsende begab er sich zu seinem Onkel in den Gaza, wo er nach dessen Abreise blieb. Nach algerischem Vorbild organisierte er Guerillatrupps gegen Israel.

König Abdallah hatte den Großmufti nicht nur um die Gelegenheit gebracht, Führer eines palästinensischen Staats zu werden, sondern als neuer Herrscher über das arabische Jerusalem ließ er Hadsch Amin auch noch durch Neuwahlen seiner Posten als Mufti und als Präsident des Obersten Muslimischen Rates entheben.

Am 20. Juli 1951 wurde König Abdallah von Jordanien auf dem Wege zu seinem Freitagsgebet auf den Stufen des Felsendomes in Jerusalem ers:hossen. Er hatte ebenso wie sein Vater eine Politik der Toleranz und des Ausgleichs mit den Juden angestrebt. Das war lebensgefährlich angesichts der Feindschaft des agilen und einflußreichen Großmuftis, der nach wie vor vom saudischen Herrscherhaus gestützt wurde.

Adenauer antwortete nicht

Zehn Verdächtige wurden von den Jordaniern verhaftet. Zu ihnen zählten Dawud el Husseini, Tawfik el Husseini und Musa Abdallah el Husseini, dessen Name aus der Budapester Zusammenarbeit mit Eichmann noch in Erinnerung ist. Wegen mangelnder Beweise wurden Dawud und Tawfik freigesprochen. Musa Abdallah und einige andere Täter wurden gehenkt.

Nicht seine Nazi-Vergangenheit, wie einige behaupteten, hat dem Ruf des Muftis in diesen Jahren geschadet, waren doch Irak, Syrien und Ägypten beliebte Asyle ehemaliger hoher SS- und Vehrmachtsoffiziere, sondern seine egozentrische, destruktive Politik, die ein bis heute bestehendes Massenelend palästinensischer Flüchtlinge heraufbeschwor.

Dem Ex-Mufti blieben noch der Vorsitz im Hohen Arabischen Komitee und sein anerkannter Ruf als religiöser Führer in der islamischen Welt. 1951 übernahm er im pakistanischen Karatschi den Vorsitz der Islamischen Weltkonferenz. Indis:he Zeitungen protestierten gegen seine aggressve Einmischung in die religiösen Spannungen zwischen Hindus und Moslems. Dann führte ihn der Weg nach Teheran, wo er sich mit den „Fadajin Islam“, einer Gruppe muslimischer Radikaler, traf. Dem Einfluß des Ex-Muftis schrieben es die damaligen Zeitungskommentatoren zu, daß von dieser Gruppe kurz darauf der iranische Premierminister Ali Razmara ermordet wurde.

Während der Verhandlungen über ein deutschisraelisches Wiedergutmachungsabkommen richtete der Großmufti am 2. August 1952 von Kairo aus eine Note an Bundeskanzler Adenauer: Die Bundesregierung solle das Arabische Hohe Komitee als einzige politische Vertretung der Araber Palästinas anerkennen und es wegen der jüdischen Kompensationsansprüche konsultieren. Er sprach ungeniert von dem „gemeinsamen Interesse“ des deutschen Volkes und der arabischen und muslimischen Völker. Auf Empfehlung des Auswärtigen Amtes wurde die Note nicht beantwortet: Das Komitee habe weder Einfluß auf die Araber in Israel noch in Jordanien. Vor allem aber: „Die Einstellung des Muftis ist in schärfster Form antijüdisch und europafeindlich.“

1955 nahm Hadsch Amin an der berühmten Afro-Asiatischen Konferenz in Bandung teil. General Abd el Nasser, der neue Regierungschef Ägyptens, hatte versucht, den Ex-Mufti an dieser Reise zu hindern. Denn die Idee eines arabischen Staates Palästina lag nicht in seinem politischen Interesse. So konnte der Mufti erst in letzter Minute auftreten – als Delegierter des Jemen.

Die Kontroverse zwischen Nasser und Hadsch Amin spitzte sich so weit zu, daß der Mufti sein Büro in Kairo schließen und Ägypten 1959 endgültig verlassen mußte. Von Beirut aus richtete er im selben Jahr ein vertrauliches Memorandum an alle arabischen Regierungen. Er forderte, „die jüdische Aggression gegen Palästina zu zertreten und es vom Zionismus und Imperialismus zu reinigen ... Auf diese Weise wird Palästina als Arabische Republik wiedererstehen ... Eine palästinensische Armee muß geschaffen werden, ausgebildet und bewaffnet, um die Vorhut zu sein für die arabischen Streitkräfte; sie wird marschieren, um Palästina wiederzugewinnen.“

Im Irak war inzwischen das prowestliche Regme gestürzt worden. Der Diktator General Kassem bezichtigte nun seine arabischen Brüder der Lässigkeit in der Palästinafrage; deshalb werde er das Memorandum des Muftis veröffentli:hen. Jordanien und Ägypten warf der Herrscher des Iraks die Okkupation palästinensischen Bodens vor (Westbank und Gaza-Streifen).

Kassem ließ 1960 eine Truppe aufstellen, die „Liga der Söhne Palästinas“ genannt wurde. Im April desselben Jahres schritt er die Front von 5000 Kämpfern der „Palästinensischen Befreiungsarmee“ ab. Gezwungenermaßen folgte Nasser dem Beispiel des Iraks und gründete ebenfalls eine „Vorhut der Palästinensischen Armee“.

Doch Nassers Gegenspieler Kassem ging noch einen Schritt weiter. Im August 1960 versprach er dem Hohen Komitee des Hadsch Amin eine jährliche Unterstützung von 250 000 Pfund. Und am 6. Mai 1962 verhandelte General Kassem mit dem Ex-Mufti über die Gründung einer „Palästinensisch-Arabischen Republik“.

Einige Zeit später leitete der Ex-Mufti in Bagdad die Sitzung des 5. Islamischen Weltkongresses. Seine Reden wurden noch schärfer; er behauptete, daß die Juden nicht nur die Heiligen Moscheen in Jerusalem (die nach Mekka für die Muslims wichtigsten religiösen Gebetsstätten) zerstören wollten, um dort wieder ihren Tempel des Salomon zu errichten, sondern daß das jüdisch-imperialistische Komplott auch einen historischen Traum, nämlich eine Heimat vom Nil bis an den Euphrat, vor Augen habe und die meisten arabischen Staaten zu erobern gedenke. Hadsch Amin bat um freiwillige Kämpfer, die auf das „Schlachtfeld Palästina“ geschickt werden müßten.

1963 war für den Ex-Mufti ein Jahr der Enttäuschung. Iraks Diktator Kassem wurde gestürzt, ebenso die syrische Regierung; in beiden Ländern etablierten sich Nasser-freundliche Führer, die den Kontakt zu Hadsch Amin kurzerhand abbrachen. Der alte Kampfgefährte des Muftis, Achmed Shukairy, war inzwischen eigene, friedvollere Wege gegangen und hatte es zum Vertreter Saudi-Arabiens in der Uno gebracht. Jetzt reiste er nach Jordanien, um mit König Hussein die dort lebenden Palästinenser zu besänftigen. Auf Nassers Veranlassung wurde 1964 in Jerusalem die PLO, die Palästinensische Befreiungsorganisation, gegründet. Dreizehn arabische Staaten stimmten für Achmed Shukairy als Führer.

Hadsch Amin el Husseini mußte seine eigenen politischen Ambitionen aufgeben und zog sich in seine mit einem Atombunker ausgestattete Villa in den Bergen von Beirut zurück. Im Namen des von Bedeutungslosigkeit bedrohten Hohen Komitees verkündete Hadsch Amin am 10. Juni 1964, daß die PLO keine Beziehung zu den Massen Palästinas habe und das Resultat einer jüdischkolonialistischen Verschwörung (!) sei, welche die Liquidation der Palästinenser zum Ziel habe. Wenige Araber nahmen das ernst.

Der Einfluß des Ex-Muftis in der von ihm selber 1931 ins Leben gerufenen „Islamischen Weltkonferenz“ ermöglichte es ihm jedoch – neben seinem nicht unbedeutenden Vermögen seinem Neffen, Yassir Arafat, dabei zu helfen, eines Tages sein politisches Erbe anzutreten.

Seit 1957 gab Arafat von Kuwait aus, wo er als Bauingenieur arbeitete, das Magazin Unser Palästina: Der Ruf des Lebens heraus. Dem BBC-Reporter Alan Hart gestand er: „Ich finanzierte das Blatt, denn, wie soll ich sagen, meine Verhältnisse waren angenehm.“ Arafat hätte hinzufügen müssen, daß er regelmäßig mit den Manuskripten nach Beirut fuhr, wo das Propagandamagazin mit Hilfe seines Onkels gedruckt wurde. In Ägypten und Syrien war es verboten, zeitweilig auch in Jordanien. Vierzig Ausgaben der monatlichen Zeitschrift sind erschienen.

Arafat erzählte in jenem Interview noch etwas Pikantes: „Ich bin von einem deutschen Offizier ausgebildet worden, der bei der Rückkehr meiner Verwandten aus Deutschland nach Kairo kam.“ 1959, also im Jahre des Mufti-Memorandums, hatten Arafat und andere die Al Fatah gegründet, die „Bewegung für die Befreiung Palästinas“. Bis Ende der sechziger Jahre arbeitete er für diese Guerilla-Organisation. Ein Gerücht besagt, daß arabischen Journalisten in jener Zeit der Anonymität Arafats der Tod angedroht wurde, wenn sie über die verwandtschaftlichen Beziehungen zum Ex-Mufti berichteten. Sein vollständiger Name ist: Abd el Rahman Abd el Rauf Arafat el Qudwa el Husseini.

Die Al Fatah wollte Israel bekämpfen, schließlich vernichten und ein arabisches Palästina aufbauen. Die unterschiedlichen – zum Teil widersprüchlichen – politischen Strömungen in der arabischen Welt wollte man sich dabei zunutze machen und, wenn möglich, auch einen neuen Krieg provozieren.

Dieser Krieg ging 1967, sehr zum Leidwesen der arabischen Führer, nach sechs Tagen mit einem glänzenden Sieg Israels an allen Fronten zu Ende. Die Resignation der palästinensischen Flüchtlinge, ohne Aussicht, jemals in geregelte wirtschaftliche und soziale Verhältnisse zu kommen, verstärkte sich; sie gab der militanten Al Fatah beste Möglichkeiten, neue Kämpfer zu rekrutieren. Arafat tat sich mit anderen Guerillagruppen zusammen und kämpfte mit einem aggressiven Programm, das auf die Vernichtung Israels zielte, um die Führerschaft in der PLO. Ende 1964 präsentierte die Al Fatah den arabischen Regierungen ein Memorandum, in dem PLO-Chef Shukairy wegen seiner fehlleitenden Politik heftig kritisiert wurde, so daß er schließlich zurücktrat.

In der neuen Nationalcharta der PLO von 1968, die bis heute gültig ist, heißt es: „Die Befreiung [Palästinas] ist vom arabischen Gesichtspunkt aus nationale Pflicht, deren Ziel es ist, die zionistische und imperialistische Aggression auf die arabische Heimat abzuwehren und den Zionismus in Palästina auszutilgen ...“ Das ist sinngemäß das gleiche, wie es in den Briefen zwischen dem Großmufti und Reichsaußenminister von Ribbentrop 1942 als Ziel gesetzt wurde: „Beseitigung der jüdisch-nationalen Heimstätte in Palästina“. Die Israelis haben Grund für ihren Argwohn, daß Artikel 15 die Vernichtung des jüdischen Volkes meint. Denn weder Arafat noch andere Mitglieder der Familie Husseini haben sich je von der Kollaboration Hadsch Amins mit den Nazis, von seinen Kriegsverbrechen und seiner aktiven Beteiligung an der Vernichtung der Juden Europas distanziert.

Im Februar 1969 errang Yassir Arafat den Vorsitz der PLO, den er bis heute innehat. Als 1974 in Beirut der Großmufti Hadsch Amin el Husseini zu Grabe getragen wurde, folgten dem Sarge die Abgesandten der arabischen Welt, der Ministerpräsident des Libanons und, neben anderen Palästinenserführern, auch Yassir Arafat.