Von Hermann Priebe

Die Entwicklung der Landwirtschaft ist in den beiden deutschen Staaten höchst unterschiedlich verlaufen, doch weder im Westen noch im Osten sind die Ergebnisse zufriedenstellend. In Westdeutschland werden hohe Subventionen und Marktordnungskosten für Überschüsse vergeudet, viele meinen, um eine unwirtschaftliche Struktur mit zu vielen kleinen Betrieben zu erhalten. Im Gegensatz zu unseren Familienbetrieben von durchschnittlich dreißig Hektar wurden in der DDR Großbetriebe mit durchschnittlich 5000 Hektar, mit strenger Spezialisierung und Organisationsstrukturen nach industriellem Muster geschaffen. Karl Marx hatte von einer „neuen, höheren Synthese von Agrikultur und Industrie“ geträumt, wie sie dann von Stalin in der Sowjetunion erzwungen und später in der DDR nachgeahmt wurde.

Das Ergebnis dieser Großbetriebe war überall ein eklatanter wirtschaftlicher Mißerfolg: Die Sowjetunion verfügt pro Kopf ihrer Bevölkerung über die rund fünffache Ackerfläche der EG, muß aber jährlich viele Millionen Tonnen Getreide importieren, wesentliche Teile ihres Nahrungsmittelbedarfes werden nur in den eigentlich systemwidrigen Kleinstbetrieben der Kolchosbauern erzeugt. In der DDR hatte man bei der Kollektivierung in den fünfziger Jahren zunächst noch überschaubare Betriebseinheiten auf Dorfebene geschaffen. Ende der sechziger Jahre wurde dann aber mit der Großindustrialisierung der Landwirtschaft begonnen. Die Führung der DDR mochte glauben, die damals bereits erkennbaren Mängel der Landwirtschaft in der Sowjetunion seien Folge der teilweise weniger günstigen Naturbedingungen. Vielleicht meinte man auch, die Probleme der neuen Großstrukturen seien in einem wirtschaftlich hochentwickelten Land beherrschbar.

Tatsächlich hat die Landwirtschaft der DDR den höchsten Leistungsstand der Ostblockstaaten erreicht. Aber im Vergleich mit den westdeutschen Betrieben treten ihre Mängel und Mißerfolge nun doch deutlich hervor.

Im Jahre 1949 bestand in beiden Teilen Deutschlands die gleiche Ausgangslage. Die traditionelle Betriebsgrößenmischung war mit unterschiedlichen regionalen Schwerpunkten erhalten geblieben, in Ost- wie in Westdeutschland gab es Gebiete mit Kleinbauern und größeren Gütern, ertragsarme Mittelgebirge und günstige Ackerebenen. Insgesamt hatte die DDR etwas günstigere natürliche Produktionsbedingungen, die Getreide- und Milcherträge waren vor dem Kriege höher als hierzulande.

Die Landwirtschaft in beiden Teilen Deutschlands bietet deshalb einen interessanten Vergleich der organischen Weiterentwicklung in der Bundesrepublik mit der revolutionären Umgestaltung in der DDR. Nach vierzig Jahren zeigen sich extreme Unterschiede: Die Naturalerträge bleiben in der DDR um rund dreißig Prozent unter denen der Bundesrepublik, bei Zuckerrüben sogar um fünfzig Prozent, die Milchleistungen je Kuh sind um zwanzig Prozent zurückgeblieben. Dabei werden mindestens die gleichen Mengen Düngemittel und sogar die doppelte Menge an Pestiziden je Hektar eingesetzt. Und das bei einem pro Hektar doppelt oder dreimal so hohen Arbeitskräftebesatz wie in der westdeutschen Landwirtschaft. Das bedeutet: Die Arbeitsproduktivität ist natural im Westen rund dreimal so hoch wie in der DDR. Entsprechend geringer sind die Einkommen der dortigen Bauern oder, besser gesagt, Landarbeiter.

Von den erschreckenden sozialen und ökologischen Folgen ganz abgesehen, ist das bei rein ökonomischer Betrachtung ein eklatanter wirtschaftlicher Mißerfolg der großindustrialisierten Landwirtschaft. Um so erstaunlicher ist, daß immer wieder von einer Überlegenheit der Großbetriebe über die landwirtschaftlichen Strukturen in der Bundesrepublik gesprochen wird. Da fehlt das Verständnis für einfache wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten. Nicht jede Vergrößerung landwirtschaftlichen Betriebe ist ein Vorteil. Zwar bringt der Einsatz von Maschinen bei zunehmenden Flächen zunächst Vorteile, doch sehr bald werden auch Kostensteigerungen wirksam. Die Maschinen sind ja nicht ortsfest wie in der Industrie, sie müssen sich bei der Arbeit über die Flächen bewegen. Die Vergrößerung der Betriebe bedeutet deshalb zugleich eine Vergrößerung der innerbetrieblichen Entfernungen. Daraus entstehen Kostensteigerungen, und im Zusammenhang mit anderen Faktoren, wie insbesondere der Bodenart und der Geländegestaltung, muß nach den jeweils optimalen Betriebsgrößen gesucht werden.