Von Manfred Osten

Göttingen, August 1985. Der VII. Internationale Germanistenkongreß tagt. Plötzlich, bei der Wahl des künftigen Vorsitzenden der „Internationalen Vereinigung für germanische Sprach- und Literaturwissenschaft“ (IVG), ereignet sich das Unerwartete. Vor allem für die Vertreter aus der DDR kommt es völlig überraschend: Ihr aussichtsreichster Kandidat, Claus Träger, unterliegt im zweiten Wahlgang gegen den Japaner Eijiro Iwasaki. Fünf Jahre später fand zum ersten Mal ein Internationaler Germanistenkongreß außerhalb des westlichen Kulturkreises statt: vergangene Woche in Tokio. Das Thema des VIII. Kongresses lautete: „Begegnung mit dem ‚Fremden“.

Man hatte bei uns soeben der Literatur die Würde systematischer Erkenntis verliehen, als auch schon die japanische Germanistik ihren ersten – 1893 an der Kaiserlichen Universität in Tokio errichteten – Lehrstuhl vorweisen konnte. Der war freilich nicht vom Himmel gefallen, sondern das Ergebnis einer sehr irdischen Vorgeschichte: seit der Meiji-Restauration (1868) figurierte Deutsch neben Englisch als wichtigstes Instrument bei der Modernisierung Japans.

Die von Japan entsandte Iwakura-Mission hatte sich 1873 in Berlin von Bismarck belehren lassen: „Die Zustände in Ihrem Land, meine Herren, sind so, wie sie vor Jahren hier in Preußen waren... Heute wollen viele Länder mit Japan verkehren. Doch sollten Sie unter den Ländern, mit denen Sie Freundschaft schließen, Deutschland an erste Stelle setzen.“ Worte, die sich um so leichter beherzigen ließen, da sie aus dem Munde des Siegers des Preußisch-Französischen Krieges kamen. Man entschied sich für die Sprache des Siegers nicht nur auf dem Gebiet des Rechts (bis hin zur Kodifizierung der Stellung des Tenno in der Verfassung), des Militärwesens, der Musik, der Medizin, der Naturwissenschaften und der Technik. Deutsch wurde auch die Sprache der Geisteswissenschaften, allen voran das affirmative Staatsdenken des preußischen Hofphilosophen Hegel, das wie geschaffen erschien zur geistigen Legitimation der kaiserlich-japanischen Verfassung.

Die Iwakura-Mission hatte dem Geistesleben des damaligen Deutschland zudem attestiert: „Die preußische Literatur und Wissenschaften haben in Europa das höchste Niveau. Hier in Preußen gibt es gebildete Leute zuhauf.“ Folglich galt in Japan fortan Deutsch auch als Sprache der Bildung.

Wie ernst man es meinte mit Deutschland als Lehrer und geistigem Modell, bewiesen die 1877 nach dem Bildungsideal Wilhelm von Humboldts und der Berliner Universität gegründete Kaiserliche Universität in Tokio und die Einführung der deutschen Sprache als eines der wichtigsten Bildungsmedien an den kaiserlichen Gymnasien. Deutsch galt als reputierlich, als Ausweis höherer Bildung und Laufbahnbefähigung für Staatsbeamte. Man zitierte Goethe und verehrte Kant und Schopenhauer.

Vor zwei Jahren resümierte der japanische Germanist Yoshio Koshina die damalige Situation nostalgisch mit den Worten: „Früher trugen bei uns die Ärzte ihre Bemerkungen in den Krankenkarten auf deutsch ein. Das war eine schöne Gewohnheit, die leider heute fast verschwunden ist. Zu dieser Zeit kamen in der Tat wissenschaftliche, technische und künstlerische Neuigkeiten ununterbrochen aus Deutschland. Man hatte das Gefühl, daß die deutsche Sprache immer irgend etwas mit Fortschritt, Annehmlichkeit oder auch mit Weisheit zu tun hatte. Man glaubte beinahe, daß die Deutschen alle Verwandte von Röntgen oder Hegel oder Beethoven seien.“