Das Geschäft mit dem Stierkampf boomt

Von Volker Mauersberger

Die Stimmung in der größten Stierkampf-Arena der Welt, dem Riesengebäude von Las Ventas im Herzen Madrids, ist gut: An diesem warmen Nachmittag haben über 20 000 Menschen auf den hohen, steil aufragenden Rängen Platz genommen und blicken gespannt in die kreisrunde Arena hinunter, wo in wenigen Minuten das Spektakel einer Corrida beginnen wird. Stierkampf ist in Spanien ein gesellschaftliches Ereignis, zu dem sich wohlhabende Herren in den blauen Abendanzug werfen und viele Damen das kleine Schwarze tragen – als besuche man ein Konzert des gefeierten Rostropowitsch im nahe gelegenen Auditorio Nacionäl.

Manche Besucher auf den teuren Plätzen im Schatten hätten wohl jeden Preis bezahlt, um heute dabeisein zu dürfen. Schon viele Wochen vor Beginn der Madrider Fiesta gab es keine Karten mehr; denn mit dem legendären Torero Espartaco war ein Mann angekündigt, dem seit über fünf Jahren die Sympathie des Publikums gehört. Der 28jährige, aus Andalusien stammende Juan Antonio Ruiz – Espartaco ist sein Künstlername – hat sich aus den ärmlichen Verhältnissen seines Geburtsortes Espartinas bei Sevilla zum gefeierten Star hochgearbeitet. Wenn Espartaco an diesem Nachmittag die Madrider Veranstaltung mit zwei sauber getöteten Stieren verläßt, wird er eine Tagesgage von 135 000 Mark kassiert haben. „Das Geschäft läuft gut“, sagt der von vielen Frauen umschwärmte Andalusier am Abend nach seinem erfolgreichen Madrider Debüt und verspricht, daß er seinen gefährlichen Job noch lange ausüben werde. Gewiß hat die Kritik am Stierkampf unter der rapiden Modernisierung und Europäisierung Spaniens zugenommen; doch das Geschäft mit der umstrittenen Corrida blüht wie selten zuvor – als sei dies die trotzige Reaktion des traditionellen Spaniens auf die neuen Zeiten. 512 Corridas und 350 novilladas, kleine Dorfstierkämpfe, gab es im vergangenen Jahr. Dabei wurden umgerechnet 1,3 Milliarden Mark eingenommen. In der sechsmonatigen Saison arbeiten rund 180 000 Spanier für das Nationalspektakel. Die Vereinigung der spanischen Stierkampf-Veranstalter stellte am Jahresende 1989 befriedigt fest, daß rund 52 Millionen Zuschauer in die Arenen gekommen waren – sieben Millionen mehr als im Jahr zuvor. Und der Aufschwung setzt sich fort.

Die Gegner des Stierkampfs bedauern, daß immer mehr Touristen aus den Vereinigten Staaten, ans Japan und der Bundesrepublik in die Arenen strömen. Internationale Reiseveranstalter bieten Eintrittskarten für Corridas im Rahmen von Pauschalarrangements an. Aber auch die Spanier selbst zieht es wieder verstärkt zum Stierkampf. „Die Begeisterung hat bei, unserer Jugend stark zugenommen“, sagt Fernando Fernández Tapia, ein bekannter Züchter.

Der neue Boom läßt vor allem Leute wie Stierkampf-Veranstalter José Luis Lozano frohlocken. Lozano beziffert die Kosten eines einzigen Stierkampf-Nachmittags von zwei Stunden auf umgerechnet 650 000 Mark; der Verkauf von 23 000 Eintrittskarten, Bandenwerbung innerhalb und außerhalb der Arena sowie Fernsehübertragungen sollen das Geld wieder hereinbringen. Den Madrider Veranstaltern gelang das Kunststück, fast drei Viertel aller Plätze an Jahresabonnenten loszuwerden. Nur 4000 Karten wandern in den Einzelverkauf, der meist vom Schwarzmarkt dominiert wird. Im vergangenen Jahr erwarb eine amerikanische Consulting-Firma für ihre Konferenzteilnehmer innerhalb von wenigen Stunden ein Karten-Kontingent, daß den normalen Preis um das Fünfzehnfache überstieg. Ein ausländischer Multi soll für zwei Jahreskarten in der Arena Las Ventas eine Million Peseten hingeblättert haben – knapp 20 000 Mark.

Fürstlich bezahlt