Für Dr. Minks wäre es wohl ein klarer Fall: Nervöse Symptome, erste Anzeichen, beginnende Kontraktur des Nervus facialis, hysterisch.“ Dr. Minks, ein Psychiater und damit Agent der Realität, spielt jedoch in „Ludwig muß sterben“ nur eine bescheidene Nebenrolle.

Denn der namenlose Ich-Erzähler des ersten Romans von Thomas Hettche, Jahrgang 1964, ist aus der Obhut des Nervenarztes nach Hause entlassen worden. Da bleibt er nicht lange allein. Einem Anatomieatlas entsteigen zwei Gestalten, die dort zu Demonstrationszwecken abgebildet sind, ein Mann, dem die Haut über den Adern seines Armes fehlt, und ein Mädchen mit offenem Schädel. Obwohl das Mädchen etwas streng riecht, ist der Erzähler zunächst froh über den Besuch. Er braucht nun, wie er schreibt, nur „ein Stück zur Seite“ zu rücken, und schon ist er nicht mehr allein.

Der solcherart ver-rückte Erzähler erzählt den Phantomen eine Geschichte, die seines Bruders Ludwig, und nachdem er einmal mit ihr begonnen hat, kann er nicht mehr aufhören, seine Zuhörer zwingen ihn fortzufahren bis zum Ende, bis zu Ludwigs Tod.

Hettches Erzähler kann ganz offensichtlich Realität und Phantasie nicht mehr auseinanderhalten, er ist kein Schriftsteller, nicht Herr seiner Erfindungen, sondern deren Knecht. So wird der Leser in die Lage eines Radiohörers versetzt, der vor einem Gerät sitzt, in dem sich wegen mangelnder Trennschärfe zwei Sender überlagern: Mal hört man den einen Kanal, in dem von Ludwig die Rede ist, dann wieder den anderen, auf dem die Geschichte des Erzählers läuft.

Hettche schreibt in einem atemlosen Stakkato, nur selten setzt er Punkte, und seine Kommata scheinen mehr der Rhythmisierung als der Gliederung zu dienen. In einem furiosen Finale verschmilzt er die beiden Geschichten schließlich zu einer einzigen, die dort endet, wo alles begonnen hat, zu einer unendlichen Geschichte also.

Thomas Hettche ist ein literarischer Mauerstürmer. Das Ziel seiner Attacken sind die Schutzwälle, die jeden Diskurs begründen und zugleich begrenzen: Anfang und Ende, die Unterscheidung von wahr und falsch, real und phantastisch. Hettche und sein ausgegrenzter Erzähler verweisen damit die normal-beschränkten Erzähler in ihre Grenzen. Ludwig muß sterben, dieser Roman wird überleben. Nikolaus Müller-Schöll

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