Von Claus Jacobi

Berchtesgaden, im September

Ich hatte eine Tante, die zog alljährlich gen Süden, um auf dem Obersalzberg ein Häuflein Erde in einen kleinen Beutel zu scharren. Keine gewöhnliche Erde, beileibe nicht, sondern geheiligter Boden, über den der Führer gerschritten war. Die Tante lebt noch. Ihr Führer ist tot. Auf dem Obersalzberg aber wird noch immer gescharrt.

Amerikaner sind’s, sie suchen Souvenirs. Viel ist hier oben allerdings nicht mehr zu finden. Hitlers Haus, der Berghof, ist ausgebrannt. Die SS war es, die dort Hand anlegte, im April 1945. Mit Görings Haus, Bormanns Residenz und ihren eigenen Platternhof-Kasernen – das alles lag dicht beieinander – hatten die SS-Männer nicht soviel Mühe. Sie waren schon zerbombt. Und so stolpert denn heute der Besucher über Schutt und Trümmer, geführt von einem einheimischen Wicht, der fließend Berchtesgadener Englisch spricht, und mit seiner Hilfe und an Hand von Postkartenserien kann man sich die Erinnerung zuruckrufen. Es sind Postkartenserien, die von der Mutter des kleinen Fremdenführers in Hitlers Wohnzimmer verkauft werden und auf denen die ganze innere Gräßlichkeit des Berghofs für die Nachwelt festgehalten wurde. So also hatte sich der kleine Schicklgruber die große Welt erträumt!

Fünfundsechzig glitschige Marmorstufen führen hinab in das großdeutsche Reduit. Vier Kilometer tief sind die Stollen in den Berg getrieben – zweistöckig. Im oberen Geschoß liegen die Appartements für Hitler, seinen Leibarzt Dr. Morell, Eva Braun, Göring, Bormann und die SS-Wachen; Baderäume, Küchen und Konferenzzimmer; an jedem Ende eines Stollens ist ein selbst heute nur schwer zugängliches MG-Nest eingebaut. Und das alles ist ausgebrannt, tot, rauchgeschwärzt.

Auf dem Parkplatz vor den Platternhof-Kasernen gleich nebenan hat sich inzwischen eine monströse Autoauffahrt zusammengefunden. Dies ist der höchste Punkt, den Privatwagen erreichen können. Going up to eagles nest, verheißt eine Inschrift an einer kleinen Holzbaracke. Drinnen zithert ein Unbekannter den „Dritten Mann“; vor der Tür patrouilliert ein riesiger US-Sergeant. Achselzuckend weist er einen deutschen Besucher ab. „Ich habe schon Mühe, all die anderen Gaste heraufzubringen. Für Deutsche wäre gar kein Platz. Das ist alles.“

Vom Parkplatz aus geht es also noch höher hinauf, zum Teehaus. Es ist eine merkwürdige Gesellschaft, die sich in einem der sieben kleinen shuttle buses zusammengefunden hat, die keuchend hintereinander die vier Kilometer lange Serpentinenstraße emporkriechen. Zwei katholische Schwestern aus Österreich, ein ägyptischer Prinz, der die Augen aller weiblichen Wesen von Berg, Teehaus und Ausblick ab und auf sich zieht, zwei amerikanische Offiziere, die sich überlegen, wie Hitler wohl im Winter die steile Bergstraße passiert haben mag, ein Engländer, der gern vom Fahrer wissen möchte, wo man Edelweiß finden kann. Dicht unter der Bergkuppe vor einem bronzenen Portal endet die Straße. 124 Meter tief geht es schnurgerade in den Felsen hinein. Wieder die obligaten MG-Scharten, und noch einmal 124 Meter schnurgerade, diesmal in einem mit Kupferplatten ausgeschlagenen Lift senkrecht in die Höhe. Langsam, wie in einem Warenhausfahrstuhl, öffnen sich die Schiebetüren. Man steht in Hitlers Adlerhorst, 1900 Meter über dem Meeresspiegel.