Kanadas Wälder sind legendär. Rot- und Weißtannen sowie Kiefern bedecken fast die Hälfte des zweitgrößten Landes der Erde und erstrecken sich von Labrador und Neufundland an der Atlantikküste quer über den nordamerikanischen Kontinent bis hin nach British Columbia (BC) am Pazifik. Dort findet man im Regenwald sogar noch alte, bis zu sechzig Meter hohe Baumriesen. BC, die drittgrößte kanadische Provinz, ist zu mehr als der Hälfte bewaldet. Doch ausgerechnet dieser Naturreichtum führt zunehmend zu Spannungen im Land. Die Forstwirtschaft ist nämlich zu einer der wichtigsten Industrien der Provinz geworden – neben dem Tourismus. „Super natural BC“ und ähnliche Schlagzeilen bringen jährlich für kurze Zeit Tausende von Kanadiern, Amerikanern und Europäern in die Provinz. Die beiden Erwerbszweige – Holzindustrie und Tourismus – kommen sich aber mehr und mehr in die Quere.

Die Autofahrt von Vancouver entlang dem Howe Sound und durchs Squamish Valley ins aufstrebende, kaum zwei Stunden entfernte Skigebiet von Whistler Mountain läßt erahnen, was der Blick aus der Vogelperspektive vollends deutlich macht: Die ursprünglich zusammenhängenden Forste des pazifischen Nordwestens werden zusehends dezimiert. Aus dem Flugzeug betrachtet, sehen einzelne Gebiete wie Flickenteppiche mit verschiedenfarbigen Teilen aus. Enorme Gebirgsflanken erscheinen wie abrasiert: Es sind Kahlschlagzonen.

Doch erst Mitte der achtziger Jahre regte sich Widerstand. Seither hat die grüne Welle in BC stetig an Kraft gewonnen, beruhigende Erklärungen seitens der Regierung in Victoria oder aber durch die Forstindustrie haben längst ihre Glaubwürdigkeit verloren. Am Raubbau hat sich bis heute denn auch nichts geändert.

Die Geschichte der Forstindustrie in British Columbia ist eng mit dem Konzern MacMillan Bloedel Ltd., MacBloe genannt, verbunden. MacBloe ist eines der größten nordamerikanischen Unternehmen der Branche. Im Jahre 1988 erwirtschaftete die Firma mit rund 15 000 Angestellten einen Gewinn von mehr als 300 Millionen kanadischen Dollar, bei einem Umsatz von rund 3,3 Milliarden. MacBloe zählt zu den bedeutendsten Inhabern von sogenannten Tree Farm Licences (TFL), die von der Provinzregierung in den fünfziger Jahren geschaffen wurden. Mit diesen Lizenzen hat die Regierung den Forstbetrieben für ein Trinkgeld die Verantwortung über weite Gebiete des Waldes in British Columbia überlassen. Zwar wurden die Firmen dazu verpflichtet, nicht mehr abzuholzen, als wieder nachwächst. Doch die Betriebe betrachteten den Wald als ihr Eigentum, das sie rücksichtslos ausbeuteten. Es dauerte lange, bis sich Proteste regten. Immerhin aber ergab eine Umfrage im Herbst 1989, daß 97 Prozent aller Einwohner British Columbias ihre unmittelbare Umwelt als gefährdet betrachten, und die Holzindustrie gilt dabei als Sündenbock Nummer eins.

Fairerweise muß man MacBloe zugestehen, daß das Unternehmen schon im Jahre 1974 Biologen und Umweltspezialisten zu Rate zog. Die Firma setzt heute moderne Computer ein, um wenigstens die für den Tourismus wichtigen Gebiete zu schützen. Mittlerweile werden auch alle abgeholzten Gebiete innerhalb von drei Jahren mit neuen Setzlingen bepflanzt. Gleichzeitig hat MacBloe nicht eben billige Werbekampagnen geführt, um die Bevölkerung davon zu überzeugen, daß im Wald alles in Ordnung ist. Und als der Holzschlag im Carmanagh-Tal auf Vancouver Island in Angriff genommen werden sollte und die Bevölkerung dagegen Front machte, offerierte MacBloe neunzig Hektar (von einer Gesamtfläche von 7000 Hektar) als unberührtes Reservat. Ein späteres, wesentlich großzügigeres Angebot hatte bei der generellen Empörung keine Chance mehr auf Anhörung.

Die Provinz British Columbia ist auch heute kein kahlgeschlagenes Territorium. Von den 43 Millionen Hektar Wald sind etwas mehr als die Hälfte wirtschaftlich nutzbar, und die ungenutzten Gebiete liegen oft weitab jeglicher menschlichen Siedlungen. Oft sind die Holzbetriebe weit und breit der einzige Arbeitgeber, und den Holzfällern folgt eine Reihe von Verarbeitungsbetrieben, die in ganz Kanada Tausende von Personen beschäftigen. Jahrelang haben die Einwohner der Provinz deshalb weggeschaut, wenn sie kahlgeschlagenen Gebieten begegneten.

Nun scheint sich in der westlichsten Provinz Kanadas sowohl in der Industrie wie auch in der Regierung langsam ein Sinneswandel durchzusetzen. Ein Moratorium für Kahlschlag zu erwarten wäre allerdings illusorisch und nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Überlegungen wohl auch wenig sinnvoll. Indessen scheint man doch langsam zu bemerken, daß die während langer Jahre für unerschöpflich gehaltenen Holzbestände der Provinz so unerschöpflich doch nicht sind. British Columbia, vor fünfzig Jahren noch eine Wildnis im fernen Westen, ist dieses längst nicht mehr. Die Forstunternehmen werden deshalb rücksichtslosen Kahlschlag durch selektiven Holzfall ersetzen, auf Brandrodung verzichten und die Wiederaufforstung gezielt forcieren müssen. Karl Felder