Die schreckerfüllte Klarheit, mit der wir im Alter von siebzehn Jahren die Welt um uns herum erkennen können, mit der wir scheinbar festgefügte Mauern als Kartenhäuser entlarven, die Intensität, mit der wir in diesem Alter plötzlich alles und zugleich nichts mehr verstehen können – beides erlebt Erick in M.E. Kerrs „Drachen in der Nacht“.

Die Erinnerung an ein Kindheitserlebnis bekommt in diesem Jahr ein neues Gewicht: Vor vielen Jahren hatte sein großer Bruder Pete ihm einen Nachtdrachen gebaut. „Nachtdrachen“, hatte Pete gesagt, „sind anders, denen macht die Dunkelheit nichts aus. Sie steigen allein auf, ganz auf sich gestellt – und sie haben keine Angst davor, anders zu sein.“

Erst jetzt begreift Erick, daß der zehn Jahre ältere Pete ihm damals etwas über sich selbst sagen wollte, über sein Anderssein, seine Homosexualität. Nun, mit siebzehn, als Erick den Sinn dieser Metapher versteht, ist er selbst gerade zutiefst beunruhigt durch die sexuelle Ausstrahlung von Nicki, der Freundin seines besten Freundes Jack. Er versucht, die Balance zwischen Hunger nach Erfahrung einerseits und der Solidarität dem Freund gegenüber andererseits zu finden, stößt sich mehr denn je an der Enge des Elternhauses mit all den väterlichen Forderungen nach Leistung und sieht sich mit dem Wunsch nach einem Verlobungsring von seiner eigenen Freundin Dill konfrontiert.

Der Schock, daß Pete ins Elternhaus zurückkehren muß, weil er Aids hat, trifft Erick unvorbereitet und um so härter. Unfähig, sich mit den in der Familie aufbrechenden Konflikten auseinanderzusetzen, flüchtet er in die allzu offenen Arme von Nicki, taucht unter im Ansturm körperlicher Sehnsüchte und Erfüllungen. Der allseits vorherrschenden Unsicherheit und Angst vor der Krankheit weicht er aus. Jack, den besten Freund aus Kindertagen, hat er längst verloren durch die Verbindung mit Nicki, ebenso wie seine Freundin Dill. Erick versucht, seinem Erleben einen ausprobierend-spielerischen Charakter zu geben, er sehnt sich zurück in das feste Gefüge von Elternhaus und Schulclique – und weiß doch, daß er nicht mehr dazugehört. Aus der Höhe der Gefühle, in die er sich mit Nicki hineingesteigert hat, bleibt nur der jähe Absturz, ohne Netz und doppelten Boden, als Nicki von der Krankheit Petes erfährt.

Die Zeit, als Erick die Welt mit den Augen der Eltern, der Kindheit, sehen konnte, ist vorbei. Der ewig alte und für den einzelnen Jugendlichen immer wieder neue Weg, die Welt mit ihren Defiziten akzeptieren zu lernen, hat begonnen. Erick weiß, daß er sich auseinandersetzen muß, nicht nur mit der Krankheit seines Bruders, sondern auch mit den eigenen Verwirrungen dieses Jahres. Er muß sich entscheiden zwischen Flüchten und Standhalten, zwischen Anpassung und Ansprüchen an sich selbst.

Die amerikanische Autorin M.E. Kerr hat in dem erzählerisch und psychologisch überzeugenden, gleichzeitig spannend aufgebauten Roman die Entwicklung eines Jugendlichen beschrieben, zu dessen Alltag unter anderem die Herausforderung einer tödlichen Krankheit gehört. Sie hat dabei vermeiden können, daß das Thema Aids zum Showeffekt wird. Jugendliche Leser messen, vielleicht mehr noch als erwachsene, Literatur an ihrer Wahrhaftigkeit, daran, ob sie ihre Empfindungsebene in dem, was sie lesen, wiedererkennen. Der Roman hält diesem Anspruch stand.

Renate Raecke