Von Carl D. Goerdeler

In San Miguel Infantas bezog die Volksküche an diesem Sonnabend dreizehn Kilo stinkenden Fisch. 108 Menschen mußten davon satt werden. Für eine Suppe aus Hühnerfutter fehlte das Geld. Das Sonntagsmahl in Santa Cruz de Motupe, einem anderen Stadtviertel der peruanischen Hauptstadt Lima, bestand aus Reissuppe und Reis. Milch gibt es schon seit Monaten nicht mehr. Fast alle Bewohner der Erdlöcher sind von Männern verlassene Frauen mit Kleinkindern. Das Mütterkomitee des Slums Villa el Salvador hat die Arbeit aufgeteilt: Einige Frauen sammeln Brennholz, andere suchen auf dem Markt nach verwertbarem Abfall. Ein Kilo Kartoffeln und zwei Dutzend Eier sind von der staatlichen Armenspeisung geschickt worden. Die Brühe muß für 325 Portionen reichen: sieben Gramm Eiweiß und 3,5 Gramm Fett pro Kopf. Nach Feststellungen der Mütterkomitees, der Volksküchen und zahlreicher Hilfsorganisationen beträgt der Nährwert der täglichen Armenspeisung in Lima 170 Kalorien. Im Juli waren es noch 400 Kalorien pro Bedürftigen. 2410 Kalorien braucht der Mensch zum Überleben. Hunderte müssen den Hungertod sterben.

Die Lehrerin Ines Cordova hat mit einer Reisetasche auf der Bank ihr Gehalt von 7,7 Millionen Intis, das sind umgerechnet etwa 25 Dollar, abgeholt. Sie war damit einverstanden, daß der Betrag in 5133 Noten von je 1500 Intis ausbezahlt wurde. Aber selbst der Zigarettenhändler akzeptiert keine Banknote unter 50 000 Intis mehr. „Statt die Noten einzeln zu zählen, hätten sie sie auch genausogut abwiegen können“, meint verbittert die Lehrerin. Wer bislang einen Packen Scheine übrig hatte, versuchte sie in Dollar zu wechseln. Brauchte man am nächsten Tag wieder Intis, bekam man sie gegen greenbacks an jeder Straßenecke gewechselt und noch einige Millionen dazu.

Talglichter und Kerzen sind unverzichtbar in Haushalt und Büro. Sie liegen verschämt im Nachttisch der Luxushotels von Miraflores und offen neben den Computern der Zentralbank. Entweder verdunkeln die Terrorkommandos des „Leuchtenden Pfades“ (Sendero Luminoso) die Hauptstadt, indem sie die Hochspannungsleitungen aus den Anden sprengen, oder die Arbeiter der Elektrizitätswerke legen die Schalter um. Keiner in Lima kann mit Sicherheit sagen, wie viele Beamte, Angestellte und Arbeiter streiken. Nur die Armee macht wegen des Ausnahmezustands Überstunden. Zwischen sieben Uhr abends und fünf Uhr früh gehört die Straße den Soldaten.

Hunger, Chaos, Aufruhr in Peru. Probleme von „biblischem Ausmaß“ sieht das Wall Street Journal im Andenland. Ein zweites Wunder der Brotvermehrung ist nicht in Sicht. Vielmehr droht die peruanische Apokalypse ein ganzes Volk zu vernichten. Zehn von zweiundzwanzig Millionen Peruanern gelten als unterernährt, drei von acht Millionen Bewohnern der Metropole Lima leben in Baracken und Bruchbuden, so schätzt die Regierung. Die Reichen haben ihre Villen geschlossen und sind ins Ausland geflohen, das Heer der Staatsdiener kämpft um eine sichere Stellung, das Volk ums nackte Überleben.

Alberto Fujimori steht vor einer Sisyphusaufgabe. Der peruanische Präsident japanischer Abstammung trat sein Amt am 28. Juli an. Er hatte gegen den berühmten Schriftsteller Mario Vargas Llosa die Wahl gewonnen. Die Peruaner stimmten für den bis dahin fast unbekannten Akademiker, weil sie den traditionellen Politikern mißtrauten und sich vor dem Radikalprogramm des Schriftstellers fürchteten. Fujimori schien das kleinere Übel, denn er versprach nur sanfte Korrekturen. Um so größer ist der Schock, den sein drakonisches Sanierungsprogramm nun überall im Land auslöst.

Der schweigsame Staatschef ließ die Roßkur durch seinen Premier und Wirtschaftsminister Carlos Hurtado Miller verkünden: Verteuerung der Grundnahrungsmittel Milch, Reis, Brot, Zucker, Bohnen und Fett bis zum Fünffachen des bisherigen Preises. Benzin, Diesel und Gas kosten dreißigmal mehr, auf alle Exporte werden zehn Prozent Steuern geschlagen, auf alle Importe bis zu fünfzig; die Mindestlöhne werden von umgerechnet 13 auf 46 Dollar erhöht, Staatsbedienstete erhalten einen einmaligen Teuerungsausgleich von 23 Dollar, die Tarifverträge werden bis Jahresende eingefroren. Der Wechselkurs des Inti wird freigegeben, das Steuersystem entrümpelt, 415 Millionen Dollar fließen in ein Notprogramm gegen den Hunger, die Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.