Von Ulrich Schiller

Washington, im September

Zum zweiten Mal hat George Bush seinen Gegenpart im Kreml aus eigenem Anstoß zum Gipfelgespräch gerufen. Beim ersten Mal schlug er im Herbst vergangenen Jahres das Treffen auf Malta vor, um endlich bei der Abrüstung voranzukommen. Damals hatte der amerikanische Präsident noch einen langen Anlauf gebraucht. Jetzt hat er Gorbatschow kurzfristig nach Helsinki gebeten.

Der Grund ist zwingender noch als im vergangenen Jahr. Soeben ist der Generalsekretär der Vereinten Nationen, der die Autorität seines Amtes und hohes persönliches Prestige in die Waagschale geworfen hatte, von den Irakis abgewiesen worden. Kein Gedanke daran, daß sie den von Perez de Cuéllar vertretenen Forderungen des Weltsicherheitsrates nachzukommen gedächten. Die Flüchtlingsströme aus Kuwait und dem Irak und die Tausende von Geiseln haben ein zusätzliches Pulverfaß, geschaffen: Der weitere Aufmarsch der Vereinigten Staaten, der sich mit Luftverbänden inzwischen auch auf die Vereinigten Arabischen Emirate, auf Bahrain, Qatar und Oman ausgeweitet hat, erzeugt eine Eigengesetzlichkeit, deren Folgen noch niemand abzuschätzen vermag.

Obwohl die Verhältnisse im Kreml komplizierter geworden sind, hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Großmächten – und ihren Präsidenten – außerordentlich konstruktiv entwickelt und intensiviert. Nach Malta kam im Frühsommer dieses Jahres das Treffen in Washington, auf dem Bush und Gorbatschow das Ende des Kalten Krieges besiegelten. Dann folgte die Londoner Erklärung der Nato, in der die Atlantische Allianz dem Warschauer Pakt, dem Widersacher von gestern, Freundschaft und Partnerschaft anbot. Schließlich gab Gorbatschow seine Zustimmung, daß das vereinte Deutschland zur Nato gehören solle. In Washington wurde dies als einer der ausdrucksvollsten Beweise für das „neue Denken“ in der sowjetischen Außenpolitik bewertet.

Es lag in der Folgerichtigkeit dieser Entwicklung, daß die beiden Großmächte mit der Moskauer Erklärung ihrer Außenminister Baker und Schewardnadse zunächst den irakischen Überfall auf Kuwait verurteilten und dann auch im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu einer gemeinsamen Haltung kamen: von der Forderung nach dem Abzug der Truppen Saddams aus Kuwait bis zu Sanktionen und der Ermächtigung zur Anwendung militärischer Gewalt, wenn anders das Embargo nicht durchzusetzen sei.

Die innere Logik der neuartigen Großmachtbeziehungen nach dem Ende des Kalten Krieges muß für Bush die Ad-hoc-Begegnung mit Gorbatschow geradezu zwingend gemacht haben. So wie dieser Präsident es rechtzeitig begriffen hat, daß es notwendig ist, die Sowjetunion in alle Fragen der europäischen Sicherheit einzubeziehen und zum Partner zu machen, so hat er verstanden, daß es falsch war, den Kreml lange Jahre in der Nahostdiplomatie zu übergehen.