Von Lutz Reidt

Britische Zoologen haben beim Durchstöbern alter Aufzeichnungen Bemerkenswertes herausgefunden: Dreimal im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden große Mengen toter und sterbender Robben an die Küste gespült. Auch bei einem weiteren Massensterben in den dreißiger Jahren ist ein Krankheitsbild überliefert, das sehr stark jener Symptomatik ähnelt, die auch im Sommer 1988 bei den sterbenden Seehunden zu beobachten war, sagt John Harwood vom Forschungsinstitut für Meeressäuger in Cambridge.

Diese Feststellung, daß Epidemien bei Robben nichts Ungewöhnliches sind, bringt neuen Zündstoff in die alte Debatte, ob das Robbensterben vorwiegend natürliche Ursachen hatte oder durch Umweltverschmutzung bedingt war. Insgesamt fielen in der Nordsee rund 18 000 Seehunde der Seuche zum Opfer. Allein 8500 Kadaver lagen verstreut im Wattenmeer von Holland bis Dänemark, wo fast zwei Drittel des Bestandes ausgelöscht worden sind. Mittlerweile scheinen sich zumindest vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins die Bestände wieder zu erholen. „Im Juli haben wir knapp 450 Jungtiere gezählt, das ist eine erfreulich hohe Nachwuchsrate“, berichtet der Zoologe Günter Heidemann von der Universität Kiel. Insgesamt umfaßt der Bestand wieder rund 2000 Seehunde – womit allerdings noch nicht einmal die Hälfte der Population vor dem Massensterben wieder erreicht ist.

Der heutige Seehundbestand ist immun gegenüber dem Erreger, einem staupeähnlichen Virus, dem Morbilli-Virus. Der niederländische Virologe Alfred Osterhaus vom Nationalen Institut für Gesundheit und Umweltschutz hat dies nachgewiesen. Er impfte sechs Robben gegen diese „Staupe“, zwei hingegen nicht und infizierte die acht Seehunde mit Zellen von verendeten Artgenossen. Prompt erkrankten die beiden Robben ohne Impfschutz und starben, die sechs geimpften Seehunde hingegen zeigten keine Symptome.

Was die Suche nach den Ursachen des Seehundsterbens von 1988 lange Zeit erschwert hat, waren die zahlreichen Folgeerkrankungen, die vornehmlich bakterieller oder parasitärer Natur waren und die den meisten infizierten Robben den Rest gaben. „Die Sektionsberichte lesen sich wie ein Lehrbuch der Veterinärmedizin, die Robben hatten fast alles“, sagt der Tierarzt Olaf Stenvers, der gemeinsam mit dem Virologen Hanns Ludwig vom Robert-Koch-Institut der Freien Universität Berlin die Rolle von Herpes-Viren als Sekundärfaktor im Robbensterben untersucht.

Doch es gibt auch zahlreiche Hinweise, wie John Harwood meint, daß erst die Meeresverschmutzung ein solches Ausmaß des Seehundsterbens ermöglicht hat. Bereits vor Jahren wunderte sich der niederländische Zoologe Peter Reijnders, daß die Seehunde im holländischen Wattenmeer meist eine niedrigere Nachwuchsrate aufweisen als ihre Artgenossen vor der Nordseeküste Schleswig-Holsteins. Da diese Region nicht so stark mit Schadstoffen wie zum Beispiel PCBs belastet ist wie das niederländische Wattenmeer, fütterte Reijnders in einem Experiment Seehunde mit PCB-belastetem Fisch; eine Kontrollgruppe erhielt „sauberen“ Hochseefisch. Es zeigte sich, daß die PCB-reiche Kost zu einer um rund zwei Drittel geringeren Geburtenrate führte.

Dazu im Widerspruch steht allerdings die Beobachtung, daß im niederländischen Wattenmeer in einigen Jahren die Nachwuchsrate der Seehunde über jener in Schleswig-Holstein lag. Vermutlich spielen natürliche Schwankungen, etwa Zuwanderungen von außen, hierbei eine Rolle. Peter Reijnders konnte zeigen, daß PCB-haltige Nahrung die Aufnahme von Vitamin A im Darm beeinträchtigt. Damit könnte neben eingeschränktem Wachstum und verminderter Fruchtbarkeit auch eine geringere Resistenz gegenüber Infektionen einhergelen. Zudem beobachtete Reijnders ein deutliches Absinken des Schilddrüsenhormonspiegels. „Da das Schilddrüsenhormon eine anregende Funktion für den Körper hat, kann die Veränderung den Ausbruch einer Epidemie fördern“, meint der Morphologe Udo Schumacher von der Universität München, der selbst auf diesem Gebiet forscht.