Sehbehinderte lernen die Arbeit mit modernen Techniken

Die Ausstattung der Räume des Hauses im Frankfurter Nordend ähnelt eher einem Technologiezentrum als dem Interieur eines älteren Gebäudes. Surren, Klicken, Piepsen und eine Stimme, die abgehackt einzelne Worte oder ganze Sätze spricht: Hier, im Dokumentarischen Institut der Stiftung Blindenanstalt werden Blinde oder stark Sehbehinderte aus allen Teilen der Bundesrepublik mit Zukunftstechnologien vertraut gemacht.

Mehrere Personalcomputer, Großbildschirme, Audioterminals und Blindenschriftzeilen, die den Computerinhalt in einer bis zu hundertfach vergrößerten Druckschrift, in einer synthetischen Stimme oder in Blindenschrift wiedergeben, bringen den Sehgeschädigten das Arbeiten mit Hilfe von High-Tech bei.

Hier laufen zur Zeit Ausbildungslehrgänge für den Beruf des wissenschaftlichen Dokumentars im Hörfunk oder im Telephonmarketing sowie ein Forschungsprojekt, bei dem Möglichkeiten für Menschen ohne oder mit nur geringer Sehkraft getestet werden, in Datenbanken zu recherchieren. Außerdem werden zwei weitere Modellversuche intensiv vorbereitet: Vier Blinden und einem Taubblinden soll über die Postleitung Datex-P der Inhalt einer Tageszeitung den Computer in ihrer Wohnung übertragen werden. Mit dem zweiten Projekt sollen größere Lexika und Wörterbücher maschinenlesbar für Sehgeschädigte aufbereitet werden. „Bisher läuft unser als Forschungsauftrag vom Bundesforschungsministerium in Bonn gefördertes Projekt, Möglichkeiten der Recherche durch Blinde oder stark Sehbehinderte in Datenbanken zu eruieren, recht vielversprechend“, sagt der Leiter des Dokumentarischen Instituts, Andreas Heineke.

Für die Recherchen hat die Bundespost von der Stiftung Blindenanstalt in Frankfurt Leitungen zu mehreren Datenbanken in der Bundesrepublik geschaltet. Zwölf Blinde oder hochgradig Sehbehinderte mit unterschiedlichen Berufen haben bei den bisherigen Testphasen erfolgreich etwa bei der deutschen Presseagentur (dpa) herumgestöbert. „Mich hat die Konzentrationsfähigkeit und die rasche Auffassungsgabe der Blinden und stark Sehbehinderten sehr beeindruckt“, erklärt Angela Schilling von der dpa-Zentrale in Hamburg. Nach ihren Anweisungen führten die Sehgeschädigten zwei Recherchen gemeinsam aus. Das Ergebnis lasen sie entweder auf der unter der Computertastatur angebrachten Blindenschriftzeile („Braille-Zeile“ genannt) oder in vergrößerter Schrift auf dem Bildschirm ab. Sie konnten es sich auch von der künstlichen Stimme im Audioterminal vorlesen lassen.

„Wenn das Forschungsprojekt positiv ausgeht – daran haben wir nach den bisherigen Resultaten kaum noch Zweifel –, werden wir die Ausbildung des wissenschaftlichen Dokumentars über den Hörfunkbereich hinaus auf Bibliotheken, Archive und andere Dateien ausdehnen. Außerdem werden wir für Sehgeschädigte als zukunftsträchtige Tätigkeiten den Beruf als Rechercheur oder Informationsvermittler erschließen“, sagt Andreas Heineke. Keyvan Dahesch