Bald sind politische Entscheidungen fällig

Von Hans Schuh

Der Vorgang ist beispiellos und dokumentiert die Brisanz der Auseinandersetzungen um das Rinderwachstumshormon BST: Obwohl dieses Mittel zur Steigerung der Milchproduktion noch nicht zugelassen ist und die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA die Gefahren seines Einsatzes für Mensch und Tier erst in den nächsten Monaten abschließend beurteilen will, geht die FDA bereits mit Studien über die Sicherheit von BST an die Öffentlichkeit. Sie durchbricht damit ihr Schweigen, das sie bisher bei schwebenden Verfahren gewahrt hat. Der Tenor der FDA-Stellungnahme ist deutlich: Die mittels BST erzeugte „Hormonmilch“, die bei vielen Konsumenten, Bauern, Politikern, Tier- und Umweltschützern auf heftige Ablehnung stößt, berge keine Gesundheitsgefahr.

„Hysterische Reaktionen“

In umfangreichen Beiträgen brachten Ende August die beiden US-Wissenschaftsblätter Science (Bd. 249, S. 853 und 875) und das JAMA (Journal of the American Medical Association, Bd. 264, S. 1003 und 1028) die Botschaft vom sicheren BST. Ein JAMA-Editorial bezeichnete es als „hysterische Reaktion“, daß fünf große US-Supermarktketten Milchprodukte boykottieren wollen, die mit Hilfe von BST erzeugt werden, und geißelte das temporäre BST-Verbot der beiden agrarisch geprägten US-Bundesstaaten Wisconsin und Minnesota. Science beklagte, daß die Europäer das Zulassungsverfahren für BST sowohl auf nationaler wie auf EG-Ebene in einem „bürokratischen und politischen Labyrinth“ behinderten. So sei jetzt ein Antrag des Chemiekonzerns Monsanto auf Zulassung von BST in Großbritannien vorläufig abgelehnt worden.

Das Europäische Parlament hat sich in einem (rechtlich nicht verbindlichen) Beschluß grundsätzlich gegen die Verwendung von Hormonen in der Lebensmittelproduktion ausgesprochen. Noch bis Ende 1990 gilt in der EG ein Moratorium für den Einsatz von BST. Bald muß also neu entschieden werden. In der Bundesrepublik lehnt eine breite Koalition von Verbraucher- und Umweltschutzverbänden bis hin zu den Molkereien und dem Bonner Landwirtschaftsministerium den Hormoneinsatz strikt ab.

Warum sollten wir auch „Hormonmilch“ trinken, „Turbokühe“ zu noch höherer Leistung quälen, Milchseen und Butterberge vergrößern und kleinbäuerliche Betriebe, die mit HighChem im Stall nicht zurechtkommen, scharenweise in den Bankrott treiben? So einfach, wie gegen BST häufig argumentiert wird, ist die Problematik allerdings nicht. Hinter dem zähen Ringen um dessen Zulassung verbergen sich mehrere Konflikte grundsätzlicher Natur.