Langeweile ist Grundstimmung des Philosophierens. Unterwegs wird die Zeit lang lang lang. Träge liegt sie zwischen Beginn und Ende der Fahrt. Gewonnene oder verlorene Zeit??? Fahrzeit ist Denkzeit. Immer besser BVG.

Plakat der Berliner Verkehrs-Gesellschaft (BVG) in der U-Bahn

Julien Green 90

Ein Amerikaner in Paris. Das Herz zerspringt ihm vor Liebe, er möchte sich im Laub wälzen. Denn er glaubt an Gott. Das hat er von der Mutter. Als sie vor 76 Jahren starb, brach für den vierzehnjährigen Julien Green alles zusammen. Nur der Glaube nicht. Ein überzeugter Katholik aus Mutterliebe ist er bis heute. Mit 26 Jahren schreibt er in nüchterner Verzweiflung seinen ersten Roman „Mont-Cinere“. Dann fast jährlich einen neuen. Das Leben in diesen Büchern scheint stillzustehen. Vertrauerte Mühsalsmenschen gehen ihrem Trott nach. Düster und ordentlich dämmern sie in engen Provinzhäusern vor sich hin, bis plötzlich eine unscheinbare Tochter ihren tyrannischen Vater die Stiege hinabstößt (so geschehen in „Adrienne Mesurat“). Bis ein stiller Kostgänger seine heimliche Liebe am Stadtrand erwürgt (wie in „Leviathan“). Tragödien lauern unter rotgewürfelten Tischtüchern, und freudlose, dünnlippige Mädchen verlieben sich haltlos in den schwarzgekleideten Dorfarzt. Niemand will sein, wo er ist, und keiner kommt woanders hin. Alle haben Angst, alle sind einsam, die Bürgerwelt ist ein Gefängnis, grauenvoller und abgründiger als die hellen Ikea-Stuben von heute, aber genauso fadenscheinig und hinterhältig. Zu klein für die großen schwarzen Seelen der Gefangenen. Das alles ist sehr unheimlich. Aber nicht von Julien Green (was noch unheimlicher ist). Ein „Anderer“, beteuert er, habe ihm „diese Texte diktiert“. Immerhin weit über vierzig Werke – Romane, Tagebücher, Reiseberichte und Theaterstücke. An den Sätzen des großen Diktierers wagt der Dichter keine Korrekturen, Kritik kann den Unbekannten nicht erreichen. In den Tagebüchern, deren vierzehnter Band unter dem Titel „L’Expatrie“ gerade in Frankreich erschienen ist, begleitet der Andere Frankreichs derzeit bedeutendsten gläubigen Dichter durch das Pariser Stadtleben, kommentiert den Fall der Berliner Mauer, die Ereignisse in Osteuropa, wütet mit seinem Schutzbefohlenen gegen den Feind. Den „schwarzen Engel“ der sinnlichen Unvernunft, gegen den der Katholik Julien Green seit neun Jahrzehnten anschreibt. Er und der Andere, mit dem er vor neunzig Jahren am 6. September in der rue Ruhmkorff in Paris geboren wurde.

Peter Lehmbrock

Wenn alte Schauspieler alte Männer spielen, dann schwindeln sie gerne ein wenig – sind etwas netter, klüger und graziöser, als alte Männer im wirklichen Leben, im traurigen Normalfall zu sein pflegen. Ein bißchen zu leise, ein bißchen zu weise – und schon ist man (der Zuschauer will ja nicht erschreckt, sondern getröstet werden) mitten im zartesten Altmännerkitsch. Der Schauspieler Peter Lehmbrock, der in der vergangenen Woche, 69 Jahre alt, in Hamburg gestorben ist, zeigte immer auch die böse, die bloße Kehrseite des Alters: den Zank, den Geiz, die geile Gier; die Verwüstung des Kopfes und den schmählichen Verfall des Leibes. Er war engagiert bei Ivan Nagel in Hamburg, bei Jürgen Flimm in Köln und wieder in Hamburg. Sein kühnster und dubiosester Auftritt war der König Lear: kein Gottvater-Double, kein tiefsinniger Narr, sondern auch wieder nur ein zänkischer, bitterer Alter. Der Querulant und der Wahnsinnige. Lear, Rentner.