Noch bis zum 29. September verkehrt zwischen Hamburg und Berlin ein legendärer Oldtimer: der komfortable TEE-Triebwagen aus der Baureihe 601. Mit Beginn des Winterfahrplans wird er durch einen modernen Intercity ersetzt.

Unter Eisenbahnfreunden gilt er als Legende, der schnittige TEE-Triebwagen der Baureihe 601. Er polierte ab 1957 das Image der Bahn auf. Als schneller, internationaler Komfortzug bot er ausschließlich Plätze der 1. Klasse. Ende der siebziger Jahre jedoch, nachdem die Strecken der Bundesrepublik elektrifiziert waren, wurden die Dieseltriebwagen ausrangiert. Jetzt hat die Deutsche Reichsbahn der DDR einen von ihnen erneut auf die Gleise geschickt – zwischen Berlin und Hamburg.

Damit profitierten die Eisenbahnfans von der Öffnung der innerdeutschen Grenze, die den Zugverkehr vor neue Aufgaben stellte und dabei Loks und Waggons rar werden ließ. Allein zwischen dem 9. November und dem 31. Dezember 1989 mußten 4600 Sonderzüge eingesetzt werden; mit dem Fahrplanwechsel im Mai 1990 hat die Deutsche Bundesbahn die Zahl ihrer regulären Verbindungen zwischen den beiden deutschen Staaten mehr als verdoppelt.

Zweihundertzwei reguläre Züge passieren jetzt täglich die DDR-Grenze. Die Bundesbahn ist an die Grenzen ihrer Kapazität gestoßen, zumal die schlichten D-Züge, die bislang nach Berlin oder Leipzig fuhren, durch moderne Intercitys oder InterRegios ersetzt werden sollen. Um den Engpaß zu entschärfen, hat die Reichsbahn jetzt den TEE-Zug von der Liechtensteiner Firma ausgeliehen, die den Triebwagen vor gut zehn Jahren gekauft hatte.

Obwohl er 160 Stundenkilometei fahren kann, beträgt die Fahrzeit knapp vier Stunden: Die (zum Teil eingleisige) Strecke läßt die Höchstgeschwindigkeit nicht zu.

Dennoch ist der TEE rund zwanzig Minuten eher am Ziel als die anderen Berlin-Hamburg-Züge. „Unsere Fahrpläne werden weit im voraus erarbeitet, und die Kursbücher müssen frühzeitig in Druck gegeben werden“, sagt Helmut Kujawa, Sprecher der Bundesbahndirektion Hamburg. „Deshalb konnte die Zeitersparnis durch den Wegfall der Grenzkontrollen, in unserem Sommerfahrplan noch nicht berücksichtigt werden.“ Erst mit Beginn des Winterfahrplans am 30. September wird sich das in den Kursbüchern bemerkbar machen; die Strecke Hamburg-Berlin ist dann generell um mindestens zwanzig Minuten schneller.

Weitere Fahrzeitverkürzungen wird es 1992 geben. Bis dahin soll die Verbindung zwischen Elbe und Spree durchgängig zweigleisig ausgebaut sein. Und 1997 soll sie insgesamt auf dem neuesten Stand der Technik sein. „Dann werden wir dort 200 Stundenkilometer fahren können und einen Intercity-Verkehr im Stundentakt einrichten“, verspricht Helmut Kujawa. „Wir werden dann etwa zwei Stunden von Hamburg nach Berlin brauchen und dem Flugzeug eine echte Konkurrenz bieten.“

Der TEE der Reichsbahn wird diese Verbesserungen allerdings nicht mehr erleben. Ende September wird er durch einen modernen Intercity ersetzt. Der komfortable Oldtimer erfreut sich zwar bei den Fahrgästen großer Beliebtheit und ist zu sechzig Prozent ausgebucht, obwohl er nicht im Kursbuch vermerkt ist. Aber: „Wenn wir ihn weiterhin einsetzen sollten, müßte man ihn kaufen“, sagt Gerhard Scheuber, Sprecher der Bundesbahnzentrale in Frankfurt. Langfristig schien es den Bahnmanagern rentabler, in neue Intercity-Züge zu investieren. U. M.