Herr Heinrich Faust verwettet seine Seele. Doch ausgerechnet jetzt, an der vielleicht berühmtesten Stelle des berühmtesten Dramas, verliert er seinen Text. Ein kurzer Hänger, ein kurzer Schreck, dann geht es glücklich weiter: „Verweile doch, du bist so schön ...“ Natürlich ist diese Panne inszeniert. Ein Scherz, was sonst.

Zehn Theaterstunden und etwa zehntausend „Faust“-Verse später wähnt sich der deutsche Held am Ziel. Er ist nun ein eisgrauer, blinder Mann, doch in seines Kopfes Nacht erblickt er das Trugbild des Glücks. Und wieder kommt er an die berühmteste Stelle des Dramas, und wieder hat er Mühe mit dem Text. Goethe höchstselbst, dargestellt vom Dresdner Schauspielkünstler Albrecht Goette (kein Scherz!), muß dem stammelnden Greis die richtigen Verse soufflieren. „Verweile doch, du bist so schön ...“

Aber rätselhaft: bei seinem ersten Textausfall war Faust ein ranker, blonder Jüngling, bei seinem letzten ist er ein schwerer, seehundhaft melancholischer Mann. Ist Heinrich Faust auf seiner langen Weltenfahrt und Zeitenreise also auf wundersame Weise nicht nur gealtert, sondern leibhaftig ein anderer geworden?

Nein, des Rätsels Kern ist ein toller Regie-Einfall: Zwei Fäuste spielen den Faust, und beide sind zugleich Mephisto. Christoph Hohmann und Wolfgang Engel (der Regisseur!) teilen sich die beiden Riesenrollen auf brüderliche Weise – springen ständig von der einen Figur in die andere und behende wieder zurück; und manchmal spielen sie auch synchron – sind Faustundfaust und Doppelteufel.

Das ganze ist ein rechter deutscher Dramaturgen-Geniestreich: Die zwei Seelen, die (ach!) in Faustens Brust wohnen, haben nun (zwiefach ach!) zwei Köpfe, zwei Bäuche, vier Füße bekommen. Der Zuschauer ist verblüfft, fühlt sich erleuchtet – doch bald schon wird ihm von alledem ganz dumm.

Denn das Verwirrspiel kostet einen hohen Preis: Noch in der fünften, in der sechsten Stunde der Tragödie ist aus den beiden Figuren keine Figur geworden – aus Faust kein Mensch, aus Mephisto kein Teufel. So wird das im zweiten Teil ohnehin zerfallende Stück noch weiter zerlegt und zerstückelt – in immer neue Faust-Kommentare, in immer neues Mephisto-Material. Aus einem möglichen Drama („Faust und Mephisto: Die Unzertrennlichen“) ist nun längst eine ziemlich sture dramatisch-dramaturgische Übung geworden. Wieder einmal hat der große, der schlagende Regie-Einfall das Theater erschlagen.

Ein weiter, leerer Raum, ein heller Horizont. Nur wenige Objekte: eine karge Bettstatt, ein Schreibpult, ein Reisekoffer.