Finanzminister müssen geizig sein – das sind sie den Steuerzahlern schuldig. Doch überzogene Sparsamkeit kann ins Auge gehen. Seit vergangener Woche weiß das auch Bundesfinanzminister Waigel. Sein Versuch, Anlegern und Banken Geld für die DDR zu einem mageren Zinssatz abzutrotzen, ist gescheitert.

Dem Vernehmen nach wollte Waigel mindestens sechs Milliarden Mark aufnehmen. Doch bekommen hat er nicht einmal die Hälfte davon. Und auch dieses Geld gab man ihm nur zähneknirschend. Jetzt muß Theo Waigel hoffen, daß bis zu seinem nächsten Anlauf die Zinsen nicht weiter steigen. Sonst käme sein Fehler den Steuerzahler teuer zu stehen.

Bisher ging es ganz lautlos zu, wenn sich Bonn Geld über den Kapitalmarkt besorgte: Erst handelten Vertreter von Kreditinstituten, Bundesbank und Bundesregierung hinter verschlossenen Türen die Konditionen aus. Dann übernahm ein Konsortium aus Banken und Bankengruppen die Schuldscheine – Bundesanleihen und ähnliche Papiere und der Finanzminister erhielt auf einen Schlag sein Geld. Die Banken mußten die Anleihen an ihre Kunden weitergeben und kassierten als Lohn dafür von Bonn eine hübsche Provision.

Doch seit wenigen Wochen gilt eine neue Regelung. Danach bringt der Bund seine Anleihen künftig auf zwei Wegen unters Volk: Ein Teil wird wie bisher zu festen Konditionen über das Bundesanleihe-Konsortium vergeben, ein anderer wird meistbietend versteigert. Bundesbank und Regierung erhoffen sich davon eine Verbilligung der Kreditaufnahme, da sich die Provision für die Banken erheblich verringert.

Doch das neue Verfahren schmälert nicht nur die Erträge der Kreditinstitute, es kann auch zum Bumerang für Bonn werden. Das zeigte sich, als vorige Woche der zweite Kredit für den „Fonds Deutsche Einheit“ anstand. Über diesen Fonds sollen in viereinhalb Jahren Darlehen in Höhe von 95 Milliarden Mark aufgenommen werden, zwanzig Milliarden davon noch in diesem Jahr.

Die erste Einheits-Anleihe über sechs Milliarden Mark mit einem Zinssatz von 8,75 Prozent und einem Kurs knapp unter 100 war im Juli glatt untergebracht worden. Das Papier ging so gut weg, daß Experten schon meinten, das Zinsbonbon sei etwas zu großzügig bemessen gewesen.

Diesen Fehler wollte Waigel diesmal vermeiden und ließ sich deshalb auf ein Pokerspiel ein. Ohne rot zu werden, präsentierte er der Finanzbranche Konditionen, die deutlich unter den marktüblichen Sätzen lagen. Da alle Zinsen seit Juli gestiegen sind und die Anleiherenditen längst über neun Prozent liegen, rechneten Banken und Anleger fest mit einem „Neunprozenter“. Doch Waigel kam wieder mit 8,75 Prozent Zinsen und einem Kurs von 99,20 Prozent, was einer Rendite von 8,88 Prozent entspricht.

Im Konsortium gelang es dem Finanzministerium zum Erstaunen vieler Beobachter auch, den Banken diesen Magerzins aufs Auge zu drücken. Doch dann stand noch der zweite Teil an, die Versteigerung. Und da ließen die Banken den Minister voll einbrechen. Viele waren zwar bereit, die Anleihe zu übernehmen, doch zu so niedrigen Kursen, daß Waigel kein einziges Angebot akzeptieren konnte, ohne sein Gesicht zu verlieren.

Aber auch die Banken stehen nun dumm da. Über das Konsortium haben sie sich immerhin für 2,5 Milliarden Mark faule Papiere andrehen lassen, die ihnen derzeit niemand ohne schmerzhaften Kursabschlag abnimmt. Die Rettung wären fallende Zinsen. Doch danach sieht es nicht aus. Die Ölpreise und der hohe Kreditbedarf der Regierung sprechen eher für einen steigenden Zinstrend.

Theo Waigel wird einsehen müssen, daß ihn die Finanzierung der Einheit über Schulden mehr kostet, als er bisher gehofft hat.

Udo Perina