Geschichte in Trümmern

László Krasznahorkais Roman „Satanstango“

Von Gregor Dotzauer

Inzwischen haftet manchen Büchern aus Osteuropa fast so etwas wie der Makel der Freiheit an. Der Umsturz in den sozialistischen Ländern hat ihnen geschadet. Mit der Notwendigkeit zum literarischen Widerstand haben sie einiges von ihrer Kraft verloren. Man liest sie aus aktuellem, wenn nicht schon historischem Interesse. Mehr Leidenschaft wird ihnen nicht zuteil.

László Krasznahorkais „Satanstango“ könnte nichts Schlimmeres zustoßen. Der erste Roman des 1954 geborenen Ungarn ist zwar auch ein Dokument gesellschaftlicher Rebellion, doch um politische Freiheit geht es nur bedingt. Letztlich geht es um Erlösung. Und die wird weder bei László Krasznahorkai noch sonst irgendwo gewährt.

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Die besondere Misere verstärkt nur die allgemeine. Die bürokratische Düsternis, das materielle Elend, das ins Stocken geratene Leben, bei dem man sich gegenseitig bespitzelt – dies sind Anzeichen einer überall erkaltenden, erstarrenden, absterbenden Welt, in der die Menschen sich einem „aussichtslosen Leiden“ hingeben, „damit wenigstens dieses lebendig“ bleibt. Der Eifer, mit dem sie einander versichern: „Wir müssen weg, verstehst du, wir müssen“, ist blind, ein unwillkürliches Seufzen, das sich in seinem Fatalismus gefällt. Zur Flucht keine Chance.

Schon Krasznahorkais Sprache inszeniert die Ausweglosigkeit. Ein weitverzweigtes System von Nebensätzen behindert die Orientierung und erstickt jegliche Transparenz. Wörtliche Rede, wenn sie vorkommt, steht meist in Klammern: Gegen die Übermacht der Dinge sind der Mensch und die Sprache gleichermaßen hilflos. Und doch bietet das Satzdickicht auch Schutz. Es ist das Dunkel, in das man sich vor dem völligen Chaos verkriecht. Krasznahorkais poetologisches Credo dürfte dem seines Protagonisten gleichen, des dokumentationswütigen Doktors, der gewissermaßen Personalakten über das ganze Dorf anlegt und in dessen Aufzeichnungen die Fiktion des Autors am Ende aufgehoben wird. Das letzte Kapitel zitiert das erste – ein Zirkel. Auch da kein Weg ins Freie.

Der Doktor also „beschloß, alles sorgfältig zu beobachten und zusammenhängend zu dokumentieren, darauf achtend, daß ihm nicht die geringste Kleinigkeit entginge, denn er hatte erkannt, daß die Nichtbeachtung scheinbar bedeutungsloser Dinge einem Eingeständnis gleichkommt: schutzlos stehen wir, verloren, im wogenden Bast der schwankenden Brücke zwischen Zerfall und begreiflicher Ordnung; jede Kleinigkeit, sei es die Anordnung von Tabakkrümeln auf dem Tisch, die Flugrichtung von Wildgänsen oder die Abfolge nichtssagend scheinender menschlicher Bewegungen, muß in beständiger Beobachtung verfolgt und erfaßt werden.“

Das Ergebnis ist jedoch kein Protokoll, sondern ein Davontreiben der Wirklichkeit, eine Vision, die aus übertriebener Genauigkeit entsteht – wie bei einem Bild, dessen Konturen sich auflösen, wenn man es länger fixiert. Krasznahorkais Realismus zerstört sich selbst. Und so liegt auch die Geschichte, die erzählt wird, in Trümmern. Der Plot wird überwuchert von Szenen des Verfalls. Daß da ein zynischer Machtmensch, Trimiäs, ins Dorf kommt und den stumpf dahinlebenden Bewohnern das Blaue vom Himmel herunter verspricht, falls sie mit ihm paktieren, um dann alle zu betrügen – diese Geschichte vom falschen Erlöser ist überhaupt nur eine Art Gegenführung zur Statik der dörflichen Tristesse, ein Stück Bewegung in einer bewegungslosen Welt.

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