In Grönland hegen Stolz und Resignation eng beisammen. Die Politiker streben nach Europa. Die Jugend fühlt sich betrogen. Wo das Leben Fisch ist

Der arktische Sommer, der Alkohol, der Luxus und das Eis Von Frank Dommel

Bevor Angut mit seiner Familie die Siedlung am Fjord verließ und in die Stadt zog, war er Jäger. Angut und sein Sohn Jens fuhren oft hinaus aufs Meer, Robben schießen und fischen. Und obwohl Jens erst vier Jahre alt war damals, erinnert er sich genau: Wenn er im Boot saß und über den Rand schaute, konnte er die Robben sehen, wie sie neugierig ihre Köpfe aus dem Wasser streckten. Er konnte ihren Atem hören. Schließlich glaubte er, selbst eine Robbe zu sein. Es wunderte ihn nur, daß er sich auf zwei Beinen fortbewegte und meist auf festem Boden stand „Vater", fragte er eines Tages, „warum töten wir eigentlich unsere Freunde und essen sie auf? Sie sind doch auch Robben, genau wie wir " Da nahm Angut, der Jäger, seinen Sohn zur Seite: „Wir sind keine Robben, sondern Menschen. Und wenn wir überleben wollen, müssen wir die Robbe jagen. Schließlich wollen wir ja essen " „Aber", fuhr er fort, „die Tiere sind dennoch unsere Freunde. Sie sind ein Geschenk der Mutter des Meeres, die uns alle beschützt. Ohne sie können wir nicht sein. Darum töte niemals aus Lust oder Gier; töte nur, wenn du essen mußt " Das war vor 23 Jahren in Grönland. Heute arbeitet Angut als Kommunalarbeiter hier in Sisimiut an der Westküste Grönlands. Zum Jagen fährt er schon lange nicht mehr hinaus.

Wir sitzen im Schein der Tranlampe bei Jens in der Küche und schlürfen Kaffee. Der Regen klatscht gegen die Fenster. Im Hintergrund röhrt Tina Turner aus dem Rekorder. Die Lampe, ein Erbstück von Jens Urgroßmutter, und eine Qilaat, traditionelle Handtrommel der Inuit, sind die einzigen Hinweise darauf, daß wir uns in arktischer Umgebung befinden.

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Das Haus, eine Mietskaserne mit siebzig Parteien, steht der Kartonarchitektur deutscher Städte allenfalls in der Größe nach. Kalte Klötze für ein kaltes Land, mögen seine Erbauer gedacht haben. Als Schauspieler im grönländischen TuukaqTheater ist Jens nach seinem Studium in Kopenhagen durch ganz Europa gereist. Die Mitglieder der Schauspielertruppe verknüpften zum erstenmal modernes Experimentaltheater mit den Mythen arktischer Völker. Der Trommeltanz, von christlichen Missionaren im 18. Jahrhundert zum Teufelswerk erklärt, mahnt in den Aufführungen des Tuukaq Theaters die Menschen, ihre Identität zu wahren.

„Soll unsere Kultur nicht verschwinden, wie die der Indianer Nordamerikas, müssen wir sie mit den Mitteln der sogenannten Zivilisation weiterentwickeln", sagt Jens. Vor zwei Jahren kehrte er Dänemark den Rücken und wurde Kulturreferent von Sisimiut „Der Fortschritt hat viele hier überrollt, sie zu Opfern dieser Zivilisation gemacht statt zu Nutznießern. Unsere Stadt hat zwar in kürzester Zeit europäischen Lebensstandard erreicht, das Wichtigste aber fehlt ihr: Sie hat keine gewachsene Gesellschaftsstruktur "

Während sich draußen die Schlittenhunde heulend vor dem prasselnden Regen verkriechen, redet Jens sich in Fahrt „Stell dir das doch einmal vor: Zweitausend Jahre waren die Menschen hier weitgehend isoliert. Der Familienverband war die einzige Form des Zusammenlebens. Heute leben achtzig Prozent aller Grönländer in den Städten. Vielleicht kann man in zwanzig Jahren lernen, moderne Technik zu beherrschen, aber Gesellheute noch ein ungewohntes Wort "

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Dänen damit begonnen, Inuit Familien in verkehrsgünstig gelegene Städte umzusiedeln. So wollte man die hohen Versorgungskosten für bis dahin weit verstreut liegende Siedlungen einsparen. Bessere medizinische Versorgung und technischer Luxus lockten viele. So manchen jedoch ließ der radikale Wandel seiner Lebensumstände zur Flasche greifen. Oder zum Strick.

Plötzlich gab es Arbeitende und Arbeitslose, Autofahrer und Fußgänger, Arme und Reiche. Die Großfamilie, einst Garant für das Überleben in arktischen Gefilden, zerfiel und schrumpfte zum Vierpersonenhaushalt.

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