Das ist das Ende

Marcel Benabou und Michael Krüger: Zwei Versuche, ein Buch nicht zu schreiben von 

Von Iris Radisch

Warum so viele? Warum nicht nur das eine, das einzige, das richtige? Das Buch fürs Leben. Ein Buch, in dem alles steht. Einfürallemalalles. Und nie wieder ein anderes.

Das Buch gibt es. Doch leider kann man es nicht lesen, nicht verlegen und nicht kaufen. Man kann es weder im „Quartett“ besprechen noch seinen Autor mit offenem Hemd und Mannesblick im Urwald portraitieren. Kein Kritiker kann nette Rezensionen schreiben und zur Belohnung vom Verleger auf den Kritikerempfang gebeten werden. Es winken keine Filmrechte, keine Auslandslizenzen, keine Preise.

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Was für ein Buch! Ein Buch ohne schwitzende Helden, ohne traurige Liebesgeschichten und scheue Kindheitsbekenntnisse. Ein federleichtes, ein unmögliches Buch. Ein Traumbuch, ohne Anfang, ohne Ende, ganz in sich selbst verschrieben. Und doch ein finales Werk: endgültig, vollständig, einzigartig. Wer kann so was schreiben?

Zwei haben es versucht: Der französische Autor Marcel Benabou und der deutsche Verleger Michael Krüger. Der Erzähler in Marcel Benabous erstem Roman „Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe“ weiß genau, wie so ein Buch beginnen müßte. Der erste Satz kurz und ein Treffer. Dann ein langer Satz im Konjunktiv und in diesem Glanze immer weiter. Das Schwarz der Lettern müßte sich mit Bedacht und Zurückhaltung über das Weiß der Seiten legen, das durch derartige Rücksichten erst richtig zur Geltung käme. Festigkeit des Satzbaus, Präzision des Ausdrucks, vollständige Übereinstimmung zwischen dem äußeren Lauf der Worte und ihrem inneren Sein. Ein Zauber aus Schweigen und Worten, schwebend und wie von weit her.

Aber was dann? Nur keine hautnahe Geschichte, keine handfesten Konflikte, keine zu Herze gehenden Figuren. Das kann doch jeder. Das könnte auch Marcel Benabou. Er macht dem Leser Vorschläge. Das Buch könnte von dem letzten melancholischen Sproß einer alten, vornehmen Familie handeln oder von einem Buchliebhaber, dem das Leben plötzlich wie ein Traum erscheint, oder von einem Schriftsteller oder von einem verschrobenen Selbstquäler. Wie beredt man diese Geschichten erzählen könnte. Ganze Wortschwärme könnte der Autor auf seine Leser jagen. Erlesene Worte aus der Zoologie, der Heraldik und der Segelschiffahrt könnte er zusammensuchen und seine Leser durch ein paar graue Elendstage trösten. Reich und berühmt könnte er werden. Allein, die Liebe hält ihn zurück. Die unbedingte Wahrheitsliebe.

Das Buch darf nicht nach Schreibtisch riechen. Es muß ein schlichtes, ein wahres Buch sein, in dem die Dinge so offen zu Papier treten wie noch nie. Am besten, denkt der Dichter, sollte man nur von einfachen Dingen reden. Dem Schatten auf einem Bergsee, zwei jungen Menschen in einem Nachen, dem roten Schimmer einer Laterne auf einer Holzbrücke. Doch selbst die einfachsten Bilder werden auf dem Papier sofort zu Metaphern und Symbolen. Wohin man schreibt, entsteht Bedeutung. Wundersam wuchern die Worte, vergiften die edle Einfalt.

Der Autor ist verzweifelt. Vielleicht doch lieber ein paar Bekenntnisse über Sprache, Lesen und Schweigen an Orten zeitgemäßer Traurigkeit? Ein bedächtiger Monolog in den staubigen Kulissen eines Theaters, in dem noch nie ein Stück gespielt wurde, im eisigen Wartesaal eines Vorortbahnhofs, an einem Gleis, das nie befahren wurde, in einem Schlachthof, in dem noch nie geschlachtet wurde? Alles leere Lügen. Schon dreißig Seiten verschrieben und kein Buch nirgends.

Notfalls, räumt er ein, würde vielleicht auch eine Seite reichen. Eine Seite fürs Leben. Doch wie die Worte wählen? Mitten aus dem Leben oder eher mit geistigem Furor? Sollen sie zum Lachen reizen oder an den Tod gemahnen? Der arme Autor wagt es kaum, die weiße Seite mit Entscheidungen zu bekleckern. Bleibt nur noch das Wort. Das Wort fürs Leben. Davor bewahrt ihn sein jüdischer Familienglaube: Das Höchste hat keinen Namen. Das ist das Ende.

Der Rest ist Schweigen. Und Schreiben. Denn über diesem traurigen Lamento haben sich die Seiten eines anderen Buchs, eines Ausweich-Buchs, eines Buchs über das Buch gefüllt. Wie Proust, der aus Angst, sein Werk nicht rechtzeitig beginnen zu können, Seite um Seite seiner Recherche füllt, an deren Ende er bereit ist, das geschriebene Buch zu schreiben, wie Mallarmé, der unzählige fliegende Zettel, rätselhafte Kryptogramme seines Universal-Buches hinterließ, hat Marcel Benabou ein unmögliches Werk vollbracht. Er hat ein Buch geschrieben, das kein Buch ist. Das reine Nicht-Buch. Eine Art mahnendes Demonstrationsgerippe, ein Buch von beeindruckender Blöße auf dem Laufsteg der bunten Herbstmodelle.

Michael Krügers schmale Novelle „Das Ende des Romans“ ist kein Gerippe, sondern der Bericht von einem langsamen Sterben. Sein Held hat nicht das Problem, nicht schreiben zu können, sondern schon zu viel geschrieben zu haben. Achthundert Seiten. Eine Gesamtdarstellung des Lebens „als Geschichte der Einbildungskraft“ am Beispiel eines heroischen Sonderlings. Das Werk ist, wenn die Novelle anfängt, fast schon vollendet. Fehlt nur noch der letzte Satz, in dem der Novellenheld seine Romanfigur mit Wolfsmilch umbringen und den Roman beenden will. Doch dazu kommt es nicht. Durch die Ereignisse in der Novelle wird der Autor immer wieder am Mord gehindert. Und nicht nur gehindert. Die trübselige Novellenwirklichkeit zwingt ihn zusehends, seinen Roman zu entleiben.

Da geht’s fein lustig zu. Die ersten vierzig Seiten fallen zwei lüsternen Schriftstellerwitwen in Latzhosen zum Opfer, die nächsten vierzig einer (schon wieder) lüsternen Dame, die sich an dem Helden zwar ergötzt, über seinem „Ethikder-Sünde“-Kapitel jedoch entschlafen ist. Zwei weitere Kapitel über „planetare Makroethik“ halten dem Blick einer Kuh nicht stand, die auf wundersame Weise an einen philosophischen Ordinarius aus dem Süddeutschen erinnert, auf dessen Anregung Kapitel zwölf und dreizehn des Monumentalromans zurückgehen. Das Hauptstück, eine Studie über den Pessimismus, verbrennt der Held nach der Diskussion mit einem Blutegelforscher, der darauf seinerseits – „kein Anblick für die deutsche Forschungsgemeinschaft“ – nach durchzechter Nacht mit rutschender Hose von den örtlichen Ordnungskräften aus der Novelle entfernt wird. Wieder achtzig Seiten. So geht das munter und wacker weiter, bis der große Roman zur postmodernen Geisteslage in kürzester Zeit auf fünfhundert Seiten zusammenvernichtet ist.

Dabei herrscht tödlicher Unernst auf beiden Seiten. Wenn die heilige Ordnung im Roman durch das heillose Chaos der Novelle erschüttert und zerstört wird, wenn die edlen Absichten des Romanhelden an den tumben Novellenmenschen zunichte werden, ist das so komisch, daß es nicht zum Lachen ist.

Zum Schluß streut der Held das Eingangskapitel unter lautem Geheul in den Wind, drei tragende Kapitel über die „Kraft der Liebe“ werden unter dem Eindruck der plumpen Nacktkörperattacken der Dorfschenkenbedienung im See versenkt. Ende. „Nichts war passiert, nur daß alles auf die heiterste Art immer schlimmer wurde.“ Das Leben ein Greuel. Das Buch ein Flickwerk. Das Gewitzel vollkommen.

Ein Herr mit einem Hang zu Erdbeerschaumwein trägt das Restwerk schließlich aus dem Haus. Das ist das Ende des Romans. Befreit und einsam zieht der blasse Held in die Welt. Wieder ein Buch weniger. Vorhang. Lachen. Applaus.

Michael Krügers Buchvernichtungsbuch ist ein Zeitgeist-Lustspiel, dem das Saure an der sauren Kunst des Scherzemachens noch anzumerken ist. So ist die Personnage des schmalen Bandes von aufwendiger Erlesenheit – von der Leiterin einer lesbischen Frauenzelle, der Inhaberin einer Esoterik-Buchhandlung, dem Soziologie-Dozenten bis zum Hegelianer und Indienfahrer sind alle da aus dem Panoptikum der achtziger Jahre. Die Späße – über eine Séance zur Transmutation oder Transsudation der Existenzweise, über die Soziologie des Heiligen, über die Widerlegung des Linneschen Systems und die Ziellosigkeit wissenschaftlichen Rede – sind der Buch- und Geistesbranche aus dem Herzen gespaßt. Ein Buch über die Szene, wie sie singt und lacht, vor allem über sich selber. Aber auch ein Nachruf auf das große unmögliche Buch, das glücklicherweise niemand lesen muß, da es rechtzeitig an der Materialfülle erstickt und an der Weltgräßlichkeit zerbrochen ist.

Wie gut, daß es das Buch nicht gibt. Bei Krüger nicht und nicht bei Marcel Benabou. Denn das letzte und schönste aller Bücher wäre ein schreckliches Buch geworden. Ein elendiges Kompendium knarrender deutscher Weisheiten, ein hauchzartes Gespinst letzter französischer Wahrheiten. In beiden Fällen ein weit schlechteres Buch als die, die nun wortreich das Verschwinden des großen Werks beklagen.

Aber immerhin. Zumindest zweimal ein Versuch in der seltenen Kunst des Büchernichtschreibens. Ein Versuch. Eine schöne Pirouette auf schneeweißem Papier. Sinnlos wie das Steinerollen des Sisyphos. Doch auch vom Steinerollen, sagt Marcel Benabou, bekommt man Muskeln. Und schreibt, was denn sonst, wieder ein Buch.

Sein neues Buch hat schon einen Namen. Es heißt „Warum man immer dasselbe Buch schreibt“. Wieder ein Ersatz-Buch also, ein Buchübers-Buch-übers-Buch. Immer dasselbe. Das ist kein Ende.

  • Marcel Benabou:

Warum ich keines meiner Bücher geschrieben habe

Aus dem Französischen von Ulrich Raulff; Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 1990; 135 S., 29,80 DM

  • Michael Krüger:

Das Ende des Romans

Eine Novelle; Residenz Verlag, Salzburg 1990; 127 S., 28,– DM

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