Der totale Plastik-Roman

Kalte Szenen in tropischer Glut: Bodo Kirchhoffs „Infanta“ von Rolf Michaelis

Von Rolf Michaelis

Der Held von Bodo Kirchhoffs Roman „Infanta“ wird von einem entlaufenen Priester einmal gefragt: „Bist du beim Film?“ Ehe der wie im Beichtstuhl Ausgefragte erwidern könnte, gibt sich der einstige Jesuitenpater selber die Antwort: „Es könnte schön sein.“

Es könnte sein? Es ist so. Vom ersten Satz an – fast hätte ich getippt: von der ersten Einstellung an – befinden wir uns in der sterilen Welt hintereinander geklebter Zelluloid-Bildchen. Bodo Kirchhoff konstruiert kalte Szenen in tropischer Glut. Der von Liebe und Krieg erzählende Roman, aufgeteilt in fünf große Abschnitte von jeweils etwa hundert Seiten, an denen der Autor von 1985 bis 1990 gearbeitet hat, bleibt seltsam tot – bei allem vergossenen Blut und Schweiß (und anderen Körperflüssigkeiten).

Anzeige

Ein Buch wie ein Film? Wenn es das wäre! Kirchhoff hat den für sein Buch fatalen Ehrgeiz, irgendwie „magische“ Bilder zu entwerfen, denen er hinterherschreibt. Lauter Dejä-vu-Effekte! Daß der Autor mit den Versatzstücken bewußt spielt, macht die Sache nicht besser.

Wie heißt doch gleich der Film, den Kirchhoff auf der ersten Seite des Romans so nacherzählt? „An einem heißen Januartag gegen Ende dieses Jahrhunderts drehte der Wind über einer kleinen Küstenstadt; zwei Wolkenmassen trieben aufeinander zu, und bald lag nur noch die Umgebung einer Kirche in der Sonne. Auf den Stufen der Kirche saß ein Priester und schaute über einen sandigen Platz, menschenleer und voller Wahlplakate. In seinen Armen ruhte eine Pekinesenhündin. Hinter seinem Rücken, im Dunkel des Eingangs, flüsterten Kinder... Ein Taxi fuhr auf den Platz. Es wirbelte Staub hoch und puderte die Gesichter der Kandidaten, wurde langsamer und fuhr wieder an, schrammte eins der Plakate und hielt. Ein Fahrgast mit Gepäck stieg aus. Er streckte die Beine und griff sich ins Kreuz, er klopfte sich sauber – für einen Einheimischen war er zu groß, auch etwas zu ungeniert. Der Priester besaß einen Blick für Menschen und Wolken; dieser Mann hatte etwa seine Größe und käme gleich in einen kurzen, aber sintflutartigen Guß... Das Taxi fuhr weiter. Die ersten Tropfen platzten in den Sand. Der Mann, der kein Einheimischer war, drehte sich um. Er trug dunkle Kleidung, hatte helle Haut – und ein gutes Gesicht, auch dafür besaß der alte Missionar einen Blick. Dann fiel der Regen wie ein Vorhang, während die Kindergemeinde zu singen begann...“

So lernen wir Kurt Lukas kennen, den Helden mit dem klischeehaft „guten Gesicht“ von Bodo Kirchhoffs Klischee-Roman aus der Tropenwelt von Revolution und Liebe, Politik und Einsamkeit, Mord und Leidenschaft, Eros und Tod.

Kurt Lukas? Doch, den kennen wir. Der Erzähler will es so. Kurt Lukas ist zwar nicht beim Film, obwohl er sich ständig so verhält, aber doch ein Mann, der sein Leben vor der Kamera verbringt, als Model. Wer kennt sie nicht, die Anzeige für ein Duftwässerchen, nach dessen nacktem Torso Kirchhoff seinen Helden mit dem „guten Gesicht“ absichtsvoll modelliert. „Es gibt ein Bild von mir“, erklärt Kurt Lukas einer Bett-Partnerin, während er mit ihr auf zerwühltem Pfühl „ein kleines Beefsteak mit Salatblättchen“ verzehrt – „Es gibt ein Bild von mir, auf einem Tuch. Ich liege auf dem Rücken, die Arme leicht ausgebreitet, schlafe oder träume. Der vom Kreuz genommene Erlöser. Alles Irdische liegt hinter mir, alles Himmlische vor mir. Dank eines Rasierwassers.“

Service