Neuer Trend zur alten Kuh

Warum Landwirte und Tierschützer sich um die Zucht aussterbender Rassen kümmern von Frank Gerbert

Von Frank Gerbert

Frieda bettet sich im Schatten der großen Eiche ins Gras. Die 22jährige aus Hessen läßt die Muskeln spielen, hebt den Kopf und beginnt langsam ihren täglichen Nachtisch zu kauen – noch einmal die Mahlzeit vom Vormittag.

Für eine alte Kuh sieht Frieda noch blendend aus. Daß sie hier in Oberbayern lebt, fern der Heimat, verdankt sie einem besonderen Umstand: Sie ist die letzte ihrer Rasse. Das Vogelsberger Rind wird mit ihr aussterben.

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Friedas Gastgeber ist Engelbert Dufter, Landwirt mit romantischem Hang zu alten Haustierrassen. Sein Ramsauer Hof, der „erste Haustierpark Deutschlands“ in Anger bei Bad Reichenhall, ist eine Endlagerstätte der modernen Nutztierhaltung. So teilt sich Frieda die Weide mit einer Schwester aus dem Stamm der Jochberger Hummeln, die zu den letzten anderthalb Dutzend Rindern dieser hornlosen Gebirgsrasse zählt. Auch das Braune Bergschaf (nur noch 200 Tiere) und die Gamsfarbige Bündner Strahlenziege (unter 100) werden hier gehegt und gepflegt. Ebenso gackernde Exoten wie das schwarzgetupfte Appenzeller Spitzhauben-Huhn oder das Deutsche Lachshuhn, dem auch an den Füßen Federn wachsen.

Manche von Dufters Schützlingen galten bereits als ausgestorben. Doch auf abgelegenen Höfen, bei Hinterwäldlern und Sonderlingen, waren noch Restexemplare aufzutreiben. Dufter: „Fast jeder is’ zuerst mißtrauisch g’wesen, daß ich den letzten Rest auch noch hinmachen will.“

Der Argwohn kommt nicht von ungefähr. Vor allem in den fortschrittswütigen sechziger Jahren wurden Landwirte, die an alten Tierbeständen festhielten, von anderen verspottet und von Behörden unter Druck gesetzt. Nicht mit den neuen hochgezüchteten Konkurrenten mithalten zu können bedeutete für viele Rassen damals wie heute die Ausmerzung auf der Schlachtbank – oder die Kreuzung mit „besserem Material“, wodurch sich die alten Eigenschaften verlieren. Gefragt sind tierische Höchstleistungen auf einem einzigen Gebiet, bei den Rindern etwa in der Milchmenge. Während die Euter der US-Importe Holstein-Friesian oder Brown Swiss jährlich 6000 bis 7000 Kilogramm Milch liefern, bringt es die deutsche Traditionskuh nur auf 2500 bis 4500 Kilogramm. Daß sie statt dessen Wagen und Pflug ziehen können, will heute niemand mehr wissen. Noch um die Jahrhundertwende gab es sechzig deutsche Rinderrassen. Heute sind nur noch zehn übriggeblieben, die Mehrzahl davon ist bedroht. Bei den anderen Nutztierarten sind die Verhältnisse ähnlich.

Engelbert Dufter allein kann mit seiner privaten Arche Noah die Raritäten nicht erhalten. Doch es gibt inzwischen eine Reihe von Rassenschützern, die sich der Verlierer des Leistungskampfs im Stall annehmen. Ihre Hauptargumente: Alte Rassen sind eine Art Kulturdenkmal, und: Mit den aussterbenden Tieren geht Genmaterial verloren, das einmal wichtig werden kann – wenn sich die Ansprüche der Verbraucher ändern oder wenn bei Erbkrankheiten oder Tierseuchen resistentes Erbmaterial gebraucht wird.

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

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