Von Marion Gräfin Dönhoff

War es Weitsicht, Glück oder Intuition, daß Björn Engholm, der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, schon vor anderthalb Jahren eine Gruppe von Personen berief, die darüber nachdenken sollten, in welchen Bereichen und auf welche Weise die Anrainerstaaten der Ostsee enger zusammenarbeiten könnten. Er nannte dieses Unternehmen in vielleicht etwas zu anspruchsvoller Weise „Denkfabrik“.

Aber wie dem auch sei, der Zeitpunkt, über eine engere Kooperation im nun politisch wieder zugänglichen Ostseeraum – mit den skandinavischen Ländern und den östlichen Staaten einschließlich Mecklenburg-Vorpommerns – nachzudenken, war goldrichtig gewählt. Als die Gruppe mit ihren Sitzungen begann, zeichnete sich die Vereinigung von Bundesrepublik und DDR gerade am Horizont ab; die skandinavischen Länder sind angesichts der bevorstehenden dichteren Integration der EG-Staaten sehr darauf bedacht, in ihrem Umfeld ebenfalls eine engere Zusammenarbeit herbeizuführen; und die befreiten Osteuropäer orientieren sich ohnehin nach Westen.

Es gab zwei Arbeitsgruppen: Die erste hat Schleswig-Holsteins Chancen in der EG untersucht, die zweite die im Ostseeraum. Zu der zweiten Gruppe, die am Wochenende ihren Bericht vorlegte – die andere hatte den ihren bereits Ende 1989 abgeschlossen –, gehörten: Klaus-Peter Gehricke, Vorsitzender des DGB Nordmark; Jens-Christian Jensen, Direktor der Kieler Kunsthalle; Harry Maier, Professor an der Universität Flensburg; Klaus Richter, Präsident Bundesverband Groß- und Außenhandel; Gernot Scheffler, Wirtschaftsförderungsgesellschaft Schleswig-Holstein; Karl Schiller, ehemals Bundeswirtschafts- und Finanzminister; Werner Schulz, Präsident der Landeszentralbank von Schleswig-Holstein; Lutz Wicke, Direktor am Bundesumweltamt Berlin; und schließlich ich selber.

Wir haben siebenmal getagt und dabei nicht nur über die wirtschaftliche Integration nachgedacht, sondern auch über Umwelt, Wissenschaft und Kultur. Verschiedentlich wurden Unternehmer oder Sachverständige zur Erläuterung hinzugezogen. Engholms Vorgabe lautete, Anregungen zur Diskussion zu stellen und an der Schwelle der neuen Ära Schwerpunkte zu ermitteln. Es sei wichtig, daß die Region zusammenwachse, „weil sonst die Entwicklung Europas an uns vorbeiläuft“.

Und als besonderer Hinweis: Wir sollten nicht fragen, was machbar und finanzierbar sei, das werde schon die Regierung entscheiden. Von diesem Gremium erwarte er nicht Entscheidungshilfen, sondern Anstöße und Vorschläge. Die Gruppe möge sich durch keine Bedenken eingeengt fühlen. So konnte es nicht ausbleiben, daß der Bericht stellenweise wie ein Weihnachts-Wunschzettel wirkt; andererseits ist der Innovationsschub, den die Arbeiten beider Gruppen ausgelöst haben, offenbar recht fruchtbar gewesen: Von fünfzig Anregungen, die die erste Gruppe gegeben hat, sind achtzehn bereits in Angriff genommen worden.

Doch zunächst einige Daten über den Ostseeraum, die das Institut für Weltwirtschaft in Kiel zusammengestellt hat (nur die für die Sowjetunion mit den drei baltischen Republiken und den Regionen Leningrad und Kaliningrad sowie die für die nördlichen Woiwodschaften Polens und schließlich die des Landes Mecklenburg-Vorpommern sind unvollständig und ungenau):