Plagiat-Skandal an der HochschuleHübsch geklaut

Kölner Professorin muß um ihren Doktortitel fürchten von Irene Meichsner

Köln

Zur Zeit liegt Frau Professor krank zu Bett. Ihre Lehrveranstaltungen hat sie abgesagt, ihr Amt als Geschäftsführende Direktorin des Philosophischen Seminars an der Universität zu Köln gar nicht erst angetreten. Zum Auftakt des Wintersemesters kam es ans Tageslicht: Elisabeth Ströker, seit neunzehn Jahren ordentliche Professorin in Köln, soll „geklaut“, abgeschrieben haben. Ihre Doktorarbeit, der Grundstein für ihre beachtliche Karriere, ist, so lautet der Vorwurf, ein – großenteils wörtliches – Plagiat. Und keiner hatte es gemerkt.

Vor etwa zwei Jahren schöpfte ihre Kölner Kollegin Marion Soreth erstmals Verdacht. Zunächst war sie über einzelne Sätze, dann über ganze Textpassagen in der Strökerschen Dissertation gestolpert, die ihr außerordentlich bekannt vorkamen: seitenlange Exzerpte aus Bertrand Russells berühmter „Einleitung in die mathematische Philosophie“. Zeile für Zeile prüfte sie das Opus daraufhin. Dabei zeigte sich, daß Frau Ströker die besten Namen gerade gut genug waren. Neben Russell sind es vor allem Schriften von Ernst Cassirer, die ihr als Vorlage dienten. Namentlich zitiert sie Cassirer nur in mageren sieben Fußnoten. Aber allein von ihm hat sie, so zählte Marion Soreth, 266 Textstellen benutzt, viele wörtlich übernommen. Bei solcher Kompilation sei der Sachzusammenhang oft auf der Strecke geblieben.

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Ende September präsentierte Marion Soreth die ersten Exemplare ihrer „Kritischen Untersuchung von Elisabeth Strökers Dissertation über Zahl und Raum nebst einem Anhang zu ihrer Habilitationsschrift“ den Direktoren des Kölner Philosophischen Seminars und dem zuständigen Dekanat. Über Nacht wurde das Werk zum Bestseller: Philosophiestudenten brauchten in den umliegenden Fachbuchhandlungen nur noch nach „dem Buch“ zu fragen. Die Studentenzeitung Philtrat verfolgt in ihrer jüngsten Ausgabe, wie Frau Strökers „wohlgepflegter Nimbus der Korrektheit ins Wanken“ gerät. Unter ihren Kollegen ist sie allerdings nicht sonderlich beliebt, sie gilt als Einzelgängerin mit ausgeprägtem Machtinstinkt.

Den Schaden – und obendrein den Spott – hat neben der Kölner auch die Bonner Universität: Dort hatten Frau Strökers inzwischen verstorbene Doktorväter Theodor Litt und Oskar Becker das Werk 1953 als „egregia“ („herausragend“) eingestuft. Nun muß Helmut Keipert, Dekan der Bonner Philosophischen Fakultät („Ich habe die Angelegenheit zur Kenntnis genommen“), der inzwischen 62jährigen Frau Ströker, die selber zweimal Dekanin war, den Doktortitel womöglich wieder aberkennen.

Ob es aber dazu kommt, hängt davon ab, wie die Verantwortlichen die Lage einschätzen: Könnten ausgedehnte Überprüfungsverfahren den Skandal noch vertuschen, oder hilft allein die Flucht nach vorn? Alle offiziellen Stellen sind derzeit ängstlich bemüht, bloß nicht den Verdacht einer „Vorverurteilung“ auf sich zu ziehen. „Unsere Universitäten blühen und gedeihen, an einem Skandal an einer Hochschule sind wir natürlich nicht interessiert“, heißt es aus dem nordrhein-westfälischen Wissenschaftsministerium, wo man ausnahmsweise geradezu erleichtert darüber zu sein scheint, daß die peinliche Angelegenheit „im Prinzip in die berühmte Autonomie der Hochschule fällt“. Dem Ministerium würde – so Michael Schmidt aus dem Pressereferat – nur der „formale Vollzug“ eventueller dienstrechtlicher Maßnahmen obliegen. Die Kölner Universität würde allerdings „gebeten, über den Vorgang Bericht zu erstatten“. Damit hat sie den Schwarzen Peter.

Und wahrlich, der Kölner Dekan Jürgen Lenerz ist nicht zu beneiden. Auch für ihn stellt ein Plagiat „grundsätzlich eine schwerwiegende und nicht akzeptable Verletzung des wissenschaftlichen Ethos“ dar, wie er es in der ersten Fakultätssitzung des Semesters, außerhalb der Tagesordnung, formulierte. Zugleich sieht er sich in der „Pflicht, möglichst alle vor Schaden zu bewahren“, und dazu zählt die beschuldigte Kollegin nun einmal ebenso wie das „Ansehen der Fakultät“, nicht zuletzt aber auch die „Glaubwürdigkeit gegenüber den Studenten“, die man weiterhin zur Einhaltung der „wissenschaftlichen Standards“ anhalten will.

Die Erteilung der akademischen Lehrbefugnis verdankt Elisabeth Ströker der Universität Hamburg, wo eine Dreierkommission sie 1963 zu habilitieren empfahl. Diesem Ausschuß gehörte auch der renommierte Philosophie-Ordinarius Günther Patzig (Göttingen) an, der sich in ein verblüffendes Argument zu retten versucht: Die Dissertation über „Zahl und Raum“ habe er seinerzeit überhaupt nicht gelesen und über die – in der Sorethschen Dokumentation auszugsweise ebenfalls inkriminierte – Habilitationsschrift („Philosophische Untersuchungen über den Raum“) „nur ein formales Urteil abgegeben“: Er sei mit der Materie nicht hinlänglich vertraut gewesen. Im übrigen hält Patzig „Abschreiben“ für einen in der Philosophie „ziemlich verbreiteten“ Arbeitsstil: „Wir alle übernehmen in unseren Schriften oft andere Gedanken, manchmal vergessen wir auch, daß wir es woanders gelesen haben.“

Carl Friedrich von Weizsäcker, in Hamburg „damals der führende Mann“ (Patzig), ist verreist und auch telephonisch nicht zu erreichen. Wolfgang Wieland (Heidelberg), der Dritte im Bunde, besteht darauf, daß der Fall erst „innerhalb der Wissenschaft besprochen“ gehöre. Nach außen zeigt er statt dessen ein leicht angewidertes Interesse an „der Motivation von Frau Soreth“. Viele unter den Herren Professoren glauben inzwischen offenbar zu wissen, daß Frau Soreth, die es ja „nur“ zu einer C3-Professur brachte, gegen die C4-Kollegin Ströker schon immer Haßgefühle hegte – als würde sich der Plagiatsvorwurf dadurch in Wohlgefallen auflösen. Neid, Eifersucht, Weibergezänk? Dazu Marion Soreth: „Es ist doch völlig wurscht, warum ich das mache, es geht um die Sache.“ Und die gehört nach ihrer Meinung an die Öffentlichkeit.

Elisabeth Ströker hält auf Befragen die gegen sie erhobenen Vorwürfe – nachdem sie in den ersten Tagen noch händeringend aus der Fassung geraten war – inzwischen nur noch für „krankhaft“, „abgefeimt“; „absurd“. Ihren Doktorvätern will sie eine ganz andere, mit den vermißten Quellenhinweisen versehene Dissertation vorgelegt haben. Unterdessen hat sie beschlossen – das dokumentiert ein Anschlag am Philosophischen Seminar –, ihren Dienst Anfang November „in begrenztem Umfang“ wiederaufzunehmen. Vorerst müssen also all jene ihre Hoffnungen begraben, die insgeheim darauf spekuliert hatten, sie würde von sich aus um Entlassung in den vorzeitigen Ruhestand bitten.

Aufs unangenehmste ist der kommissarische Geschäftsführer des Kölner Philosophischen Seminars, Klaus Düsing, mit der unappetitlichen Geschichte konfrontiert. Als ein Institutsdirektor, der auf allen Fronten den Forderungen des Wissenschaftsbetriebes gehorchen muß und will, hat er sich nicht nur mit dem Vorwurf des Plagiats herumzuschlagen, sondern auch um den angemessenen Verbleib einer wissenschaftlichen Kritik zu kümmern: Wohin also mit dem unliebsamen Buch von Kollegin Soreth? Im Seminar wird es als Verschlußsache gehandelt. Mal glaubte man das Werk allein unter der Aufsicht des Bibliothekars hinreichend vor unkontrolliertem Zugriff gesichert, mal wurde gar ein angestaubter Platz zwischen den bibliophilen Raritäten in der Glasvitrine als das rechte Versteck erwogen.

Aller Sorgen wähnte sich der Institutsvorstand schon enthoben, als Frau Ströker gegen das Buch ihrer Rivalin eine einstweilige Verfügung erwirkt hatte – schien dies doch den „angenehmen Effekt“ zu haben, „daß wir uns nicht näher damit befassen müssen“ (Düsing). Doch Marion Soreth mußte nur die letzten elf Zeilen im Nachwort streichen, in denen sie ein etwas zu persönliches Fazit gezogen hatte, während die übrigen 406 Seiten ihres Verrisses juristisch gerade unbeanstandet blieben.

Dabei hatte der Doktorvater Frau Strökers Arbeit, wie sie sich erinnert, als eine so „hübsche“ Dissertation bezeichnet. Irene Meichsner

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