Wenn im ersten (über sieben Zeilen ausgespannten) Satz die Stabreim Wörter "Zeichen""Zufall" und der Nebensatz: "wie wir hinterher manchmal gesagt haben" gleich zweimal erscheinen, ist klar, daß nicht psychologisch einfühlend, schon gar nicht realistisch erzählt wird. Bei ihrem Debüt schielt die 1956 in Dahme (damals DDR) geborene Erzählerin, die Jura und Romanistik studiert hat und seit 1963 in Frankfurt am Main lebt, nach dem seine Sprach Mühle bis in den Wahnsinn höherer Erkenntnis treibenden Thomas Bernhard. Birgit Vanderbekes immer wieder verrührte Silben, Wörter, Halbsätze bekommen nie Flügel. Ihre Wortwiederholungen, ihre Sprach Litaneien schenken keine Einsicht in die Gestalten schon gar nicht, wie bei Bernhard, in den lesenden Mitarbeiter selber. Hier verdicken sich immer wieder nachgestopfte Wörter zu einem Sprach Eintopf. Das HO Seiten Werk eines Erzähl Debüts entsinkt den Händen, als hätte man einen 1000 Seiten Roman durchgeackert.

Was bei Thomas Bernhard im 1986 in Salzburg uraufgeführten Sprechstück "Ritter, Dene, Voss" die "Brandteigkrapfen", sind bei Birgit Vanderbeke die Muscheln: Leib- und Magen Speise, mit der Insassen des Familien Gefängnisses ihre Mithäftlinge foltern. Bei Bernhard spuckt Ludwig die ihm aufgenötigte Leckerei wieder aus. Bei Vanderbeke landen die Muscheln im Müll.

Bernhard konnte gar nicht anders, als seine Personen - in Dramen, Romanen, Erzählungen, ja noch in Skizzen - ihre Daseinswut, ihren Lebensekel in rauschhaften Tiraden aussingen zu lassen. Birgit Vanderbeke könnte ihre Abrechnung mit dem Vater (dem Mann?) auch ganz anders erzählen. Die Erschöpfung des Lesers rührt daher, daß er nach etwa zweieinhalb Seiten alles weiß, aber die Wort Schaum Schlägerei der gebildeten, sprachlich versierten Autorin noch gute 100 Seiten erleiden muß.

Bei Bernhard weiß der Leser nie, wer wirklich verrückt ist: der Autor, der Ich Erzähler - der Leser selber? Im wilden Kreiseln der verschlungenen Sätze gelingt es Thomas Bernhard, eine neue, eine andere Welt zu erschaffen, die ein Spiegel unseres im Wahn befangenen Daseins, des unter Lügen erstickten Lebens ist. Bei Vanderbeke merkt der Leser rasch: Hier wird ein Erzähl Stil der hinterein andergereihten Sätze, der Wort Wiederholungen, der parataktischen Parade Kolonnen einem Thema übergestülpt, das der Leser aus der "Betroffenheits" Literatur, der autobiographischen Weinerlichkeit, der Familien Beichte und späten Väter Rache kennt.

Bei Bernhard geraten alle Personen in den Sog des Bösen, in den Taumel eines gnadenlosen Untergangs. Bei Vanderbeke hält eine Familie von eigentlich netten, harmoniesüchtigen Menschen (Ehefrau Mutter, Tochter, Sohn) Gericht über den zufällig abwesenden MannVater, der gerade wegen seiner bis ins Sportlich Nebensächliche ausstrahlenden Tüchtigkeit zum gehaßten Familien Tyrannen wird.

Brav dreht die Autorin die Klischee Mühle vom bösen, schwarzen Mann und Vater, von der tapfer strahlenden Mutter und den lieben Kindern, die aufsässig nur werden, weil sie sich der Übermacht des Patriarchen erwehren müssen. Bei so schematischen Vorgaben sind alle Ereignisse vorherzusehen: Die Erzählung verödet.

So wird der Vater weniger zum allwissenden Gott stilisiert als zum familiären Geheimdienst Chef, der totale Information, also Kontrolle hat: Jeder hat gedacht, er weiß alles und hört alles und sieht alles "

Daß der VaterMann keineswegs auch alles kann, daß er zu blöd ist zum Schmuggeln von Bananen durch die Grenzkontrollen der DDR, daß er beim Spekulieren mit japanischen Aktien "unser gesamtes Geld mehrfach , verloren" hat (bei einem Angestellten ohne Finanz Reserven wenig glaubhaft) dies macht ihn nun nicht etwa ein bißchen menschlich, sondern vollends zur Fratze.

Natürlich "hat er auch alle niedrige Arbeit verabscheut und tief verachtet". Weshalb stellt er sich dann aber hin und putzt mit der sonst auf den Status einer Putzfrau reduzierten Ehefrau "eine gute Stunde lang" Muscheln über der Badewanne?

Nicht eben originell setzt Birgit Vanderbeke die Muschel als Sexual Symbol in ihre Erzählung. Da "schallt eine gute Stunde lang das Lachen von meinem Vater und ein Quietschen von meiner Mutter aus dem Badezimmer", aus dem "sie beide mit hochroten Händen herauskommen". Dann sei ihnen "etwas schamig zumute gewesen". Eine Erzählerin ließe es bei solchen Andeutungen bewenden. Die Literaturwissenschaftlerin, die hier erzählt, vertraut nicht ihrer Kraft zur Erfindung, sondern schiebt den Kommentar nach, der das Werk beschwert: Ein Onkel, "zu dem sie ihre verspätete Hochzeitsreise gemacht hatten, hatte ein Muschelessen für sie gekocht und dann haben sie daran auch eine gewisse Anzüglichkeit entdeckt, etwas Frivoles, und immer geschäkert, wenn es Muscheln gab".

Die Muscheln und das gescheiterte Muschelessen, das der Titel beschwört: wären sie nicht Thema und Symbol genug für eine kleine Erzählung? Birgit Vanderbeke schwemmt die Geschichte auf - und zerstört so die zentrale Metapher. Umständlich wird der "Wohnzimmerschrank" in seinem "neudeutschen Altdeutsch" als weiteres Ding Symbol ins Blickfeld gerückt, auch die "Briefmarkensammlung", die natürlich so "vollständig" sein muß wie der Spiegel oder "der Ziegler, ein zwanzigbändiges Geschichtslexikon". Zwischen der Ich Erzählerin ("Ich bin logisch und denke") und dem Vater, der "logisch abstrakt" war, hätte es keine Beziehung geben können? In diesem denunziatorischen Buch verrät die Erzählerin auch ihr anderes, das erzählende Ich, die skeptische, rational argumentierende Frau. Als am Vater gemäkelt wird und das Wort für Gotteslästerung, "Blasphemie", herhalten muß, "wundert" sich das kluge Vaterkind, "daß nicht sofort ein Blitz aus dem Himmel gekommen ist und mich erschlagen hat".

Nach psychologischer oder erzählerisch realistischer Glaubwürdigkeit zu fahnden verbietet sich indes bei einem Text, der sich als - bemühte - Stilübung versteht und darbietet. So schwinden die Chancen, die Erzählung auch als Geschichte eines - deutschen - Aufstandes gegen Unterdrückung zu verstehen, wenn - weniger sprachverliebt als wortschäkernd - ein "altneuhochdeutscher Wohnzimmerschrank" erfunden oder berichtet wird: "Woschenstill gewesen"; wenn (bewußt "falsch" formulierend) gesagt wird: "Ich habe den ganzen Tag Stunden gegeben"; wenn dem Kalauer nicht ausgewichen wird, die Mutter sei gefragt worden, "ob sie den Martini trocken will, und sie hat gesagt, ich kenne Martini eigentlich eher naß", oder die Banalität gewagt wird: "Eine Nierenbeckenentzündung ist aber kein Abonnementkonzert "

Birgit Vanderbeke:

Das Muschelessen Erzählung; Rotbuch Verlag, Berlin 1990; 110 S, 24 -DM