Vernichtung als Preis der Modernisierung

Über das rationale Kalkül nationalsozialistischer Verbrechen / Von Bernd Nitzschke

Zum heuchlerischen Umgang mit der Zeit von 1933 bis 1945 gehören die Rituale der Betroffenheit, die von deutschen Politikern gern demonstriert werden, sobald einschlägig historische Jahrestage Gelegenheit dazu bieten. Dann distanziert man sich vom vorgeblich UnBegreiflichen und Un Menschlichen nationalsozialistischer „Gewaltherrschaft". Beliebt sind Denkfiguren, mit deren Hilfe einige wenige Hitler, Himmler, Heydrich, Eichmann et cetera als Dämonen in Menschengestalt dem im Herzen gutmeinenden, vielleicht etwas einfältigen und daher verfuhrbaren Volk gegenübergestellt werden. Unbeliebt ist jeder Einwand, der sich darum bemüht, den Nationalsozialismus zu entdämonisieren, um seine „Normalität" nachzuweisen, um ihn so auch wieder in das Kontinuum der deutschen und europäischen Geschichte einzugliedern. Unbeliebt ist solche Historisierung deshalb, weil sie die Fiktion des einen großen „Bruches" mit aller Geschichte und Menschlichkeit in Frage stellt, weil sie gar zu weiterem Denken auffordern konnte.

Wenn der gutmeinende Intellektuelle sich heute kopfschüttelnd von einer in der nationalsozialistischen Ideologie scheinbar verrückt gewordenen Sehnsucht nach „Romantik", von vermeintlich bloßer Irrationalität distanziert, dann bleibt er gerade durch solche Gesten der Verneinung jener Oberflache aus Germanenkult, Blut und BodenMystik, Volk und Führer Heroik verhaftet, die die Verführer von einst nötig hatten, um zwischen Wagnerklängen und Erschießungskommandos, zwischen pseudoreligiöser Erweckung und Hitlers „weltanschaulich" begründetem Willen zur Vernichtung allen „minderwertigen" Lebens ein ganz anderes Stück Realität nationalsozialistischer Herrschaft zu verbergen.

Anzeige

Diesem Stück der Realität gilt die Aufmerksamkeit der Autoren Götz Aly und Susanne Heim. Sie versuchen, ein Mosaik zu rekonstruieren, das sich aus Informationen über Statistiken, Planungsvorhaben und Einsatzbefehle zusammensetzt, mit deren Hilfe einstmals kalkuliert die deutsche Vorherrschaft in einer „Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft" (ein Begriff jener Zeit) angestrebt wurde. Es sind deshalb die scheinbar unspektakulären Zeitgenossen Hitlers, die Raumplaner und Ernährungswissenschaftler, die Arbeitsökonomen und Wirtschaftsberater, die Statistiker und Umsiedlungsfachleute, die Universitätsassistenten und Ingenieure, denen die Aufmerksamkeit gilt. Aly und Heim sehen in dieser Gruppe der Karrieristen, in dieser Funktionselite, die Repräsentanten eines gigantischen Modernisierungsprozesses, der hinter dem Nebel nationalsozialistischer Weltanschauungsschwaden und hinter den Masseninszenierungen des Führerkults stattfand. Dieses unspektakulare bürokratisch wissenschaftliche Szenarium nationalsozialistischer Herrschaftsinteressen wurde von Spezialisten entworfen, die im Zweifelsfalle (die Autoren nennen auch hierfür ein Beispiel) noch heute damit rechnen können, vom Bundespräsidenten ein Verdienstkreuz um den Hals gehängt zu bekommen. Schon kurz nach Beginn der Regierung Hitler wurden phantastische Landkarten entworfen, „mit Verkehrslinien, Kraftfeldern, Kraftlinien, Autostraßen, Bahnlinien, Kanalprojekten. Genau geplante Wirtschaftslandschaften erstreckten sich über den ganzen Osten bis zum Schwarzen Meer, bis zum Kaukasus. Auf diesen Plänen war bereits Deutschland und Westrußland eine riesige wirtschaftliche und verkehrspolitische Einheit. Selbstverständlich nach Deutschland orientiert, von Deutschland geplant und geführt. Es gab in dieser Planwirtschaft kein Polen mehr, geschweige denn ein Litauen" (Hermann Rauschning). Es ging den Planern und Machern um die Gestaltung eines Reiches, das sich vom Atlantik bis zum Ural erstrecken und dessen arbeitstechnische Effizienz jene übertreffen sollte, die in den Vereinigten Staaten damals bereits vorhanden war. Kapital und Arbeit, befreit von allen unproduktiven „Mitessern", sollten die Fesseln einer rückständigen Wirtschaft abwerfen, sollten sich ungehemmt ausdehnen dürfen. Betrachtet man die Zeit zwischen 1933 und 1945 mit den Augen, die Aly und Heim uns mit Hilfe ihres - künftig für jede Diskussion dieser Jahre unentbehrlichen - Buches öffnen, dann wird die Vernichtung aller „Randexistenzen" (von den Geisteskranken über die Juden bis zu den russischen Kriegsgefangenen) erkennbar als Ergebnis eines Kalküls der geplanten Modernisierung Deutschlands und Europas im Interesse und im Auftrag einer Herrschaftselite, deren Ziele auch unabhängig von Hitlers „Weltanschauung" für viele jener, die im Wege standen, vernichtend gewesen wären.

Es gab in diesem Prozeß Zufälligkeiten und doch Intentionen - und gerade im Zusammenhang mit der Vernichtung der europäischen Juden bietet das hier besprochene Buch Informationen, jene Diskussion auf eine andere Ebene zu verlagern, die bisher unter Historikern zur Frage geführt worden ist, ob Auschwitz ein von Anfang an intendiertes oder ein eher zufälliges Resultat nationalsozialistischen Rassenwahns gewesen sei. Beide Antworten sind richtig: Das Kalkül der Modernisierung war ohne den erklärten Willen zur Vernichtung nicht zu denken. Und dennoch erfolgten viele Schritte, die im Resultat die Vernichtung der europaischen Juden nach sich zogen, unter der Perspektive des jeweils konkreten (aus der heutigen Sicht: vorläufigen) Zieles, also nicht als auf die „Endlösung" ausgerichtete Maßnahmen.

Nach der Okkupation Österreichs hatte man etwa in Wien versucht, so viele Juden wie möglich zur Ausreise zu zwingen. Spater gab es Plane, sie an den Rand eines zu erobernden Kolonialreichs zu deportieren (zunächst dachte man an Madagaskar, später wollte man sie „hinter" den Ural schicken). Als mit dem Krieg im Osten immer mehr Juden in die Hände der deutschen Herrenmenschen fielen, stellte sich den Raumund Menschenplanern die Frage, ob und gegebenenfalls wie diese pauperisierten Massen ernährt werden sollten. Auschwitz war so gesehen sowohl Resultat der Rassenideologie Hitlers wie des Kalküls von Modernisierern, denen plötzlich einige Millionen Menschen zuviel im Wege standen, der in eine von allen „Ballastexistenzen" freie Zukunft führen sollte.

Die scheinbare Absichtlichkeit im Schicksal des jüdischen - und des deutschen - Volkes gehört zu einer Dynamik des „Fortschritts", vor der der Leser erschrecken muß, der die Fakten zur Kenntnis nimmt, die Aly und Heim nüchtern referieren. Auf dem Reißbrett dieses „Fortschritts" gab es keine „einzelnen" mehr. Das individuelle Schicksal war bereits denkerisch negiert, bevor es sich noch im Mord am konkreten Individuum tatsächlich erfüllte. Und das ist vielleicht die bedrückendste Auskunft, die die Lektüre des hier besprochenen Buches hinterläßt: Im Zeitalter der Modernität, der scheinbaren Individualisierung, ist das Individuum noch weniger wert, als es zu allen früheren Zeiten je wert gewesen ist.

Auschwitz und die deutschen Pläne für eine neue europäische Ordnung; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1990; 400 S, 39 80 DM

 
Service