Harry Rowohlt: Pooh's Corner
Meinungen eines Bären von sehr geringem Verstand
Ich bin gestern dermaßen mit Klugheiten zugeschüttet worden. Mal sehen, ob ich das so wiedergeben kann, daß man was davon hat.
Im Literaturhaus Hamburg hatte mein Freund Bernd Rauschenbach, Herauschgeber des Rausch-RABEn (Wenn Sie sich sehr beeilen, hat ihr Buchhändler vielleicht noch 40 Exemplare für Sie), Erster Sekretär der Arnc- Schmidt-Stiftung und myopischer Zecher, eis Referat angekündigt: „Arno Schmidt und Design".
„Na", dachte ich, „Etikettenschwindel", dachte ich. „Die Pusche", dachte ich, „im Wandel der Zeiten", dachte ich, „unter besonderer Berücksichtigung der dunkelbraunen Blechschließe. So was kennt man ja."
Nichts kennt man.
Es ist viel schlimmer.
Und fing natürlich mit einem Hörfehler an. Ohne Hörfehler gäbe es keine Sprachen. Nichts gegen Hörfehler. Ohne Hörfehler hieße der Fels des Nordens, der Dschebel al-Tarik, nicht Gibraltar; ohne Hörfehler hieße Sherry nicht Sherry; ohne Hörfehler gäbe es keine Affäre Dreyfus, sondern bestenfalls eine Affäre Trier, und ohne Hörfehler hätte der Elefant von Sulawesi hinten nichts Gelebes. Und es gäbe keine Hamburger Aaisuppe. „Arno Schmidt und die Seinen?" fragte man unter müder Mäzenatenbraue hervor.
„Genau: Arno Schmidt und Design!" erwärmte sich Bernd Rauschenbach.
„Genehmigt!" schnappten die Mäzene. „Nun gehe Er ans Werk!"
Ich will nicht die Highlights aus diesem Referat wegzitieren, denn es ist ja auch ein Buch geworden. Kostet nur 48 Mark, dafür ist es auch nicht allzu dick, sogar eher dünn, und man kann es sich schenken, sich gegenseitig; der Autor, Bernd Rauschenbach (er heißt übrigens Rauschenbach, Bernd Rauschenbach, falls Sie sich gefragt haben sollten, wie er heißt), verdient keine müde Mark daran, erst bei der zweiten Auflage; nicht, daß ich hier product placement treiben wollte, aber es ist ein schönes, dünnes Buch, mit vielen Abbildungen. Und danach weiß man alles über Arno Schmidt und sein Design, was man nicht von den allermeisten anderen Büchern sagen kann.
Nach dem Referat saßen wir alle völlig geplättet da, von des deutschen Spießers Wunderhorn - streng konisch! - umgemangelt. „Noch Fragen?" fragte Bernd Rauschenbach mit Nonchalance, die vom Beben seines Schlipsknotens Lügen gestraft wurde.
„Ich bin ja schon spießig genug", dachten wir, „aber der Herr Schmidt -: Au Backe."
Keine Frage? Keine Frage. Julia, noch 'ne Lage.
Aber wozu haben wir unsere Frau Else, Frau Else mit ihrem neuen Pullover in sämtlichen Farben der edition suhrkamp.
„Ich hätte da noch eine Frage", sagte Frau Else.
„Ist das nicht alles sehr spießig?" „Doch." Erschöpft, aber überglücklich ließ Frau Else
sich auf ihren Stuhl zurücksinken; mit eigens mitgebrachten Frottiertüchern fächelte man ihr Kühlung zu; die Glückwünsche wehrte sie ab wie lästige Schmeißfliegen. Was wären wir ohne das freie Wort. Die Streitkultur. Den Kippschalter.
Ich und Schmidt. Auch ein Kapitel für sich. „Was liest du denn gerade?" fragte mich Christiane, die einzige, die außer mir in jener Oberstufenklasse Bücher las. „Schmidt", sagte ich. „Schmidt? Welchen?" - „Und Musik?" - „Soul. James Brown." - „James Brown? Welchen?" Ist auch Lehrerin geworden.
Dann erschien „Sitara", und da habe ich mir gedacht: „Ab jetzt, lieber Arno, schreibst du nicht mehr für mich. Ab jetzt schreibst du nur noch für dich und deine Sekte." Ich meine, ich zwinge doch niemanden, der mir dermaßen deutlich zu verstehen gibt, daß er von mir nicht gelesen werden will, dazu, von mir gelesen zu werden. Man will ihn doch auch nicht quälen, den armen Mann. Das ist der Deal: Du willst nicht, daß ich dich lese, und ich tu' dir den Gefallen. Du findest mich zu doof, und ich finde dich zu klug.
Und dann habe ich zwischendurch mal ehrlich gearbeitet. Das heißt, ich hatte nichts zu tun. Zweimal täglich mußte ein Gabelstapler mit Ware bewegt werden. Endlos lange Gänge voller Ware und überall Nischen. Meine beiden Vorgesetzten trieben es den ganzen Tag miteinander und lasen sich zwischendurch Perry Rhodan vor. Ich dagegen dachte mir: „Wann, wenn nicht jetzt, kann ich je den ganzen Arno noch mal lesen?" Und meine beiden Vorgesetzten waren froh, daß ihnen jemand den lästigen Gabelstapler abnahm und, wenn ein noch höherer Vorgesetzter kam, sagte: „Augenblick, ich seh' mal nach."
Ja. Gegen Arno Schmidt als Dichter ist ja auch überhaupt nichts zu sagen. Ich bewundere alle, die etwas können, was ich nicht kann. Wenn jemand Gitarre spielen kann -: Schon wird er von mir bewundert. Wenn jemand laut und schön singen kann -: Schon wird er nicht von mir bewundert. Und wie Goethe auf seine Farbenlehre, so war auch Arno stolz auf seine Übersetzungen. Und die sind so lausig, daß sie schon wieder gut sind, weil unfreiwillig das Original durchschimmert, und das ist ein bildhübsches Bild. Wer glaubt, ein Wort wie Shish-Kabob-Spleiß sei noch nicht genug, der weiß nicht viel. Man muß das mal nachschmecken: Zu blöd zu schnallen, daß Kabob für Amerikaner gedacht ist, so daß man auf deutsch wenigstens Kebab (wenn schon nicht Kebap) hätte schreiben können ... Und dann auch noch SPLEISS. Es ist nicht zu fassen. Wir dagegen, die wir blöd sind, hätten Schaschlikspieß geschrieben, und ab dafür.
Aber Arno hat ja die Fackel weitergereicht. Sein gelehrigster und heiligster Jünger ist Hans Wollschläger. Und das geht so. Wie heißt pint auf deutsch? Richtig: Pinte.
Und wie würden Sie, liebe Z£7T-Leserin, lieber ZEIT-Leser, a bottle of pop übersetzen? Nein, nicht, wenn Sie Sie wären, sondern wenn Sie Wollschläger wären? Sagen Sie nichts. Drehen Sie die ZEIT um:
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- Datum 16.11.1990 - 13:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.11.1990 Nr. 47
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