Behauptungen, Einsteins Frau habe ihm entscheidend geholfen, halten einer Prüfung nicht stand

Von Albrecht Fölsing

Vier Jahre hatte sie Physik studiert, scheiterte allerdings bei der Diplomprüfung. Veröffentlicht hat sie nichts, und sie selbst hat nie den Anspruch erhoben, einen Beitrag zur Forschung geleistet zu haben. Trotzdem wächst ihr nun der Ruhm zu, sie habe Überragendes vollbracht oder sei zumindest entscheidend daran beteiligt gewesen, wofür bislang nur ihrem Mann Ehre zuteil geworden ist. Daß dies Albert Einstein war, verleiht der Affäre Bedeutung und Pikanterie zugleich.

Unlängst gab es einen neuen Höhepunkt dieser Revision der Physikgeschichte. Auf der Jahrestagung der angesehenen American Association for the Advancement of Science in New Orleans versuchten der Amerikaner Evan Harris Walker sowie die deutsche Linguistin Senta Trömel-Plötz, Mileva Einstein aus dem Schatten ihres Mannes herauszuholen. Während Walker behauptet, Mileva sei schon am Grundkonzept zur Relativitätstheorie wesentlich beteiligt gewesen, möchte Trömel-Plötz immerhin Albert Einstein den grundlegenden Einfall lassen, argumentiert aber, daß Mileva ihrem Manne die Mathematik besorgt habe. So wenigstens rauschte es im Anschluß an diese Tagung durch den internationalen Blätterwald, von der New York Times bis zur Süddeutschen Zeitung. Auch Fachblätter wie der englische New Scientist fragten, ob „die erste Frau Einstein ebenfalls ein Genie war“, und Bild der Wissenschaft resümierte, daß Mileva Einstein selbst „eine bekannte Physikerin“ war und „offenbar viel zur mathematischen Fundierung, wenn nicht gar zum theoretischen Überbau der Relativitätslehre“ beigetragen habe.

Eine Studentenliebe

Das klingt nach neu erschlossenen Quellen und sorgfältiger Interpretation. Jedoch nichts von alledem, sondern nur bizarre Lesarten allgemein zugänglicher Texte und die Nacherzählung eines dubiosen Büchleins. Der Vorgang ist ein leuchtendes Beispiel dafür, daß auch auf gelehrten Kongressen kurioser Unsinn geredet wird, der dann weltweit Resonanz findet, wenn feste Überzeugungen im Spiel sind: in diesem Falle, daß einer Frau in der Männerwelt der Wissenschaft nur schlimmes Unrecht widerfahren konnte.

Die Dame, für deren Anerkennung so heftig gestritten wird, wurde 1875 als Mileva Marie in Titel geboren, einem Dorf in der Wojwodina, einem damals zum ungarischen Teil der K.u.k-Monarchie, heute zu Jugoslawien gehörenden Gebiet. Zweifellos muß sie ein außergewöhnliches Mädchen gewesen sein, denn sie strebte eine akademische Ausbildung an, obwohl weder ihre Familie noch das Bildungssystem sie hierin bestärkten. Da Frauen damals weder in Österreich-Ungarn noch im Deutschen Reich zum Studium zugelassen waren, ging sie nach Zürich, dem europäischen Vorposten des Frauenstudiums. Dort begann sie 1896 ein Medizinstudium an der Universität. Nach dem ersten Semester wechselte sie ans Polytechnikum und schrieb sich dort in der Schule für Fachlehrer ein. In ihrem Jahrgang gab es noch fünf Kommilitonen, nur einer hatte wie sie Physik als Hauptfach gewählt: Albert Einstein, ein staatenloser Jude, gut drei Jahre jünger als sie, eigenbrötlerisch, aber selbstbewußt bis zur Arroganz.