Von Elke von Radziewsky

Stellen wir eine Bestsellerliste der laufenden Wiener Ausstellungen auf: Das Ergebnis wird niemanden verblüffen. Obwohl: Die Mischung ist fast genial. Für viele ist etwas dabei, eine seltene Pichler-Ausstellung gibt es, eine historische Schau von Wiener Künstlerwohnungen, das Daedalus-Projekt und dann im Kunstforum den Biedermeier-Maler Ferdinand Georg Waldmüller. Die vielen könnten sich verteilen. Doch sie drängen sich vor den Bildern Waldmüllers, vor Familienglück und Klostersuppe, vor dem Bildnis der „Mutter des Hauptmanns J.C. von Stierle Holzmeister“ und Idyllen aus dem Wiener Wald.

Wie die meisten ziehen auch uns diese Szenen magisch an, auch unser Auge ist gebannt von diesem Licht, der kühlen frischen Atmosphäre, die die Pilger auf ihren Märschen und die Bauern in ihren Kammern umweht. Und die als Bild doch eher in das Foyer eines luxuriösen Hotels zu gehören scheint. Wir kennen diese Menschen, die Bürger und Handwerker, lernen sie kennen in Waldmüllers Bildern, die er naturalistisch und persönlich nah und so ganz ohne das starre Korsett des akademischen Sittenkodex malt. Brustbild, nobles Profil, stolzer Blick, kühne Haltung, nach den Befreiungskriegen interessierte das feudale Gehabe niemanden mehr. Hier sitzt uns „Der russische Gesandte am Wiener Hof, Fürst Andreas Razumovsky“, geradezu intim, Auge in Auge gegenüber, kaum daß die Tischplatte uns noch von ihm trennt, so sehr hat Waldmüller ihn in den Vordergrund gerückt. Und die prächtige elfköpfige Familie des Notars Dr. Joseph Eitz: Die kleine Geschichte vom sonntäglichen Ausflug, die in dem Bild steckt, berichtet uns vom Erfolg der Familie, von ihren Kindererziehungsansichten, von der Rolle des Vaters, der Rolle der Mutter. Vertrauliches zeigt uns Waldmüller, Privates so treu, daß der ordentliche Schuß Idealismus, Sentimentalität und Empfindsamkeit seine Biedermeier-Menschen ganz natürlich kleidet. Ferdinand Georg Waldmüller malte Portraits, Stilleben, Landschaften, Genrebilder. Aus den Portraits macht er Erzählungen, aus den Stilleben entwickelt er Szenen, dekoriert das Bukett, die Trauben mit lebender Staffage, kreiert Wiener Lifestyle mit Brasseletts und Nippes. Seine Berge und Täler scheinen wir betreten zu können wie zu einem Spaziergang. Und seine Genrebilder veredelt er zu Historien und Heiligengemälden, feiert den Vaterlandskämpfer wie einen mythologischen Helden, läßt die Gepfändete zum Himmel blicken, mit Augen voller Tränen wie Maria Magdalena. Waldmüller ignoriert die Grenzen der Gattungshierarchien, mischt die Genres auf, vertauscht die hohen und niederen Künste, leiht formale Rhetorik von den populären „Kaufrufen“, den Veduten, von der Theaterdramaturgie und, was er selbst nicht müde wird zu wiederholen, malt nach der Natur.

Der gemütvolle, der naturalistische, der ehemalige Theater- und Dekorationsmaler Waldmüller war, so sah er sich, ein Rebell, ein Streiter gegen den verstaubten Akademiebetrieb, in den er im Alter von 37 Jahren 1830 als Professor berufen worden war. Als Kämpfer trat er gegen die unverbesserlichen Altidealisten auf, als Erneuerer und Prophet der Wahrheit, der stillen, reinen Natürlichkeit. Staatskanzler Metternich hielt dafür schützend seine Hand über ihn.

Denn Waldmüller verlor sich nicht in Utopien, Waldmüller verzettelte sich nicht in Zeitgeschichte, auch nicht in mythologischen Andeutungen oder Tendenzmalereien. Er hielt sich an die Wirklichkeit, den Alltag, die schlichten, die „edelen Verhältnisse“. Idylle: Bei Waldmüller findet sie nicht im Goldenen Zeitalter statt, bei ihm ist sie jetzt und real und ganz provinziell. Das einfache Leben, Waldmüller malt es uns in den strahlend frischen Farben, die wir heute aus unseren Zigarettenwerbungen kennen. Rot, Blau, Grün. Theaterfarben. Jedenfalls keine realistischen Farben. Courbets dreckig-braunschwarze Bilder sprangen da ganz anders mit dem ästhetischen Gemüt der Salonbesucher um. Und neben dem allen taucht Waldmüller noch jede Szene in ein Licht, für das Photographen heute bis nach Florida reisen.

1846 veröffentlicht Waldmüller ein Traktat, in dem er das Studium nach der Natur für den Akademieunterricht fordert. Erst wenn das erfolgreich beherrscht wird, sollen die Schüler auch nach den Antiken kopieren. Eine glatte Umkehrung der Verhältnisse. Die Akademie hatte die Reform abgelehnt, jetzt will sie die Veröffentlichung in der Presse ahnden. Metternich stellt sich vor den Künstler. Eine Gegenschrift erscheint. Die Wiener Zeitschriften mischen sich ein. Schließlich wird Waldmüllers entschiedenster Gegner, der Maler Führich, aus der Akademie entlassen. Natürlich malt Waldmüller nicht nur rosarote Tagträume. Er zeigt, zumal in den Jahren direkt vor der 48er Revolution, auch die Gefahren. Verhärmt sitzt eine Alte mit leerem Blick vor den heruntergebrannten Ruinen ihres Hauses. Verzweifelt beschwört die aus dem Haus Vertriebene mit den vaterlosen Kindern nach der Pfändung den Himmel auf die Erde. Das Elend hat einfache Wurzeln: Naturgewalten sind es, Feuer oder der fehlende Mann. Nirgends auf Waldmüllers Bildern wird man einen rauchenden Schornstein entdecken, einen Webstuhl, einen Fabrikanten. Bei ihm findet Zeitgeschichte im Salzkammergut, im Wiener Wald und auf dem Prater statt. Waldmüllers Welt hatte enge Grenzen. Seine Bauern sind hellenenhafte Gestalten, letzte Aristokraten und nicht zu verwechseln mit jenen Figuren von Teniers oder Breughel, „diesen Gebilden, deren Schöpfer so recht wohlgefällig in der Gemeinheit wühlten“. Der positive Blick überwiegt. Erst recht nach der Revolution. Die kostbaren Farben, das leuchtend warme Rot, das Weißsilber, in das Waldmüller in frühen Stilleben kostbare Rosen mit papierzarten Blütenblättern, spiegelnde Kelche getaucht hatte, der ganze Glanz des Putztisches wandert in den fünfziger Jahren auf die Bauerngesellschaft hinüber. Mehr und mehr gewinnen seine Landleute, Bürger und Handwerker jetzt den Charakter unserer Serienschauspieler. Wir müssen sie gern haben und begegnen ihnen wieder auf den verschiedenen „Glücksbildern“, sehen die Jungvermählte, später die junge Mutter, treffen die Kinder auf dem Kirchweihfest, dann beim Veilchenpflücken.

Ein Zeitgenosse, Ludwig Knaus, hat mit ganz ähnlichen Bildrezepten in der zweiten Jahrhunderthälfte grandiosen Erfolg. Im Sommer zog Knaus sich in entlegene Schwarzwaldwinkel zurück, suchte nach letzten noch existierenden Idyllen im Grünen, fertigte Skizzen an und malte im Winter in Paris nach mitgebrachten folkloristischen Kostümen seine großen Genrebilder. Auch Waldmüller feiert seine späten Erfolge in den Metropolen, in Paris, in St. Petersburg, in London, kann hier seine Bilder verkaufen. Kaiser Napoleon erwirbt eins auf der Weltausstellung 1855, Königin Viktoria im darauffolgenden Jahr sogar zwei. In Wien aber ist die Stimmung wenige Jahre nach der Vormärzrevolution für den Metternich-Schützling umgeschlagen. 1857 entfernt man Waldmüller zwangsweise von seinem Akademieposten. 1865 stirbt er.

Noch vor der Jahrhundertwende wird Waldmüller wiederentdeckt. Das Licht, mit dem er seinen biedermeierlichen Alltag übergoß, versetzt seine späten Verehrer in Verzückung. Das Licht läßt vergessen, was er gemalt hatte, befördert ihn zum Ursezessionisten. Wenn man will, braucht man sie schließlich nicht so wichtig nehmen, die ganz und gar unrealistischen Bauern, die gruseligkitschigen Verhältnisse, und schaut einfach nur auf das raffinierte Licht- und Schattenspiel der Blattranken vor der Mauer, das Licht im changierenden Türkisblau der Röcke und der Blumen, die an jedem Graben wachsen. (Kunstforum Länderbank bis zum 16. Dezember. Katalog 350 öS.)