Eine Entdeckung aus Spanien: Eduardo Mendozas „Das Geheimnis der verhexten Krypta“

Nicht, daß der namenlose Ich-Erzähler, ein Schelm, wie er im Buche steht, nichts über sich und seinen Werdegang berichtete. Immerhin erfahren wir, daß der Vater des Erzählers, nicht nur beim Filzlausrennen ohne Fortune, den beiden Kindern gegenüber eine „possessive Ablehnung“ empfand, bevor er die Familie verließ, und daß die morphiumsüchtige Mutter, eine herzensgute Diebin, leider die meiste Zeit im Gefängnis zubrachte, weshalb der Vierjährige seine fünf Jahre ältere Schwester schon aus Überlebensgründen in das Einmaleins der Prostitution einweihen mußte. Der Entschluß des bald Elfjährigen, nach der ersten Geschlechtskrankheit ins Kloster einzutreten, konnte da nur ebenso folgerichtig wie kurzlebig sein.

Doch dies ist lange her. Als der Roman einsetzt, nennt sich dieses Ich längst einen „armen Irren“, allerdings einen von der genialen Sorte. Seit fünf Jahren, ein Gericht wollte es so, lebt er im „Sanatorium“, nicht mehr jung, noch nicht alt, kann in Ruhe das Irrenhaus-Fußballteam trainieren.

Beiläufige Vita und Exposition einer Geschichte, die skrupulös nachzuerzählen eine Unmöglichkeit ist und eine Gemeinheit wäre: Brächte man sich doch um sein Gedächtnis und andere um eines der irrwitzigsten Lesevergnügen der letzten Jahre. Begnügen wir uns mit dem Plot: Im Jahre 1977 ist aus einem von Nonnen geführten Mädchenpensionat eine Vierzehnjährige spurlos verschwunden – Parallele zu einem sechs Jahre zurückliegenden, niemals aufgeklärten Fall aus „präpostfranquistischer Ära“. Zweifellos eine ebenso heikle wie heiße Angelegenheit, und die Polizei, verkörpert durch die drohend schmierige Figur des Kommisars Flores, läßt den Helden zwecks Mithilfe laufen. Als Fuchs oder als Hasen?

Virtuoser Erfinder dieser Figur zwischen Simplicissimus und Baron von Münchhausen, zwischen Richard Kimble und Philip Marlowe ist Eduardo Mendoza, einer der erfolgreichsten Autoren der neueren spanischen Literaturszene. Im Todesjahr Francos, 1975, betrat Mendoza, Altersgenosse Felipe Gonzalez’, eine verödete literarische Bühne und gab ihr seither mit hintergründiger Prosa zumeist historischer und kriminalistischer Thematik neue Impulse. In Deutschland wurde er erst letztes Jahr mit seinem 1986 geschriebenen Roman „Die Stadt der Wunder“ vorgestellt. Das bereits in fünfzehn Sprachen übersetzte, auch in Italien und Frankreich mit Lob und Preis überschüttete Werk gilt, wogegen sich Mendoza spürbar wehrt, mittlerweile als das Kültbuch Barcelonas: Hymne auf eine rege, geschäftstüchtige, nicht sehr transzendente (Heimat-)Stadt am Beispiel des unaufhaltsamen Aufstiegs eines Anarchisten zum reichsten Mann Spaniens.

Nun geht die Entdeckungsreise rückwärts. Mit dem „Geheimnis der verhexten Krypta“ (1979), das Mendoza während eines zehn Jahre dauernden Intermezzos als Uno-Dolmetscher in New York in kurzer Zeit geschrieben hat und das in Spanien bis heute zwanzig Auflagen erlebte, ist ein Anfang gemacht. Nocht steht die Übertragung der – in Frankreich schon vor Jahren übersetzten – Titel „Die Wahrheit über die Affäre Savolta“, seines Erstlings, und „Olivenlabyrinth“ (1982) aus. Im letzten Jahr ist „La isla inaudita“ (Die unerhörte Insel) hinzugekommen, eine venezianische Liebesgeschichte der leiseren Tonart.

Verglichen mit dem umfänglichen Barcelona-Epos ist „Das Geheimnis der Krypta“ eine Etüde. Und doch bietet Eduardo Mendoza darin vieles in einem: Krimi, Satire, psychologische Gesellschaftskomödie, sogar eine (winzige) Lovestory und, nicht zu vergessen, einen Entwicklungsroman: Gereift kehrt der Held – ein Eulenspiegel hinter der Maske des Candide – ins Irrenhaus zurück, denn wo kann man heutzutage ungestörter duschen, wenn man sonst kein Dach über dem Kopf hat und keine Peseta in der Tasche?