Sonderkommandos dringen über die Dächer vor, Blendraketen und Gasgeschosse schwirren kreuz und quer durch die Straße. Eine schlägt in eine Neubauwohnung ein und setzt die Einrichtung in Brand; als nach einer halben Stunde die Feuerwehr eintrifft, haben die Nachbarn bereits gelöscht. 8.00 Uhr. Die Dächer sind besetzt, die ersten Türen werden mit Äxten und mit Stangen aufgebrochen; die meisten Berufsrandalierer haben sich längst abgesetzt.

Harren auf Hiebe

Als erstes wird ein leerstehendes Haus erobert, anschließend das Tunten-Projekt. Dann fällt, fast ohne Widerstand, eines nach dem anderen. Die 300 Zurückgebliebenen sitzen in ihren Wohnungen und harren auf Festnahme und erkennungsdienstliche Behandlung – auch der Hiebe, mit denen Polizisten ihre Spannung abbauen. Bis zum Schluß schallt von einem Balkon die Musik von Rio Reiser. Wieder einmal sind bei der Auseinandersetzung West gegen West vor allem die Ostdeutschen auf der Strecke geblieben.

Es folgt eine Phase der Erklärungen. Der Senatssprecher auf Fragen von Journalisten, die während der „Maßnahme“ abgedrängt wurden, während Leute in Zivil Photographen auch schon mal einschüchterten: „Durch den Barrikadenbau bestand die Notwendigkeit einer friedlichen Lösung nicht mehr.“ Die jungen Polizisten diskutieren mit aufgeregten Berlinern, die zwar die Gewalt der Chaoten ablehnen, bei denen aber die Sympathie für die Besetzer überwiegt. Zu nahe sind auch die Erinnerungen an die Tage um den 7. Oktober 89. Die Law-and-order-Leute werden erst an den folgenden Tagen vor den Kameras mutig. Auch unter den Uniformierten herrscht Nachdenklichkeit vor, einige erkundigen sich bei Passanten, was Montag eigentlich vorgefallen sei. Einer hält seinen Berufskollegen davon ab, auf einen provozierenden Alternativen loszugehen; der Polizist brüllt dann statt dessen: „Weißt du eigentlich, was das für ein Gefühl ist, wenn neben dir eine Waschbetonplatte runterkommt oder ein Kamerad plötzlich in Flammen steht?“ Zwei zuständige Angestellte der Wohnungsbaugesellschaft versichern völlig verstört, daß es ihres Wissens keinen Strafantrag auf Räumung gäbe, ein leitender Angestellter äußert, der sei auf Anforderung aus Westberlin am Dienstag gestellt worden.

Am nächsten Tag, Donnerstag, den 15. November, gilt absolutes Sprechverbot bei den Wohnungsverwaltern: Journalisten mit Interviewwünschen dürfen Fragen unter Angabe ihrer Personalausweis- und ihrer Journalistenausweisnummer schriftlich einreichen. Eventuell werde ihnen dann ein Termin gewährt. Die Häuser der Mainzer Straße sind inzwischen alle geräumt. Polizisten und Bauarbeiter sind nach dem Einsatz durch die Wohnungen gegangen, haben Einrichtungen und sämtliche Versorgungsleitungen zerstört, um die Häuser unbewohnbar zu machen. Dabei verschwanden auch Fernseher und Stereoanlagen von Besetzern.

Berlin scheint wieder eine besetzte Stadt zu sein. Auf wichtigen Plätzen sind Wasserwerfer und Panzerfahrzeuge präsent, eine Protestdemonstration löst die andere ab, ein Ostberliner läuft jammernd um seinen fabrikneuen japanischen Wagen, weil jemand mit Filzstift sein Nationalitäten-„D“ um ein weiteres D und ein R erweitert hat. Es sind noch knapp anderthalb Wochen bis zur Wahl.