Also, der Betrieb läuft ja noch weiter. Letzte Sitzung des Bundeskabinetts vor der Wahl. Die Ministerpräsidenten Čalfa und Roman aus der ČSFR und Rumänien in Bonn. Aufräumungsarbeiten der Noch-Parlamentarier, sofern sie nicht an der Wählerfront sind. Und volle Hauben bei den Coiffeuren, weil sich die Damen auf den Presseball vorbereiten. Aber allmählich breitet sich in Bonn doch jene merkwürdige Stille aus, die es allemal vor den Wahlen gibt, selbst wenn ihr Ausgang, wie jetzt, schon so gut wie festzustehen scheint. Warten auf den Abend des 2. Dezember.

Zwar werden sich die Minister, bis zur Bildung des neuen Kabinetts, noch als amtierende Regierungsmitglieder wiedersehen. Auch rechnet jedermann damit, daß es diesmal schnell gehen wird. Das Parlament will sich noch vor Weihnachten konstituieren, in Berlin. Und wenn nicht die berühmten Imponderabilien dazwischenkommen, soll auch gleich die Kanzlerwahl über die Bühne gehen – was voraussetzt, daß die künftige Ministermannschaft jedenfalls in ihren Umrissen bekannt ist. An endlosen Spekulationen über die Feiertage hinweg hat keiner Interesse.

Dennoch herrscht ein wenig Nervosität. Wie wird man sich wiedersehen? Und wen? Daß sich der Kanzler, wie gewohnt, eisern über seine Personalvorstellungen ausschweigt, steigert die Spannung, im Gegensatz zu einem Wahlkampf, der so spannungslos war wie kaum einer zuvor, im „neuen“ Teil des wieder zusammengefügten Staats noch mehr als im alten. Am Ende des Stimmenfeldzugs fürchtet die Union um die Mobilisierung ihrer siegesgewissen Anhänger. Daß die Zweitstimme die Kanzlerstimme sei, bleut sie den Leuten auf ihren Plakaten der letzten Hand ein. Lauter letzte Appelle.

Kommt die Müdigkeit von der Überstrapazierung durch so viele historische Stunden? „Wir schauen“, hat die Präsidentin Rita Süssmuth zum Schluß der allerletzten Sitzung des alten Bundestags am Donnerstag der vergangenen Woche gesagt, „auf eine gute Zeit zurück. Ich hoffe, daß auch die nächste Wahlperiode eine gute für uns wird.“ Noch immer faßt die Sprache nicht, was geschehen ist, flüchtet sie sich, wenn sie jedes Pathos vermeiden will, in dürre Worte. Erst vor einem Jahr hat Helmut Kohl sein Zehn-Punkte-Programm für ein deutsch-deutsches Miteinander vorgelegt, mit konföderativen Strukturen. Erst vor einem Jahr sind Politbüro und Zentralkomitee der alten SED zurückgetreten.

An diesem Freitag hingegen gibt es, zum Beispiel, den ersten gesamtdeutschen Presseball – egal, ob man, wie es im Programm heißt, Bock auf Bonn oder schon einen Koffer in Berlin hat. Die Mitternachtsshow bestreitet das Ballett des (Ost-)Berliner Friedrichsstadtpalastes, zu den Kapellen gehört auch die Blue Wonder Jazzband aus Radebeul. Lauter blaue Wunder.

Alle werden kommen, zu dem Bonner Gesellschaftsereignis, mehr als dreitausend, auch, in beträchtlicher Zahl, die Abgesandten der neuen PDS. „Bonner Presseball“ hat etwa Dagmar Enkelmann, eine ihrer Abgeordneten und bestimmt eine Zierde des Festes, am Ende ihres Wahlkampfkalenders aufgelistet, als sei es eine Art krönender Abschluß.

Nach der rauschenden und politisch gewiß knisternden Nacht aber wird es still werden, bis zum brausenden Getöse des Wahlabends in den Parteihauptquartieren und anderswo. We’ve got it! – mit diesem Motto laden zum Beispiel die Grünen zu sich ein. Aber wer wird was bekommen, was geschafft haben bei der ersten gesamtdeutschen Wahl?