So kommt es, daß ich den Übersetzer Norbert Randow besuche. Es ist riskant, wenn sich personifiziert, was man bislang nur für einen Mythos gehalten hat; die Probe aufs Exempel könnte immer auch ganz anders ausgehen. Unterwegs nach Pankow stelle ich mir die Nische vor, die der SED-Staat einem Übersetzer aus dem Bulgarischen eingerichtet haben könnte: bescheiden bestimmt, wie alles in diesem Land, aber komfortabel, ein Leben in geruhsamer Arbeit, abgeschirmt gegen die Stürme des Marktes, alle Hilfsmittel zur Hand, zu einem runden Jubiläum ein Verdienstorden mit Hammer und Zirkel...

Eine dunkle, kleine Wohnung. Ein geheizter Kachelofen. Die Wandregale über und über voller Bücher, Bulgarisches, Weißrussisches. Ich sitze Norbert Randow gegenüber, und er erzählt mir sein Leben.

Als junger Mensch nach dem Krieg – „ja, auch ich“ – überzeugt von der Sache, Studium der Slawistik, Mitglied der Partei. „Bulgarisch kam mir damals irgendwie leichter vor als Polnisch“; darum kniete er sich in die Bulgaristik und wurde schließlich Lektor an der Humboldt-Universität. Die Parteilinie sah er damals immer weniger ein. „Den Rest hat es mir gegeben, als ich Ulbricht und Co. und die dazugehörigen Ehefrauen beim Übersetzen aus der Nähe erlebt habe: ein Gangster, aber auch ein Fuchs, und auch wieder völlig behämmert.“

1962 wurde Randow festgenommen und zu drei Jahren Haft verurteilt, die er in neun Gefängnissen der DDR absaß. Das Delikt: „antisowjetische Hetze und Beihilfe zur Republikflucht“. Die antisowjetische Hetze bestand darin, daß er ein Exemplar von „Doktor Schiwago“ besaß und weiterverliehen hatte; als Beihilfe zur Republikflucht wurde gewertet, daß er das Manuskript eines befreundeten Schriftstellers, Werner Kilz, aufbewahrt und nachgesandt hatte, als der in den Westen getürmt war. Randow scheint gar nicht verbittert an jene Jahre zurückzudenken. „Ich habe im Knast viele hervorragende Leute getroffen, die gar nicht wußten, wie ihnen geschah.“

Nach der Entlassung führte kein Weg zurück an die Universität. „Und seitdem lebe ich ausschließlich vom Übersetzen. Aufs Geldverdienen kam es mir nie an; ich brauche nur das Nötigste. Ich habe nirgends mehr mitgemacht, habe mich aus allem zurückgezogen, bin auch nie in den Schriftstellerverband eingetreten.“ Doch, es hätte Vorteile gebracht: einen monatlichen Zuschuß zur Sozialversicherung, der nur den Schriftstellern gewährt wurde, Kuren, Reisen, das Erholungsheim in Petzow... „Aber ich war nicht neidisch auf die Verbandsfunktionäre. Es war mir egal.“

Ein einziges Mal habe er an Klaus Höpcke geschrieben, den obersten Bücherfunktionär im Kulturministerium und gleichzeitig Vorstandsmitglied im Schriftstellerverband. Das war, als er zu einer bulgaristischen Tagung nach Regensburg eingeladen war. „Er hat mir auch geantwortet: mit einer Lüge, einem Zynismus und einem Diebstahl. Die Lüge war, daß er nicht zuständig für Reisegenehmigungen sei. Der Zynismus war, daß er mir empfahl, mich an die örtliche Polizei zu wenden. Der Diebstahl war, daß er die schriftliche Einladung einbehielt.“ Auch an Honecker schrieb er einmal: Als ihre Wohnung ausgebrannt war, wollte er ein einziges Mal seine Frau besuchen dürfen, die Westberlinerin war und die er immer nur während ihrer gemeinsamen Aufenthalte in Bulgarien sah. Das Gesuch wurde abgelehnt.

Hätten die Bulgaren nicht ignoriert, daß er in der DDR Persona non grata war, und ihn immer wieder zu Arbeitsaufenthalten nach Sofia eingeladen – die Nische, die nicht sein Staat ihm eingerichtet hatte, die er ihm vielmehr abtrotzen mußte, hätte keinen Bestand gehabt. Obwohl die Übersetzerhonorare in der DDR vergleichsweise etwas höher lagen als in der Bundesrepublik, wäre er in dem Jahr, als er für den Insel-Verlag eine altbulgarische Chronik übersetzte und annotierte, auf weniger als 300 Mark im Monat gekommen, in der DDR auch für einen bescheidenen Menschen zu wenig.