Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Dieses Motto aus Kindertagen strikt befolgend, werden wir uns tunlichst in Geduld fassen bis zu einem magischen Datum: dem 2. Juni.

An diesem Tag nämlich präsentiert uns die Deutsche Bundesbahn ihren neuen Fahrplan. Wie immer eine spannende Sache. Doch in diesem Jahr wird alles noch viel aufregender als gewöhnlich. Nicht genug damit, daß „das gesamte Intercity-System umstrukturiert“ worden ist, daß mehr als fünfzig neue Züge zum Einsatz kommen und der ICE von Hamburg künftig immerhin mit 250 Sachen gen München fegt. Nein, die allergrößte Freude bereitet uns die Deutsche Bundesbahn mit der Eröffnung, daß die neuen Züge mit Namen geschmückt durchs vereinte Vaterland geschickt werden. Mit illustren Namen, versteht sich. Schier grenzenlos war bei der Auswahl die Kreativität der DB-Produktmanager, die als Taufpaten fungierten.

Auch wenn wir leider nicht dabeisein konnten bei diesem denkwürdigen Brainstorming, so wird es uns wenigstens vergönnt sein, die Ergebnisse aus der bahneigenen Denkfabrik zu genießen. Immer dann nämlich, wenn wir einen Zug besteigen. Vergessen wir also getrost die Zeiten, in denen wir Rheingold oder dem Rasenden Roland nachtrauerten. Denn jetzt dürfen wir uns mit Hamlet von Hamburg nach Kopenhagen begeben. Nach Mailand mit Verdi fahren, nach Bologna mit Paganini, nach Linz mit Anton Bruckner oder nach Kopenhagen mit Thomas Mann. Und da wir im Besitz einer relativ gesunden Halbbildung sind, wissen wir natürlich auch, um wen es sich bei jenen Herren handelte.

Nur gelegentlich geraten wir ins Grübeln. Zum Beispiel auf dem Weg nach Amsterdam: Wer war Jan Pieters Sweelinck? Und wer Mimara, der „kunstbeflissene Kroate“? Andererseits: Wann kommen wir schon nach Amsterdam oder gar nach Zagreb? Da liegt uns Westerland viel näher, und von dort fährt Emil Nolde.

Freilich: Nicht nur Dichter und Denker, Maler und Musiker mußten herhalten: „Zaghaft“, so erfahren wir, „kommen auch Männer aus Naturwissenschaft und Technik zu Ehren.“ Otto Lilienthal zum Beispiel, der ja, wenn man sich recht entsinnt, lieber flog, als Bahn fuhr. Von Hamburg nach München aber reisen wir mit Franz Kruckenberg, und der war „ein Eisenbahnpionier“. Natürlich dürfen weder Johannes Kepler noch Andreas Hofer fehlen, weder Walter Gropius noch Leo von Klenze, ja nicht einmal der heilige Bonifatius.

Wahrhaftig, künftig können wir schwelgen in Kultur und Geschichte, kaum daß wir den Fahrplan aufschlagen. Und dennoch sind wir, um ganz ehrlich zu sein, ein bißchen beleidigt. So viele klangvolle Namen – und alles nur Männer? Nein, nein, denn die Bundesbahn will ja „durchaus auch Frauen zum sprichwörtlichen Zug kommen lassen“. Und so freut es uns, bescheiden wie wir sind, daß immerhin „drei Schriftstellerinnen“ Gnade fanden: Annette Kolb, Ricarda Huch und Tania Blixen.

Warum die Damen bei der Bundesbahn derart ins Hintertreffen geraten? Das wird, quasi als Entschuldigung, mit einem denkwürdigen Satz erklärt: „Der Zug – ein männliches Wort.“ Stimmt. Aber „die Bahn“ ist weiblich.

Brigitte Wolter