Von Oliver Berlau

Pastor Werner Braune wollte den Schmerz lindern. „Es ist nichts Ungewöhnliches, wenn ein Mensch mit achtzig Jahren die Bühne des Lebens verläßt“, sagte er, der Leiter der Stephanusstiftung, Weißensee, in seiner Trauerrede für den unlängst verstorbenen Tierparkdirektor Heinrich Dathe. Mehrere tausend Berliner waren an jenem 17. Januar zum Krematorium im Baumschulenweg gekommen, um von dem Gründer ihres Tierparks Abschied zu nehmen.

Nun mag der Tod eines Achtzigjährigen tatsächlich nicht ungewöhnlich sein. Ungewöhnlich aber war Heinrich Dathe, und ungewöhnlich war erst recht die Art, wie dem alten Herrn kurz vor seinem Tod der Stuhl vor die Tür gestellt wurde.

Dathe war nicht einfach nur Direktor des (Ost-)Berliner Tierparks. Er war ein international geachteter Zoologe. Als Schöpfer des 160 Hektar großen Tierparks in Friedrichsfelde wurde er auch im Westteil der Stadt bekannt. Und viele Menschen in den neuen Bundesländern sahen, auch als diese noch Bezirke der DDR waren, Dathe und Tierpark fast als Synonyme.

Der sächselnde Zoologe hatte den Schloßpark in Friedrichsfelde nicht nur in eine wissenschaftliche Einrichtung verwandelt, die wegen ihrer Zuchterfolge höchstes Ansehen im Ausland genoß. Er hatte auch eine der schönsten Bildungs- und Erholungsstätten der Stadt geschaffen. Weit über siebzig Millionen Besucher wurden seit der Eröffnung am 2. Juli 1955 gezählt. Fernsehsendungen und Vorträge trugen weiter dazu bei, daß in der ehemaligen DDR zunächst ans Berliner „Paradies der Tiere“ und an Direktor Dathe gedacht wurde, wenn von „zoologischen Einrichtungen“ die Rede war. „Für mich war Friedrichsfelde schon in meiner Kindheit immer nur der Tierpark“, meint, wie viele, die aus Mecklenburg stammende Studentin Annette Erb. Kein Wunder, daß es sie dauert: „Jetzt wurde der Direktor regelrecht fertiggemacht!“ Die „Abwicklung“, der Kahlschlag westlicher Holzfäller im Osten Deutschlands, bedrohte nämlich auch Dathes Lebenswerk. Möglichst viele Mitarbeiter sollten möglichst rasch entlassen werden. Der zu seinem achtzigsten Geburtstag mit unzähligen Glückwünschen und Anerkennungen bedachte Dathe hatte noch versucht, die Axt aufzuhalten: „Solange ich da bin, wird hier niemand seinen Arbeitsplatz verlieren.“

Doch lange war er nicht mehr da, und selbst wenn er es gewesen wäre, er hätte nicht einmal die eigene Entlassung verhindern können. Nur vier Wochen nach seinem Geburtstag wurde ihm in einem kaltschnäuzig abgefaßten Brief gekündigt. Ein paar Tage Zeit blieben noch, die Amtsgeschäfte zu übergeben, wenige Wochen nur, „Abwicklung“ eben, auch die Dienstwohnung zu räumen. Absender des Kündigungsschreibens war Richard Dahlheim, Stellvertreter der Stadträtin für Kultur. Und dieser Dahlheim hielt es anscheinend für seine Pflicht, noch über den Tod hinaus abzuwickeln. Heinrich Dathe, über den viele sagten, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, weil er die Abschiebung in den Ruhestand und die drohende Zerstörung seines Zoos nicht verkraftet hatte, wurde von Richard Dahlheim noch posthum verhöhnt und geschmäht. Als „Akt der Barmherzigkeit“ wollte der stellvertretende Stadtrat die Entscheidung verstanden wissen „den endlich in den Ruhestand zu schicken“. Der Professor, so meinte Dahlheim ohne einen Hauch von Gefühl, sei zum „unpassenden Zeitpunkt verstorben“.

Ein „Ceauşescu des Tierparkwesens“ sei Professor Dathe gewesen, ätzte Dahlheim, um sein Opfer noch im nachhinein in Mißkredit zu bringen. Ein denkbar geschmackloser Vergleich und ein dummer dazu: Dathe war nie in der SED gewesen, er hatte nicht einmal Fahnen oder protzige Losungen in seinem Tierpark aufhängen lassen. Kultur, sollen wir im Osten doch wohl jetzt lernen, ist auch der Umgang von Menschen miteinander. Und Dahlheim, dem es offenbar an Herzensbildung mangelt, hat zudem sich selbst und seinem Amt einen denkbar schlechten Dienst erwiesen. Ihren Tierpark wollen sich die Berliner jetzt erst recht nicht wegnehmen lassen. „Der gehört doch denen gar nicht“, empört sich die Rentnerin Else Berndt aus Lichtenberg, „wir haben den Tierpark mit unseren Spenden und Arbeitseinsätzen aufgebaut.“ Besonders für ältere Menschen, für Behinderte und Kinder ist er zu einem wichtigen Teil ihrer Stadt geworden. Und überhaupt ist vielen ein Tierpark ohne Professor Dathe schwer vorstellbar. Ob der Direktor mit auf dem Rücken verschränkten Armen durch die Anlage schritt, ob er sich mit Löwenbabies im Arm im Fernsehen zeigte, er gehörte einfach dazu. Er war ihr Bernhard Grzimek.