Die Geschichte der Deutschen kennt im 19. und 20. Jahrhundert eine ungewöhnliche Vielfalt der Wanderungen – von Menschen über Grenzen und von Grenzen über Menschen hinweg. Allein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kamen fast fünfzehn Millionen Vertriebene, Flüchtlinge, Übersiedler und Aussiedler ins westliche Nachkriegsdeutschland und die Bundesrepulik. Nimmt man die aus den „Gastarbeitern“ hervorgegangene Minderheit hinzu, dann rekrutiert sich fast ein Drittel der Wohnbevölkerung der („alten“) Bundesrepublik 1990 aus Zuwanderungen seit 1945.

  • Europa-Ost: Nach Hunderttausenden zählte noch im 19. Jahrhundert die Auswanderung der Deutschen nach Osteuropa, vor allem nach Rußland und in die Habsburger Länder. Wanderungsziele waren Siedlungsschwerpunkte mit oft Jahrhunderte überdauernden Kulturtraditionen. Viele Spuren erloschen erst im Jahrhundert der Weltkriege – durch Zwangsumsiedlungen, kulturelle Repression und zuletzt durch die Ausreise derer, die als „Aussiedler“ nach der Heimat der Vorfahren suchten.
  • Neue Welt und zurück: Von den Hungerjahren 1816/17 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 brachte der transatlantische Exodus rund 5,5 Millionen Deutsche in die Vereinigten Staaten. Eingeschlossen in den vorwiegend wirtschaftlich bedingten Massenstrom waren die verschiedensten kleineren Bewegungen – von den frühen, noch ins 19. Jahrhundert hineinragenden religiös-weltanschaulichen Gruppenauswanderungen über die Flucht verfolgter Revolutionäre von 1948/49 (Forty Eighters) bis zu den Spuren deutscher Sozialisten, die zur Zeit von Bismarcks Sozialistengesetzen nicht nur ins europäische, sondern auch ins überseeische Ausland führten.
  • Europa-West: Neben dem transatlantischen Weststrom und dem kontinentalen Oststrom gab es im 19. Jahrhundert, in geringerem Umfang, auch Wanderungen ins übrige Europa – nach Holland und Belgien ebenso wie nach Frankreich und in die Schweiz. Auswanderungen überschnitten sich dabei mit Saisonarbeiten, wie die der Schnitter- und Torfstecherkolonnen der „Hollandgänger“ aus Norddeutschland. Die deutschen Arbeitswanderungen nach Frankreich und insbesondere nach Paris mündeten in ein seit der Restaurationszeit für einige Generationen stabiles unterbürgerliches Sozialmilieu: hessisch-darmstädtische Gassenkehrer, pfälzische Fabrik- beziehungsweise Erdarbeiter und Lumpensammler, deutsche und elsässische Dienstmägde lebten in einem „Gastarbeitermilieu“ mit allen Funktionen und Problemen eines ausländischen Subproletariats.
  • Transitströme: Die überseeische Auswanderung schrumpfte ab 1893 zum Rinnsal, und die deutschen Transatlantik-Liner füllten sich mit der millionenfachen Menschenfracht der zeitgleich aufsteigenden ost- und südosteuropäischen Transitwanderung, die man „Durchwanderung“ nannte: Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs passierten mehr als fünf Millionen Auswanderer aus Rußland (besonders Polen und Juden) und aus Österreich-Ungarn Deutschland auf dem Weg zu den Seehäfen. Die meisten schifften sich in Hamburg und Bremen nach den Vereinigten Staaten ein.
  • Binnenwanderungen: Das kaiserliche Deutschland des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts erschien dem Nationalökonomen Werner Sombart auch im Innern wie „ein Ameisenhaufen, in den der Wanderer seinen Stock gestoßen hat“: Er meinte die millionenfache Landflucht und Fernwanderung aus dem agrarischen Osten in den Westen. Hierher gehört auch die Geschichte der zugewanderten „Ruhrpolen“, die preußischdeutscher Staatsangehörigkeit, aber polnischer Muttersprache und Nationalkultur waren.
  • Wanderarbeiter und Fremdarbeiter: „Leutenot“ in der Landwirtschaft, „Arbeiternot“ in Industrie, Straßen- und Kanalbau ließen seit den 1890er Jahren die Saisonwanderungen zur Massenbewegung werden. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gab es rund 1,2 Millionen ausländische Wanderarbeiter im Reich, vor allem Polen aus dem russischen Kongreßpolen. In der Weimarer Republik lief, die Ausländerbeschäftigung auf niedrigerem Niveau fort bis zur Weltwirtschaftskrise. Seit 1939 mündete sie in die millionenfache Sklavenarbeit von deportierten „Fremdarbeitern“ und Kriegsgefangenen in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft.

Das Ende der Weimarer Republik brachte auch die Emigration aus dem nationalsozialistischen Deutschland in weltweit rund 75 Emigrationsländer, unter denen die Vereinigten Staaten die wichtigsten waren.

  • Flüchtlinge und Gastarbeiter: Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es im deutschen Westen weiter große Eingliederungsprozesse: Die Integration der Vertriebenen und Flüchtlinge war Mitte der fünfziger Jahre kaum bewältigt, als schon in größerem Umfang Arbeitswanderungen aus dem europäischen Ausland ins Bundesgebiet einsetzten. – Damit begann der zweite große Eingliederungsprozeß: die unbeabsichtigte und lange „dementierte“ Entwicklung von der Ausländeranwerbung über die „Gastarbeiterfrage“ zum Einwanderungsproblem. Klaus Bade