Von Karl-Heinz Janßen

Hitlers Deutschen und ihren Nachgeborenen hat der Mittsechziger Hans-Jürgen Eitner sein neues Buch gewidmet – „zum besseren Verstehen“. Er wendet sich also nicht bloß an die paar Millionen Deutschen, die heute älter als 55 sind und die Zeit des „Dritten Reiches“ ganz oder teilweise miterlebt oder mitgestaltet haben, sondern mehr noch an deren Kinder und Enkel, denen dieser Tage wieder einmal als Rechnung präsentiert wird, was Hitlers Deutsche in der Welt angerichtet haben.

Uns allen ist wenig gedient mit der (gar nicht so originellen) Erkenntnis, Hitler sei ein satanischer Menschheitsfeind, ein Monstrum gewesen. Neunzig Prozent der von ihm regierten Deutschen fühlten sich keineswegs wie die Märchenkinder in der Höhle des Menschenfressers. Erst nach dem Mai 1945 wandte sich das Volk von Hitler ab: enttäuscht, mißbraucht, verraten.

Aber die meisten dieser Opfer waren zuvor Täter gewesen, und die Täter sind für Eitner im weitesten Sinne Wähler, Arbeiter, Ingenieure, Soldaten, Offiziere, Hitlerjungen, Hausfrauen, aber auch die Bürokraten des Massenmords, die Lokomotivführer der Züge nach Auschwitz, die PK-Berichter, die Truppenbetreuer. Was ihn, den einstigen Hitlerjungen, Arbeitsdienstmann und Ostfrontkämpfer nicht losläßt, ist das Phänomen des ganz gewöhnlichen Faschismus; ein Volk, das sich „zwischen Verfolgung und Vergnügen“ einzurichten weiß, das sich anpaßt und das Denken abgewöhnt, in einem fast politikfreien Alltag, wo nur eine kleine Minderheit Widerstand leistet, ins KZ gesperrt wird oder ins Exil geht und wo nur einige Bevölkerungsgruppen (Juden, Zigeuner, Homosexuelle, Behinderte) von den Segnungen der Volksgemeinschaft ausgeschlossen wurden – unter dem lauten oder stillen Beifall der Vielzuvielen.

Eitner hat etwas vollbracht, was den wenigsten Historikern gelingt: das Leben unter der Nazi-Diktatur im nachhinein erfahrbar und anschaulich zu machen dank einer raffinierten Montagetechnik. Er nimmt Stichproben alltäglichen Geschehens, indem er aus einer immensen Stoffmenge an Memoiren, Tagebüchern, Zeitungsmeldungen, Akten (manchmal sehr abgelegenen Quellen) und Sekundärliteratur geschickt Zitate aussucht, sie mit eigenen Erfahrungen und Kommentaren vermischt. Wer es noch genauer wissen will, dem bietet er achtzehn Seiten Literaturhinweise.

Sein zweiter Kunstgriff, durch den die Lektüre ungemein fesselnd wird: Mitten aus zeitgenössischen Schilderungen greift er vor auf Kommentare aus folgenden Jahrzehnten und auf den späteren Werdegang einzelner Beteiligter. Er beherzigt ein Wort Klaus von Dohnanyis, wonach das Reden über die Vergangenheit immer dort am meisten schmerzt, wo Namen genannt werden. Und Eitner nennt reichlich Namen und hätte noch viel mehr erwähnen können.

Wer wollte da im nachhinein nicht erschrecken: wie sich die nachmals berühmten Soziologen Adorno und Schelsky und die ebenso berühmten Architekten Mies van der Rohe und Gropius anzubiedern versuchten; wie die Lyriker Wilhelm Lehmann und Günter Eich nach 1945 ihre Lebensläufe korrigierten; wie Karajan doppelter Parteigenosse wurde; oder welch klangvolle Namen – Eitner zählt 32 auf – neben dem Leitartikler Goebbels die Autorenliste des Nazi-Wochenblattes Das Reich zierten – von Peter Bamm bis Egmont Zechlin.

Eitner scheut sich nicht, uns Tatsachen einzubleuen, die in der Literatur und Presse der letzten Jahre eher vernebelt wurden (Ausnahmen bestätigen die Regel): Die Weltwirtschaftskrise war Anfang 1933, als Hitler zur Macht kam, keineswegs im Abklingen, sondern erreichte einen neuen Tiefpunkt. – Die NSDAP war nicht nur eine sehr junge Bewegung, sondern auch die erste Volkspartei der deutschen Geschichte. – Die Großindustrie als Ganzes unterstützte Hitler erst, nachdem er Erfolg hatte. – Der Terror gegen Kommunisten und Sozialdemokraten war bei Bürgern und Bauern, der Boykott gegen jüdische Geschäfte besonders beim Mittelstand populär. – Die Mordaktionen im Juni 1934 fanden „fast einhellige Zustimmung“ (!) und steigerten schlagartig die Popularität Hitlers. – Bis heute findet man in Deutschland noch Bedauern darüber, daß nicht – „wie zu Adolfs Zeiten“ – Asoziale, Landstreicher, Zigeuner, Gelegenheitsdiebe in Arbeitslager gesteckt werden und die Kriminalpolitik nicht so scharf gehandhabt wird wie damals.

Kernstück der Eitnerschen Zusammenschau sind seine Kapitel über das „NS-Wirtschaftswunder“ und die sozialen Errungenschaften unter dem Hitler-Regime. Die Wachstumsraten damals waren höher als in der frühen Bundesrepublik; die Wirtschaft verdiente prächtig („Die Marktgesetze sind stärker als NS-Gesetze“). Kurz vor dem Krieg erreichte das deutsche Volk das höchste durchschnittliche Wohlstandsniveau in seiner bisherigen Geschichte. In ihrer großen Mehrheit war die Arbeiterschaft von Hitler eingenommen – dank Vollbeschäftigung, sozialer Verbesserungen, darunter bezahlter Urlaub und Massentourismus – und hielt ihm unter schwersten Kriegsbedingungen die Treue. Viele Werte unserer Wohlstandsgesellschaft, die wir den fünfziger Jahren zurechnen, wurden schon von den Nazis propagiert: Eigenheim, Auto, Wohnwagen, Rundfunk und Fernsehen, moderne Küchengeräte, Recht auf Arbeit und Gesundheitsfürsorge, Bildungs- und Berufsförderung, Gewinnbeteiligung, Volkspension, Chancengleichheit.

Aber anders als Sebastian Haffner, der 1978 in seinen vielgerühmten „Anmerkungen zu Hitler“ die Erfolge Hitlers säuberlich von den Fehlern und Verbrechen trennte, vermengt Eitner „gut“ und „böse“ so sehr, daß sich niemand an den Errungenschaften des NS-Regimes berauschen mag. An Klarheit der Aussage läßt er sich nicht überbieten: „Das NS-Wirtschaftswunder steht, für Hitler, im Dienst der Kriegsvorbereitung.“ Und es basiert auf Lohnstopp, auf „Zwangssparen“ der Sozial- und Lebensversicherung und im Kriege auf steuerbegünstigtem „eisernen Sparen“ der Lohn- und Gehaltsempfänger. Auch die Sozialpolitik des Antikommunisten und Antikapitalisten Hitler – wie überhaupt die ganze Innenpolitik daran läßt Eitner keinen Zweifel zu, sollten die Basis schaffen für Eroberungskrieg und Weltherrschaft.

Die blinde Gefolgschaftstreue der Deutschen zu ihrem menschenverachtenden Diktator ist eben nicht allein mit dem Terror des SS-Staates oder der meisterhaften Propaganda des Zynikers Goebbels zu erklären. Das ist die unverfälschte Wahrheit über das „Dritte Reich“, das von Eitner unzweideutig als Unrechtsstaat bezeichnet wird. Sein Buch – ein einzigartiges Kompendium aus 45 Jahren Zeitgeschichtsforschung, frei von selbstauferlegten Frageverboten – hilft zu begreifen, wie ein ganzes Volk einem Mythos erlag, so lange, bis er mit dem Tod des Diktators im Bunker ins Nichts zerstob.

  • Hans-Jürgen Eitner:

Hitlers Deutsche

Das Ende eines Tabus; Casimir Katz Verlag, Gernsbach 1990; 564 S., 39,80 DM